Die Sportwagen-WM boomt. Mittlerweile fahren neun Hersteller in der Topklasse der WEC. Darunter Ferrari, Toyota, Porsche, Alpine oder BMW. Und natürlich Peugeot. Als französischer Autobauer ist der Start bei den 24 Stunden von Le Mans (15./16. Juni) Ehrensache. Unvergessen: die Siege 1992 und 1993 mit den Peugeot 905 und dem späteren Ferrari-Teamchef Jean Todt als Sportchef.
Der Sieg ist auch in der aktuellen Ära das Ziel – und dafür hat Peugeot seinem Hypercar Flügel verliehen. Heißt: Der Hersteller hat die Aerodynamik-Philosophie seines Hypercars komplett umgebaut: Seit dem WEC-Lauf in Imola (Platz neun) trägt der 9X8 einen kompakten Heckflügel. Der ambitionierte Ansatz ohne Heckspoiler ist damit Geschichte – genau wie die mit 31 Zoll gleich großen Reifen vorn und hinten. „Das größte Augenmerk lag darauf, die Traktion zu verbessern“, erklärt der Schweizer Peugeot-Pilot Nico Müller (32). „Mit nur 31 Zoll breiten Hinterreifen war das schon ein Schwachpunkt. Das Konzept wurde deshalb radikal geändert. Wenn man dann von 31/31er auf 29/34er-Reifen umstellt, muss man sehr vieles anpassen, damit die Aerobalance stimmt.“
Das Problem: Peugeot hatte sich als einer der ersten Hersteller zum 100. Geburtstag von Le Mans 2023 zur WEC bekannt – zu früh. Müller: „Als weitere Hersteller ihre Teilnahme an der Langstrecken-WM zusagten, hat man das Reglement geöffnet. Und dann öffnete sich unser Konzept für breitere Hinterräder und eine andere Aerodynamik mit Heckflügel.“
Peugeot will einen Schritt nach vorne machen.
Bild: Peugeot
Damit will Peugeot jetzt dem Le-Mans-Titelverteidiger Ferrari, dem amtierenden Champion Toyota und dem aktuellen Siegerauto Porsche Paroli bieten. „Die WEC hat einen wachsenden Stellenwert“, betont Müller. „Sie ist rund um die 24 Stunden von Le Mans konzipiert, bekanntlich das größte Autorennen der Welt. Und wenn man sieht, wie viele Hersteller da um den Sieg fahren, zeigt das eindeutig die sehr positive Entwicklung. Wir sind wirklich in der goldenen Ära der WEC.“
Dafür sorgt auch der Hybrid, der sowohl die Hypercars wie den Peugeot als auch die LMDh-Autos wie den Porsche antreibt. Müller: „Die Leistung wird aufgeteilt zwischen einem Verbrenner und Elektromotor. In einer gewissen Phase sind die Hypercars sogar mit Allrad unterwegs. Außerdem wird beim Bremsen Energie zurückgewonnen, das macht die Rennwagen deutlich effizienter.“
Weiter geht’s schon am kommenden Samstag (11. Mai) um 12.15 Uhr mit dem dritten Lauf in Spa. Nachdem zuvor Porsche (Qatar) und Toyota (Imola) siegreich waren, hofft Ferrari seinen Strategie-Fehler in der Emilia Romagna durch einen Sieg wettzumachen, während Peugeot mit seinem neuen Konzept deutlich nach vorne strebt.
Gleich 19 Fahrzeuge der Hypercar-Kategorie stellen sich der Sechsstunden-Schlacht um den sieben Kilometer langen Ardennenkurs, dazu noch weitere 18 Autos der LMGT3-Kategorie. Alles in allem werden 14 verschiedene Marken auf der Traditionsstrecke an den Start rollen, die von 106 Fahrern aus 28 Ländern pilotiert werden.
Die Hochgeschwindigkeitspiste von Spa fordert Mensch und Material.
Bild: FIA WEC
Das zweite Sechsstunden-Rennen des Jahres gilt ebenso als letzte große Testmöglichkeit vor dem großen Saisonhighlight in fünf Wochen, wenn in Le Mans das 24 Stunden-Rennen ansteht.
Die Hochgeschwindigkeitspiste von Spa fordert Mensch und Material. 44 Mal schalten die Hypercar-Fahrer ihre halbautomatischen Achtgang-Getriebe, erreichen Spitzengeschwindigkeiten im Bereich von 315 km/h und fahren 58 Prozent der Runde mit voll geöffneter Drosselklappe.
Von den heimischen Fans besonders unterstützt werden die belgischen Piloten, darunter das Geschwisterduo Laurens (aktuell mit seinen Teamkollegen André Lotterer und Kevin Estre Führender in der Fahrer-WM) und Dries Vanthoor, die Porsche Penske bzw. das BMW M Team WRT vertreten.
Das belgische Team WRT ist ohnehin der große Lokalmatador: Das Team mit Sitz unweit von Brüssel schickt neben seinen beiden BWM-Hypercars auch noch zwei BMW M4 LMGT3 ins Rennen, von denen einer von Motorrad-Legende Valentino Rossi pilotiert wird, der sich am Steuer mit Lokalmatador Maxime Martin abwechselt. Auch Porsche-Star André Lotterer verbindet mit Spa heimatliche Gefühle, denn er ist in Nivelles aufgewachsen und hat dort lange gelebt.
In der Gesamtwertung der Hypercar-Hersteller führt Porsche die Tabelle mit 57 Punkten an, nur neun Punkte vor Toyota. Ferrari liegt mit 31 Punkten auf dem dritten Platz, 14 Punkte vor BMW und 16 vor Alpine.
Peugeot will von Tabellenrang sechs einen deutlichen Sprung nach vorne machen: Derzeit stehen für die ehrgeizigen Franzosen mit ihren 9X8 nur vier Zähler zu Buche.
Mitarbeit: G. Coltello