Die entscheidenden Sätze stehen in dem 20-seitigen Dokument ziemlich weit hinten: Der AGR-Kühler im VW T5 sei wegen seiner "mangelhaften Materialeigenschaften" ursächlich für erhöhten Ölverbrauch und damit auch für den Motorschaden. 
Darauf haben Tausende von Motorärger geplagte Bulli-Fahrer gewartet. Ein unabhängiges, weil von einem Gericht bestelltes Gutachten bestätigt: Der Hersteller hat Mist gebaut! Bislang waren die Besitzer eines VW T5 meist auf ihren Reparaturkosten sitzen geblieben – auf bis zu 18.000 Euro.
Der T5 wurde rund 149.000-mal mit dem Biturbo-Diesel (132 kW/180 PS) und dem fragwürdigen AGR-Ventil ausgeliefert.
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Der AGR-Kühler erweist sich als ungeeignet

Kein interpretativer Spielraum: Die Aussagen im Gutachten sind eindeutig.
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Zwar ist längst bekannt, dass der T5-Motor mit der internen Bezeichnung CFCA mitsamt dem mangelhaften AGR-Kühler, gebaut von 2009 bis 2015, häufig erst Öl säuft und schon bei geringen Laufleistungen um 100.000 Kilometer oder gar darunter kaputtgeht. Eine angemessene Kostenbeteiligung von VW als Hersteller der fehlerhaften Technik war allerdings bislang alles andere als selbstverständlich.
Das AUTO BILD nun vorliegende Gutachten könnte das Kräfteverhältnis in den zahlreichen rechtlichen Auseinandersetzungen zwischen T5-Fahrern und VW zugunsten der Fahrzeughalter verschieben. Zu verdanken ist das Rechtsanwalt Pascal Fuest aus Meerbusch (NRW), der sich 2021 auf T5-Opfer spezialisiert hat. Laut ihm gibt es kaum noch ein Landgericht in Deutschland, an dem kein T5-Motortod-Fall im Auftrag eines Mandanten läuft. Etwa 100 Verfahren seien es aktuell. Nach Fuests Erfahrungen führen technisch präzise vorgetragene Klagen zu Beweisaufnahmen durch die Gerichte – und die wiederum regelmäßig zu Vergleichsangeboten durch VW. Bedingungen: Es liegt eine offizielle Ölverbrauchsmessung vor, und der beschädigte Motor ist noch vorhanden. Dies sei, so der Anwalt, das entscheidende Druckmittel gegen VW. Einige Mandanten hätten zur Beweissicherung den Motor auf eine Palette in die heimische Garage gestellt.

Schädigung durch Fremdteile in den Brennräumen

Über die Ergebnisse der abgeschlossenen Fälle macht Fuest keine Angaben. Höchstwahrscheinlich bestehen, ähnlich wie schon einst beim Dieselskandal, bei dem VW vor Gericht Zugeständnisse machen musste, Vergleiche mit Stillschweigensklauseln. Schlecht für VW: Das besagte unabhängige Gutachten, 2022 beauftragt vom Landgericht München I, belastet den Hersteller schwer und kommt bei Fuest in laufenden Verfahren als Indiz in dieser Fallgruppe zum Einsatz.
Zeitbomben: Bereits 2019 berichtete AUTO BILD über die Problematik.
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Danach lösen sich Teile im AGR-Kühler, gelangen in den Brennraum und verursachen dort Schäden. Rückenwind für Fuest: "Die Chance auf eine höhere Kostenbeteiligung durch VW hat sich damit deutlich erhöht." Zwar geht es nur um ein einzelnes Fahrzeug, jedoch könne laut Gutachten von einer Konstruktionsschwäche oder einem Konstruktionsfehler im weiteren Sinne gesprochen werden, sollte es zu einer signifikanten Häufung vergleichbarer Fälle gekommen sein oder noch kommen.

Anzeichen von Verbrennungsstörungen

Dass dem so ist, legen Zahlen nahe, die VW auf Anfrage preisgibt. Inzwischen seien weltweit ca. 16.000 Schadensfälle beim CFCA-Diesel bekannt, davon 8866 in Deutschland. Somit beträgt die Motorschaden-Quote angesichts 149.000 mit diesem Motor ausgelieferten T5 10,7 Prozent – zuzüglich der Fälle, die direkt in freien Reparaturbetriebenlanden. Etwa bei Kfz-Meister Markus Kroiß aus Eging am See (Bayern). Er tauscht nach eigenen Angaben mehr als hundert Motoren im Jahr. Trotz alledem beteuert VW, die Schäden würden nur unter bestimmten Bedingungen auftreten, ein vorsorglicher Tausch des fehlerverursachenden AGR-Kühlers sei daher unnötig.

Mit dem Ausfall des Motors ist jederzeit zu rechnen

Sinnvoll sei es hingegen, so Anwalt Fuest, ein Reparaturangebot einer nachweislich CFCA-erfahrenen freien Werkstatt einzuholen. So ließen sich bis zu 30 Prozent der Kosten sparen. Das ist in Anbetracht der steigenden VW-Preise angeraten: Betrugen die reinen Teilekosten für die wesentlichen Komponenten 2019 noch 5557 Euro, sind es heute schon 8885 Euro. Die Zeit läuft den Betroffenen also davon. Immerhin: Die Uhr tickt jetzt auch für VW.
Ölverbrauch und Motorärger scheinen sich auch beim T6 zu häufen.
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Auch beim CFCA-Nachfolger CXEB im VW T6 (150 kW, 2015 bis 2018) scheinen sich Ölverbrauch und Motorärger zu häufen. Das legen die Zahl der Einträge in einschlägigen Foren (z.B. TX-Board) sowie weitere Hinweise nahe. Bei Rechtsanwalt Fuest häufen sich Anfragen zu ölsaufenden T6, der niederländische Betrieb TSC de Betuwe hat für Instandsetzungen bereits ein Festpreis-Angebot, und Richard Wild von Wild Motoren aus Unterpleichfeld berichtet von einem neuen T6-Auftrag alle ein bis zwei Wochen, Tendenz steigend. Er vermutet, dass die Konstruktion von Kolben und Kolbenringen Probleme macht; andere Quellen schreiben dem Ventil der Abgasrückführung die Ursache zu. Verbraucht Ihr VW T6 Biturbo-Diesel zu viel Öl, oder steht er bereits mit Motorproblemen in der Werkstatt? Dann schreiben Sie uns: redaktion@autobild.de

Kommentar

von

Roland Kontny
Wer Bulli-Kummer hat und VW an den Kosten beteiligen will, sollte sich anwaltlich beraten lassen. Nach unseren Recherchen sind selbst bei Laufleistungen von 150.000 Kilometern noch 50 Prozent rauszuholen. Wer den Rechtsweg scheut, wird es schwer haben.