Beim Abendessen platzt es aus Rennfahrer-Legende Klaus Ludwig heraus: "Der Porsche Carrera GT ist ein Scheißauto!" Mit einem Augenzwinkern erklärt er: "Den kann nur der Walter wirklich am Limit fahren!" Wie gut, dass der Walter sich bereit erklärt hat, im Rahmen des 50. Jubiläums des Goldenen Lenkrads Taxifahrten im Porsche Carrera GT anzubieten!
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Der Regen des Vortags hat sich verzogen, als ich am Morgen der Testtage die Boxengasse des Lausitzrings betrete, wo die Finalisten des diesjährigen Goldenen Lenkrads blitzblank in Reih und Glied stehen. Ich schreite das beeindruckende Line-up entlang, als ich ihn sehe: den Porsche Carrera GT.

Der Porsche Carrera GT ist (m)ein Traumauto

Auch wenn ich "König Klaus" nur ungern widerspreche: Der Porsche Carrera GT ist absolut kein Scheißauto. Ganz im Gegenteil: Neben dem Pagani Zonda ist der 2003 präsentierte Carrera GT mein absolutes Traumauto. Egal ob es das zeitlose Design oder die für die damalige Zeit hochmoderne Technik ist, ich liebe einfach alles am Carrera GT. Und dann ist da noch der Motor: Ein 5,7-Liter-V10-Sauger, der ursprünglich für Le Mans entwickelt wurde, jedoch nie zum Einsatz kam. 612 PS und 590 Nm mögen in der heutigen Hypercar-Welt, in der vierstellige PS-Zahlen Standard sind, keine Ansage mehr sein, aber die Art und Weise, wie der V10 seine Kraft entfaltet, ist für mich unvergleichlich. Und dann dieser einzigartige Sound: authentisch, roh und emotional.
Ich hatte bereits das Glück, einen Porsche Carrera GT selber fahren zu dürfen, und kann daher aus erster Hand berichten, dass ich nur ganz wenige Autos erlebt habe, die ein ähnlich emotionales und involvierendes Fahrerlebnis bieten. Ja, die Zweischeiben-Trockenkupplung (PCCC) aus Keramik mit einem Scheibendurchmesser von nur 169 Millimetern braucht etwas Eingewöhnung, und ja, der Carrera GT kann zickig sein, aber das gehört für mich zum Erlebnis dieses einzigartigen Porsche dazu. Sie merken, beim Carrera GT gerate ich ins Schwärmen, Verzeihung.
Porsche Carrera GT
Um die 100 Runden auf dem Lausitzring hat Walter Röhrl abgespult und dabei viele Menschen sehr glücklich gemacht.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Zurück an den Lausitzring. Der Carrera GT in "Indischrot", eine von sechs damals erhältlichen Außenfarben, steht in der Boxengasse. Und auch wenn ich schon häufig das Vergnügen hatte, einen Carrera GT aus nächster Nähe bewundern zu dürfen, beeindruckt mich die Aura des mittlerweile über 20 Jahre alten Porsche jedes Mal aufs Neue. Ich schleiche um den nur 1,17 Meter flachen Supersportwagen. Es ist fast schon gespenstisch still.
Mein Kollege Dennis reißt mich aus meinen Gedanken, als er mir einen Zettel hinhält: "Haftungsausschluss – den musst du unterschreiben, wenn du bei Walter mitfahren willst", grinst er mich an. Selten habe ich ein Dokument schneller unterzeichnet. Wenn einer weiß, wie man einen Carrera GT fährt, dann Rallye-Legende Walter Röhrl. Sagt schließlich auch Klaus Ludwig.

1270 Carrera GT wurden gebaut

Während das Team des Porsche Museums den 5733 cm3 großen V10 schon mal warm laufen lässt, werfe ich einen Blick in das Cockpit. Auf dem Tageskilometerzähler stehen 53,1 Kilometer, der Gesamtkilometerstand beträgt eindrucksvolle 54.733 Kilometer. Dieser Carrera GT wurde genutzt – und zwar artgerecht. Als Vorserienfahrzeug zählt er nicht zu den 1270 gebauten Exemplaren, was auch erklärt, warum vor dem ikonischen Holz-Schaltknauf (es gab auch die Option eines Carbon-Schaltknaufs) die Nummer 0000 eingraviert ist. Und noch etwas fällt mir auf: ein kleines Pepita-Kissen auf dem Fahrersitz.
Porsche Carrera GT
Ein unvergessliches Erlebnis: Mit der Legende Walter Röhrl im Porsche Carrera GT – besser geht es nicht!
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Im nächsten Moment steht Walter Röhrl neben mir und begrüßt mich mit einem Lächeln. Vor mir steht DIE Rallye-Legende und DER Urvater des Porsche Carrera GT. Auch wenn es nicht mein erstes Treffen mit Walter ist, so kann ich eine gewisse Nervosität nicht verleugnen. Locker streift er die Lederjacke ab, setzt seine Sonnenbrille auf und faltet seine 1,96 Meter so galant in den Carrera GT, dass sich die meisten seiner deutlich jüngeren Mitfahrer an diesem Tag fragen sollten, wer nächstes Jahr 80 wird. Gelernt ist eben gelernt.
Walter rückt das kleine Kissen an seinem unteren Rücken zurecht, schließt die Tür und macht sich bereit für die erste von vielen Runden an diesem Tag. Fast schon lautlos setzt sich der 612 PS starke Carrera GT in Bewegung. Walter weiß natürlich, dass Anfahren idealerweise ohne Gas geschieht, um die sensible Keramik-Kupplung zu schonen. Auch hier gilt: Gelernt ist eben gelernt.

Unverwechselbarer V10-Klang

Während ich Runde für Runde den unverwechselbaren V10-Sound auf der Start-Ziel-Geraden genieße, winkt mich Kollege Dennis zu sich. Ich bin dran. Der rote Carrera GT rollt durch die Boxengasse und bleibt neben mir stehen. Ich öffne die Tür, steige ein. Walter begrüßt mich erneut, ehe er mich wiedererkennt und grinst. Anschnallen, es geht los.
Porsche Carrera GT
Nach eigenen Schätzungen hat Walter über 40.000 Kilometer am Steuer verschiedener Porsche Carrera GT absolviert.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Walter hält sich strikt an das in der Boxengasse geltende Geschwindigkeitslimit von 60 km/h, ein Profi. Kaum haben wir die Boxengasse verlassen, zieht er das Tempo an – und zwar spürbar. Das Besondere daran: Alles wirkt leicht, fast schon elegant. Jeder Gangwechsel, jeder Gasimpuls, jede Lenkbewegung sitzt perfekt. Ich bin baff, und das schon nach zwei Kurven. Verglichen mit Walter komme ich mir wie ein Berserker hinter dem Lenkrad vor. Dieser Mann am Steuer dieses Autos ist Perfektion.

Jetzt weiß ich, wofür die Fußstütze ist

Wir wechseln kein Wort miteinander, stattdessen genieße ich jede Sekunde. Auf der Start-Ziel-Geraden, bei etwa 200 km/h, schaut Walter rüber und fragt mich während eines perfekten Zwischengas-Stoßes beim Runterschalten, ob alles in Ordnung sei. In diesem Moment bin ich froh über die Fußstütze im Beifahrer-Fußraum, die Porsche offensichtlich für genau diese Momente verbaut hat. Auch wenn der Carrera GT mittlerweile 20 Jahre auf dem Buckel hat, die Fahr- und vor allem die Bremsleistung der 380 Millimeter großen Carbonkeramik-Bremse (PCCB) sind immer noch mehr als beachtlich.
Porsche Carrera GT
Anbremsen, Zwischengas, runterschalten, einlenken, Gas geben – es wirkt wie eine perfekt einstudierte Choreographie, als würde Walter mit dem Auto tanzen.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Ich schaue Walter an, bejahe seine Frage und besinne mich auf meinen journalistischen Auftrag. Mich interessiert vor allem, wie sich die neueste Reifentechnologie auf das Fahrverhalten des Carrera GT auswirkt. Schließlich hat Porsche in Zusammenarbeit mit den Experten von Michelin erst vor zwei Jahren einen Pilot-Sport-Cup-2-Semislick mit N0-Kennung speziell für den Carrera GT entwickelt. Walter erklärt mir, dass die neuen Reifen natürlich einen riesigen Unterschied machen, der Carrera GT dadurch aber immer noch kein leicht zu beherrschendes Auto wird.

Wie eine perfekt einstudierte Choreografie

Eingangs der nächsten Rechtskurve muss Walter leicht korrigieren, was er fast schon gelassen mit einem "Wir fahren gerade am Limit des mechanischen Grips, daran ändert auch der beste Reifen nichts" kommentiert. Dazu fällt mir nichts mehr ein. Ich habe noch nie jemanden so gelassen so schnell fahren sehen. Anbremsen, Zwischengas, runterschalten, einlenken, Gas geben – wie eine perfekt einstudierte Choreografie, als würde Walter mit dem Auto tanzen. Gleichzeitig spüre ich, wie vorsichtig der Profi den Carrera GT behandelt. Fast schon so, als würde er dem Auto nicht wehtun wollen.
Walter setzt den Blinker links, wir biegen in die Boxengasse ab. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Ich steige mit einem breiten Grinsen aus und muss mich erst mal sammeln. Und Walter? Der fährt einfach weiter. Runde für Runde, Passagier für Passagier.

Besaß Walter Röhrl je einen eigenen Carrera GT?

Nach der Mittagspause erspähe ich den Rallye-Weltmeister allein in einer der Boxen und nutze meine Chance, um noch einige Fragen zu stellen. Er berichtet mir von der bis heute legendären Fahrt im Carrera GT Prototyp in Paris aus dem Jahr 2000. Von Motorradpolizisten eskortiert, ging es vom Arc de Triomphe in Richtung Louvre. Walter verrät, dass die Medien zu dem Zeitpunkt davon ausgingen, dass Porsche den Cayenne zeigen würde, und nicht mal Ferdinand Piëch in das Projekt eingeweiht war. Außerdem erzählt er mir von der Fahrveranstaltung des Carrera GT im Jahr 2003 auf dem ehemaligen Militärflughafen Groß Dölln, wo Porsche ihn bat, bei Journalisten mitzufahren, was er dankend, aber vehement ablehnte, und davon, dass er exakt diesen indischroten Carrera GT, der heute das Kennzeichen S-GO 449 trägt, einmal privat kaufen wollte. Da es sich um ein Vorserienauto handelt, wurde daraus leider nichts.
Porsche Carrera GT
Am Ende des Tages steht der Carrera GT in der Boxengasse. Der Kilometerstand beträgt 55.162, einen Großteil davon ist Walter höchstpersönlich gefahren.
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
"Heute bin ich ehrlicherweise glücklich, dass es nicht geklappt hat. So sind diese Tage, an denen ich nach längerer Zeit einmal wieder Carrera GT fahren kann, auch für mich etwas Besonderes", erklärt mir der Mann, der in Summe über 40.000 Kilometer am Steuer verschiedener Carrera GT zurückgelegt hat. Meine letzte Frage, ob der Carrera GT immer noch sein Lieblingsauto sei, bejaht er grinsend, ehe er sich verabschiedet und wieder in Richtung Carrera GT schreitet. Er öffnet die Tür, zieht die Lederjacke aus und faltet sich in sein Traumauto.

Walter fährt fast 100 Runden

Als die Sonne den Lausitzring in ein warmes Licht taucht, fährt Walter noch immer, und die Schlange an potenziellen Mitfahrern wird nicht kürzer: Egal ob Juror, Sponsor oder Familienjury, diese Chance möchte sich niemand entgehen lassen.
Am Ende stehen 482,2 Kilometer auf dem Tageskilometerzähler – Walter ist um die 100 Runden gefahren. Zwei davon mit mir. Von diesen neun Kilometern werde ich noch meinem Sohn erzählen.
PS: Lieber Klaus, der Porsche Carrera GT ist ein verdammt geiles Auto!