VW GTI W12: der Golf, der Ferrari das Fürchten lehrte
Mehr Power als ein Porsche: der brutalste Golf aller Zeiten
Nein, man muss nicht immer die Frage nach dem Sinn stellen. Zumindest nicht, wenn man gerade auf dem Weg zum größten Autohersteller der Welt ist. Als VW noch vor Kraft und Kohle strotzte, haben die Niedersachsen deshalb auch Autos gebaut wie einen GTI mit mehr Power als jeder Porsche. Warum? Weil sie es konnten.
Bild: Ingo Barenschee
Zwar lenkt die Autoindustrie den Blick notorisch nach vorn und suggeriert uns den permanenten Aufbruch. Doch zumindest zu runden Geburtstagen halten die Granden in München, Stuttgart oder Detroit kurz inne und schauen auch mal wieder in den Rückspiegel. So auch bei VW in Wolfsburg. Dort feiern sie gerade ein halbes Jahrhundert Golf GTI und legen dafür nicht nur die Edition 50 auf, sondern holen auch noch einmal den "König der Gölfe" aus der Garage.
Denn auch wenn die Geschichte des GTI reich ist an radikalen Einzelstücken, so haben sie doch zumindest im Werk nie einen Golf gebaut, der verrückter war und großspuriger als der Golf GTI W12-650. Ein Auto aus einer Zeit, in der man in Wolfsburg auf dem Weg zur vermeintlichen Weltherrschaft vor Kraft nur so strotzte und noch Lust hatte, physikalische Grenzen einfach aus Spaß zu verschieben. Ein Golf mit mehr Power als jeder Porsche und ein GTI, der mal eben zum Frühstück einen Ferrari verputzen konnte. Das waren noch Zeiten!
VW Golf GTI W12 wird wieder lebendig
Und jetzt werden sie noch einmal kurz lebendig. Denn heute darf der Über-Golf, den sie 2007 am Wörthersee auf den GTI-Thron gehoben haben, noch einmal raus auf die Strecke. Nicht als Nostalgie-Nummer, sondern als rollender Beweis dafür, wie weit man den GTI-Gedanken treiben kann, wenn man alle Konventionen über Bord wirft.

Phaeton-Herz im Kompakten: W12-Biturbo direkt hinter den Vordersitzen.
Bild: Ingo Barenschee
Schon beim Einsteigen wird klar, dass dieser Golf nichts mit dem Alltag zu tun hat. Keine Rückbank, kein Kofferraum, kein leiser Kompromiss. Hinter mir lauert ein Zwölfzylinder, längs eingebaut, dort, wo sonst die Kinder sitzen oder die Koffer gestapelt werden. Ein Motor aus Phaeton und Touareg, sechs Liter Hubraum, Biturbo, 650 PS, 750 Nm und ein Sound, als hätte der Teufel persönlich die Abgasanlage gestimmt.
Schwarzer W12-Feuerlöscher
Die Schalensitze sind stramm gepolstert, und das Cockpit sieht zwar nach Serie aus, hat aber ein paar Gimmicks wie aus einem Rennwagen: Zusatzanzeigen auf dem Armaturenbrett, Kippschalter mit Schutzklappen, ein schwarzer W12-Feuerlöscher dort, wo früher das Handschuhfach war. Selbst das ESP lässt sich nur nach einem kleinen Ritual ausschalten – erst Klappe hoch, dann Schalter umlegen. Das Auto will, dass man kurz nachdenkt, bevor man es von der Leine lässt.
Der Zwölfzylinder meldet sich nicht schüchtern. Er bellt los, dumpf und metallisch, als hätte jemand einen Supersportler in einen Kompakten gezwängt, den Bizeps eines Bodybuilders im Körper eines Biedermanns. Ich rolle aus der Box, jeder Gasstoß fühlt sich an wie ein Versprechen und eine Drohung zugleich. 750 Newtonmeter warten darauf, an die Hinterräder zu gehen, und ich weiß: Wenn ich jetzt auf den Pin steige, dann passiert alles gleichzeitig – Lärm, Speed, Adrenalin. Der ganze giftige Cocktail, und zwar auf Ex!

VW holt den König der Gölfe zurück auf die Strecke: den einmaligen W12‑650.
Bild: Ingo Barenschee
Wie gut, dass der Kurs ein paar lange Geraden hat. Erst zaghaft, dann Vollgas. Der Schub ist nicht sportlich, er ist brutal. 3,7 Sekunden bis Tempo 100 sind hier keine kühle Zahl aus dem Datenblatt, sondern ein körperliches Erlebnis. Der Kopf knallt nach hinten, der Blick verengt sich, und der Golf schießt los, als müsse er die fast 20 Jahre seit dem Debüt in zwei Minuten aufholen. Showcar? Einzelstück? Vergiss es! Dieser W12 lebt im Hier und Heute. Fühlt sich echt an, ernst gemeint, wie ein Rennwagen mit Tarnkappe.
Sieht immer noch aus wie ein Golf
Dabei sieht er immer noch aus wie ein Golf – zumindest auf den ersten Blick. Designchef Klaus Bischoff hatte damals recht: Auch als Supersportwagen wollte er den Golf-Charakter bewahren. Doch die mittlerweile im gleichen Rot wie die Geburtstagsedition folierte Karosserie ist naturgemäß ein bisschen aus dem Leim gegangen: acht Zentimeter flacher, 16 Zentimeter breiter als die Serie. Überall Lufteinlässe, Kiemen in den Flanken, Schlitze hinter den Seitenscheiben, ein riesiger Auslass am Heck.

Hinterradantrieb, W12 und ein nervöses Heck: Dieser Golf fordert Respekt.
Bild: Ingo Barenschee
Vorn zieht sich der rote Rahmen um den Grill wie ein Zitat aus dem Jahr 1976. Hinten stecken vier Endrohre, die aussehen, als hätten sie nur eine Aufgabe: Lärm und Leistung in die Welt zu tragen. Der Flügel ist unsichtbar, nach innen verlegt. Das Dach wirkt wie Teil eines Diffusors, der die Luft lenkt und Abtrieb erzeugt, ohne einen riesigen Spoiler auf die Karosserie zu setzen. Renntechnik im Maßanzug eines Kompakten.
In der Kurve wird klar, wie absurd dieses Auto ist. Breite Reifen kämpfen um Grip, das Heck wirkt wachsam, fast nervös. Man spürt, dass hier ein Kraftpaket arbeitet, das ursprünglich nicht für diese Klasse gedacht war. Frankenstein lässt grüßen. Doch genau das macht den Reiz aus. Dieser Golf ist keine Evolution, er ist eine Explosion. Ein Paralleluniversum der GTI-Geschichte, in dem ein ohnehin schon überzüchteter Sport-Golf vollends zum Supersportwagen wird und auch noch die letzten Regeln seines Segments, ach, der ganzen PS-Welt auf den Kopf stellt.
Wenn man kurz vom Gas geht, hört man den Motor hinter sich atmen, als müsste er sich sammeln. Dann wieder Druck, wieder Vortrieb, wieder dieses Gefühl, dass der Horizont näherkommt. 0 auf 100 in 3,7 Sekunden und maximal 325 km/h wären theoretisch möglich, heute bleibt es bei einem Vorgeschmack. Aber selbst der reicht, um zu verstehen, warum dieser Golf einst alles überstrahlt hat. Er war nicht nur ein Statement für die Fans, sondern auch an die eigene Marke: Wir könnten mehr, wenn wir wollten.
Schade nur, dass sie nicht gewollt haben. So bleibt der König vom Wörthersee ein Denkmal. Ein fahrendes "Was wäre, wenn". Aber vielleicht passt er genau deshalb so gut zu diesem Jubiläum. Denn die Geschichte des GTI war immer auch die Geschichte des kleinen Regelbruchs. Vom ersten Sport-Golf bis zum heutigen Edition 50 ging es darum, mehr aus einem Alltagsauto zu machen, zu überraschen und die Erwartungen zu übertreffen. Der W12 treibt diesen Gedanken bis ins Groteske – und genau darin liegt seine Schönheit.
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