VW Golf GTI Roadster: Fahrbericht
Der stürmischste Golf aller Zeiten
Seit 50 Jahren macht er mächtig Wind. Aber kein Golf GTI hat so einen Sturm entfacht wie der Roadster, den die Niedersachsen erst für die PlayStation programmiert und dann für die Straße gebaut haben. Ein Jahrzehnt später verdreht er dir immer noch den Kopf.
Bild: Ingo Barenschee
Von wegen sonniger Süden. Mag schon sein, dass in Spanien das Wetter besser ist als in Wolfsburg. Doch zumindest an diesem Februarmorgen ist es auch im Hinterland von Barcelona lausig kalt, und in der Boxengasse des Circuit Castelloli wabert dir der Atem in weißen Wolken aus dem Gesicht.
Und trotzdem wird mir seltsam warm ums Herz. Denn VW feiert hier eine große Geburtstagsparty für 50 Jahre Golf GTI, und während sie draußen auf dem Parkplatz die ganze Generationenfolge aufgebaut und drum herum die neue Edition 50 arrangiert haben, rollt aus einem der großen Hubtore hier jetzt ein GTI in die Boxengasse, wie es ihn kein zweites Mal gegeben hat. Und statt ihn nur anzuschauen, darf ich ihn sogar gleich fahren. Da kann das Thermometer dann gerne stecken bleiben.
Wobei. Moment. Ist das euer Ernst? Statt des hottesten Hatches aller Zeiten mit dicken Backen, wilden Flügeln und Mega-Motor zaubern sie plötzlich ein Auto aus dem Hut, mit dem ich nun wirklich nicht gerechnet hätte. Ja, er hat dicke Backen. Ja, an dem Heckflügel kann sich wahrscheinlich eine ganze Handballmannschaft festklammern. Und ja, der Sechszylinder unter der Haube lässt mit seinen 503 PS selbst den als stärksten GTI aller Zeiten apostrophierten Edition 50 draußen auf dem Parkplatz wie ein Spielzeug wirken.

Ein GTI wie ein Batmobil: VW lässt sein wildestes Einzelstück von der Leine.
Bild: Ingo Barenschee
Doch was mein Testwagen nicht hat, das ist ein Dach – und leider auch nichts, was ansatzweise an eine Frontscheibe herankommt. Sondern kaum hüfthoch und bitterböse wie ein Batmobil steht hier der erste und wahrscheinlich einzige Roadster der 50 Jahre und 2,5 Millionen Exemplare langen GTI-Geschichte vor mir und bollert schon im Standgas so aufreizend, dass man ihn besser nicht mehr lange warten lässt. Dabei bekomme ich plötzlich doch kalte Füße. Und zwar nicht nur wegen der Temperaturen.
VW Golf GTI Roadster in "Dark Moss Green Metallic"
Denn eigentlich hätte es dieses Auto nie geben sollen. Zumindest nicht auf der Straße. Schließlich war der Roadster nur eine Fingerübung der Designer, mit der sie 15 Jahre Gran Turismo auf der PlayStation feiern wollten. Völlig frei erfunden, ohne die Zwänge des MQB, losgelöst von allen Konstruktionsprinzipien und von jeder Kostenrechnung.
Nur, dass Designchef Klaus Bischoff und sein Team ihre Rechnung ohne den VW-Vorstand gemacht haben. Denn Männer wie Ferdinand Piëch, Martin Winterkorn oder Ulrich Hackenberg dürften wohl kaum sonderlich leidenschaftlich an der PlayStation gezockt haben. Dafür allerdings hatten sie umso mehr Benzin im Blut – und haben den Roadster deshalb kurzerhand fürs GTI-Treffen 2014 aus der virtuellen in die reale Welt holen lassen.

Nur das Nötigste – im GTI Roadster sitzt du mitten im Maschinenraum.
Bild: Ingo Barenschee
Und gute zehn Jahre später und mit einer Folierung in "Dark Moss Green Metallic" der Geburtstagsedition steht er jetzt hier in der Boxengasse und giert nach mehr Gas, als ihm der Leerlauf gönnt. Und einer muss den frostigen Job ja machen. Gut, dass ich gerade noch beim Friseur war und die Haare gestutzt habe.
Also tanze ich den Lambada unter den Lambo-Türen, falte mich flach zwischen Seitenbrüstung und dem massiven Steg in der Mitte in meine Carbonschale und zerrre mir die roten Gurte über den Ranzen. Dann klackt am langen Schaltknauf der erste Gang rein, die Doppelkupplung schließt sich, die Hände krallen sich um die waagrechte Acht eines radikal reduzierten Rennlenkrads, über die digitalen Instrumente flirren die Zahlen schneller, als sie mein Blick erfassen kann, und der Youngtimer beweist schon auf der Start-Ziel-Geraden, dass er zwar gerastet, aber nicht gerostet hat.
Der 3,0-Liter-Sechszylinder brüllt auf, der Fahrtwind reißt am Schopf
Laut brüllt der drei Liter große Sechszylinder auf, gurgelt und faucht mit seinen zwei riesigen Turbos, und mühelos schleudern seine 665 Nm den Zweisitzer der ersten Kurve entgegen. Runterschalten, abbremsen, einlenken, Gas geben – und genießen. Den Sound, den Speed, die Kontrolle, die pure Energie. Wann sonst sitzt man schon mal im wahrscheinlich stürmischsten Golf aller Zeiten?
Der Fahrtwind reißt am Schopf, und du weißt nicht, ob es die Freude ist oder der Luftzug, weshalb dir plötzlich die Tränen in die Augen steigen. Nur dass sie dir gleich auf der Wange gefrieren werden, das ist dir sonnenklar. Der Allerwerteste schleift zwar schon fast schmerzhaft über den Asphalt, und trotzdem duckst du dich deshalb immer tiefer in die enge Schale, um irgendwie unter dem Wind hindurchzutauchen, der schon bei der Fotofahrt mit Orkanstärke über die von Kühlrippen durchbrochene Haube fegt. Kaum vorzustellen, wie sich das bei den 309 km/h Topspeed anfühlt, die sie ihm ins Datenblatt geschrieben haben.

Virtuell geboren, real entfesselt – der GTI Roadster zeigt, was möglich ist.
Bild: Ingo Barenschee
Gut, dass jetzt zwei Schikanen kommen und den Roadster ein bisschen runterbremsen. Selbst wenn er mit endlos tiefem Schwerpunkt und dem Allradantrieb, den es in Serie immer nur für den Golf R gab, narrensicher auf Kurs bleibt. Und noch besser, dass es nach der nächsten Geraden rechts weg zurück in die Box geht. Nichts gegen eine Fahrt auf der Memory Lane, gerne auch schnell und stürmisch. Aber dann bitte bei besserem Wetter.
Oder eben auf der PlayStation. Denn während das Einzelstück jetzt wieder zurück in die Garage rollt und dann heim nach Wolfsburg in die Sammlung, dreht der digitale Roadster munter weiter seine Runden – und jeder kann ihn fahren. Mit heißem Herzen und offenem Haar – egal bei welchem Wetter.
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