Die Elektromobilität ist längst nicht mehr nur ein Trend, sondern zentraler Baustein der Mobilität unserer Zukunft. Mit immer mehr vollelektrischen Fahrzeugen auf den Straßen rückt auch die Frage nach deren Wertstabilität zunehmend in den Fokus. Denn auch die Wertentwicklung entscheidet darüber, wie sich die E-Autos am Markt langfristig etablieren. Welche Tendenzen sich bei Elektroautos abzeichnen und welche Faktoren den Markt beeinflussen, darüber hat AUTO BILD im Rahmen der diesjährigen Wertmeister-Wahl mit dem Schwacke-Geschäftsführer Thorsten Barg gesprochen.
AUTO BILD: Mit zunehmendem Anteil vollelektrischer Fahrzeuge wird auch die Datenlage bezüglich der Wertstabilität von E-Autos immer besser. Welche Trends zeichnen sich ab?
Thorsten Barg: In der Tat verfügen wir mittlerweile über eine breite Datenbasis und können auf dieser Grundlage vollelektrische Fahrzeuge genauso gut beurteilen wie Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Schauen wir in unsere Analysen, so stellen wir fest, dass Elektrofahrzeuge schon immer auf einem niedrigeren Restwertniveau unterwegs waren. Dieser Trend hat sich aber seit zwei Jahren weiter verschärft. Und während Verbrenner mittlerweile wieder ein recht stabiles Restwertniveau aufweisen, weist der Trend für Elektrofahrzeuge immer noch nach unten. Und bedauerlicherweise wird dies aller Voraussicht nach noch mindestens für die nächsten zwölf Monate so anhalten. Der Grund hierfür liegt in drei Faktoren begründet. Zum einen gehen wir alle von einer rasch voranschreitenden technologischen Entwicklung aus – Stichwort Feststoffbatterie und die zunehmende Reichweite. Dies führt bei den bereits auf dem Markt befindlichen Modellen mit aktueller Technologie zu einer stärkeren Entwertung.
Thorsten Barg / Schwacke
Schwacke-Geschäftsführer Thorsten Barg: "Ohne politische Steuerung wird die Transformation zur E-Mobilität auf absehbare Zeit nicht gelingen."
Bild: www.Armin-Zedler.de
Zum anderen scheinen die jetzt am Markt befindlichen Fahrzeuge nicht den Bedürfnissen der potenziellen Kunden zu entsprechen. Der Nachfragetrend geht zu kleineren und bezahlbaren Modellen und deckt sich nicht mit dem am Markt befindlichen überwiegend großen SUV und Limousinen. Und zu allem Überfluss geraten die Hersteller nun auch noch unter Absatzdruck, unter anderem getrieben durch die nahende Konkurrenz aus China, aber auch durch die einzuhaltenden Flottenziele in Bezug auf CO2 Ausstoß, was zu höheren Nachlässen bei elektrischen Neufahrzeugen führen wird. Was an dieser Stelle gut für den Neuwagenkäufer ist, hat aber negative Auswirkungen auf den Restwert dieser Fahrzeuge, da diese gebraucht günstiger eingepreist werden müssen, um im Wettbewerb mit dem Neufahrzeug attraktiv zu bleiben. Insgesamt werden es E-Autos also noch eine Weile schwer am Gebrauchtwagenmarkt haben.
Bei den E-Autos schafft es beim Wertmeister 2024 nur ein deutscher Hersteller auf Platz 1. Spielt der Premium-Faktor für den Werterhalt hier nicht so eine große Rolle wie etwa in der Oberklasse oder bei den Sportwagen?
Tatsächlich spielen die deutschen Hersteller in den Segmenten der E-Autos nicht ganz oben mit. Das hat aber weniger etwas damit zu tun, dass das Siegel "Made in Germany" oder "Premium" an Attraktivität verloren hat. Vielmehr liegt dies an dem Angebotsportfolio der Importmarken, welches besser dem aktuellen Bedarf entspricht. Die Zeiten der "Early Adopter" sind vorbei, und jetzt ist Massenmarktkompatibilität Trumpf, um im Wettbewerb bestehen zu können.
Kia Niro EV
Die Schwacke-Analysen ergeben: E-Autos hatten stets ein niedrigeres Restwertniveau. Doch dieser Trend verschärft sich nun. Neben technischen Fortschritt spielen dafür strukturelle Gründe eine Rolle.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Zudem ist der Gebrauchtfahrzeugmarkt für E-Fahrzeuge preiselastischer als der für Neufahrzeuge. Und leider gibt es in Deutschland aktuell nur wenige ökonomische Gründe, zu einem gebrauchten E-Auto zu greifen. Um es kurz zu machen, das Angebotsportfolio der deutschen Hersteller muss attraktiver werden, um den Heimvorteil auch bei den E-Autos ausspielen zu können.
Welchen Einfluss haben aktuelle wirtschaftliche oder politische Entwicklungen wie die Streichung der E-Auto-Förderung oder auch jetzt der VW-Sparkurs auf den Restwert?
Ohne politische Steuerung wird die Transformation zur E-Mobilität auf absehbare Zeit nicht gelingen. Anreize für die Anschaffung von neuen E-Autos gab es bereits und werden auch nun wieder gerne diskutiert. Noch sinnvoller wäre aber tatsächlich die Schaffung von negativen Anreizen zur weiteren Nutzung von Verbrennerfahrzeugen. Denn eine derartige Belastung würde nicht nur Anreize zum Kauf von neuen E-Autos schaffen, sondern auch der Nachfrage nach gebrauchten und günstigeren Elektrofahrzeugen Aufwind verleihen. Dies ist natürlich politisch unpopulär, aber erwiesenermaßen ein erfolgreiches Mittel, wie ein Blick auf andere Länder belegt. So beträgt in Norwegen der Anteil von E-Autos an den Neuzulassungen mittlerweile über 90 Prozent. Einen direkten Einfluss der aktuellen Pläne des Volkswagen-Konzerns sehe ich indes nicht.
Ja, es bedarf mutiger Entscheidungen. Aber wenn uns wirklich etwas an der Transformation zur E-Mobilität liegt, dann müssen diese getroffen und von uns allen mitgetragen werden. Anders geht es nicht.
Wenn Sie es auf den Punkt bringen müssten: Was wäre der wichtigste Tipp für Neuwagenkäufer, einen unnötigen Wertverlust zu vermeiden (einen möglichst hohen Werterhalt zu erzielen)?
Hier lohnt sich ein Blick auf die aktuellen Wertmeister der jeweiligen Segmente. Diese Modelle sowie eine möglichst vollständige Sonderausstattung sind per se eine gute Grundvoraussetzung für niedrigen Wertverlust. In Bezug auf E-Autos wäre meine Empfehlung auf Leasing an Stelle von Kauf zu setzen. Das Restwertrisiko liegt in der Regel beim Hersteller bzw. der Bank, die monatliche Rate ist genau kalkulierbar und in der Höhe mittlerweile auch für Privatpersonen recht attraktiv. So klappt's dann vielleicht auch mit der breiten Transformation zur E-Mobilität.