Neuwagen verlieren innerhalb der ersten vier Jahre zwischen vierzig und sechzig Prozent ihres Wertes. Wie hoch der Wertverlust tatsächlich ausfällt, hängt dabei von vielen Faktoren ab. Welche Möglichkeiten haben Autokäufer, durch die Wahl des Modells, der Farbe oder Ausstattung, den Wertverlust gering zu halten? AUTO BILD hat darüber mit Thorsten Barg und Andreas Geilenbrügge von Schwacke gesprochen. Der Spezialist für Fahrzeugbewertungen und Wertprognosen kürt jedes Jahr zusammen mit AUTO BILD die "Wertmeister" – die Autos mit dem besten Werterhalt.


AUTO BILD: Gibt es bestimmte Regeln bei der Marken- und Modellwahl, die eine Rolle in Bezug auf den Werterhalt bzw. den späteren Wiederverkaufswert haben?

Thorsten Barg: Letztendlich zeigt das Wertmeister-Ergebnis mit seiner Markenvielfalt deutlich, dass es nicht ausschließlich auf Premium oder Nicht-Premium beim Werterhalt ankommt. Zwar tendieren Gebrauchtwagenkäufer dazu, einer Premiummarke mehr Wert beizumessen. Aber ebenso tendieren Premiumhersteller dazu, deutlich mehr Geld beim Neupreis zu verlangen. Damit relativiert sich der Werterhalt wieder. Bei der Grundauswahl des Fahrzeugs stellen sich in den vergangenen Jahren aber deutlich sportliche Ausstattungslinien und solche mit etablierten Namen besser, weil sie aktiv von Kunden gesucht und inhaltlich mit Mehrwert verbunden werden. Auch lohnt sich ein aktueller Blick in die Gebrauchtwagenbörsen, ob der Markt mit vergleichbaren Modellen jüngeren Alters bereits stark abgedeckt ist. Die Angebotsmenge ist immer noch einer der größten negativen Treiber für Preise. Aktuell ist das zwar kein brennendes Problem. Angesichts der gegenwärtigen Knappheit gilt aber in der geringeren Menge dennoch! Die Frage, ob Exot oder Volumenmodell, wirkt sich vor allem auf die Zeit aus, die ein solches Fahrzeug später braucht, um einen Käufer zu finden. Wer später schnell verkaufen will oder muss, sollte eher auf gängige Modelle setzen.

Andreas Geilenbrügge: Man sollte sich außerdem informieren, wo sich die Modelle innerhalb ihres Lebenszyklus befinden. Ob Facelifts anstehen, oder ob das ausgesuchte Modell schon eine Modellpflege hinter sich hat. Das garantiert, dass das Fahrzeug technisch und optisch auf einen neueren Stand gebracht wurde und damit einen höheren Wert erzielt als eine ähnlich alte Vor-Faceliftversion.

Eine ganze Reihe von Ausstattungen sollte nicht fehlen

AUTO BILD: Gibt es grundsätzlich bestimmte Sonderausstattungen oder Extras, auf die man beim Neuwagenkauf in Bezug auf den Werterhalt unbedingt achten sollte?

Thorsten Barg: Es gibt eine ganze Reihe von Ausstattungen, die nicht fehlen sollten – entweder als Serienausstattung, was aus Restwertsicht optimal wäre, in einem Paket oder als einzelnes Extra. Die meisten wirken sich nicht nur auf den Werterhalt aus, sondern auch auf die Zeit beim Wiederverkauf, zwischen Einstellen des Inserats und dem tatsächlichen Verkauf.
Andreas Geilenbrügge: Essenziell sollten in jedem aktuellen Fahrzeug unabhängig vom Segment Sitzheizung und eine Smartphone-Integration enthalten sein. Auch ein Grundpaket an Assistenzsystemen wie Parkpilot und Rückfahrkamera sind ein Muss aus zukünftiger Wiederverkaufssicht, so wie auch LED-Scheinwerfer. Die seit 6. Juli für neue Fahrzeugtypen mindestens vorgeschriebenen Systeme wie u.a. Notbremsassistent, Notfall-Spurhalteassistent, Geschwindigkeitsassistent, Notbremslicht, Müdigkeits- und Aufmerksamkeitswarner, Rückfahrassistent dürfen auch gerne bereits mitfahren, um nicht gegen jüngere Wettbewerber zu verlieren. In der unteren Mittelklasse bzw. bei den Kompakt-SUV sollte es mindestens dazu die Klimaautomatik und auch das Digitalcockpit sein. Head-up-Display und Panoramadach sind kein Muss, aber eine gute Investition in die Zukunft  – und im Falle des Head-up-Displays auch in die eigene Sicherheit. Bei den Assistenzsystemen sind insbesondere Blindspot- und am besten auch der Querverkehrswarner erstrebenswert.
Thorsten Barg und Andreas Geilenbrügge
Schwacke-Geschäftsführer Thorsten Barg (links) und Andreas Geilenbrügge (Head of Valuations bei Schwacke/Autovista24).

Spätestens ab der Mittelklasse und den vergleichbaren SUV kommen elektrische Sitze, in Leder, mit zusätzlichem Mehrwert hinzu. Sitzbelüftung und Massagesitze sind weiterhin auch in höheren Segmenten kein wirklich begehrtes Extra. Mit Beginn der Mittelklasse kommt auch der Beleuchtung mehr und mehr Bedeutung zu. Die Differenzierung über die Lichtsignatur ist insbesondere bei Premiummodellen und höheren Segmenten im wahrsten Sinne des Wortes wertvoll. Oberhalb der Mittelklasse wird es dann besonders im Bereich Infotainment und Assistenzsystemen wichtig, eher aufzustocken, da hier in Zukunft mehr in die Fahrzeuge hineingesteckt wird und somit ein zukünftiger Gebrauchter schnell technisch "alt" im Angesicht des dann aktuellen State of the Art aussieht.

Thorsten Barg: Generell lohnen sich in der Regel auch Ausstattungspakete, weil sie neu in der Regel einen Preisvorteil gegenüber den Einzelkomponenten bieten, es dem Gebrauchtkunden aber eher um die Einzelkomponenten geht, die er in Gedanken "einpreist". Wichtig ist nur, dass die Pakete sinnvoll geschnürt sind und Elemente enthalten, die auch zu den zuvor genannten oder zumindest vermutlich interessanten Extras gehören. Durch zahlreiche kleine abseitige Einzeloptionen, aufgeblähte Pakete gleichen allerdings manchmal nur eine Minderausstattung des Grundmodells aus und führen weniger zu einem Mehrwert des Fahrzeugs, denn überhaupt zur Wettbewerbsfähigkeit. Anhängerkupplungen sind ein häufig diskutiertes Thema und die Datenlage ist nicht wirklich eindeutig dazu. In diesem Falle würde ich ganz pragmatisch und je nach Segment individuell sagen "haben ist besser als brauchen".

Exotische Lacke stellen immer ein gewisses Risiko dar

AUTO BILD: Hat die Fahrzeugfarbe einen großen Einfluss auf die Höhe des Werterhalts bzw. den späteren Wiederverkaufswert?

Thorsten Barg: Wenn man die Zulassungsstatistik des KBA für Neuwagen betrachtet, hat sich über die Jahre an den Grundfarben kaum eine wirkliche Veränderung in den Anteilen ergeben. Schwarz hat gegen Grau/Silber die Führungsposition verloren, ist aber immer noch an Rang zwei. Gefolgt von einer stärkeren Tendenz zu Weiß und Blau auf Rang vier. Während Rot auf Rang fünf verharrt. Braun hat nahezu an Relevanz verloren. Insgesamt ist es auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt eher eine Frage des Geschmacks und weniger der Wertbeimessung. Grundsätzlich liefert aber Metalliclackierung ihren Beitrag. Bei den sehr häufigen Farben kommt wieder ein Mengeneffekt hinzu, der je nach Modell dazu führen kann, dass viele gleichartige und dann auch gleichfarbige Fahrzeuge aufgrund ihrer Menge Volumen- und damit Konkurrenzdruck am Markt ausüben, sprich sich über die Standzeit nachteilig im Preis auswirken. Exotische Lacke stellen aber eben auch immer ein gewisses Risiko dar, den kaufwilligen Kunden zu finden, der die Farbe mag, oder eben im Preis runtergehen zu müssen, weil sich rechtzeitig keiner findet.

AUTO BILD: Sind die Bedingungen beim Neuwagen- und Gebrauchtwagenkauf grundsätzlich vergleichbar?

Andreas Geilenbrügge: Nicht zwangsläufig. Neuwagenkunden sind oftmals interessiert an modernster Technik, Sicherheitssystemen und insbesondere in höheren Segmenten auch am Statussymbol Auto. Gebrauchtwagenkäufer sind per se preissensitiv und damit bereit gewisse Kompromisse einzugehen, um alles Notwendige zu einem angemessenen und bezahlbaren Preis in einem altersgemäßen Zustand zu erhalten. Insbesondere teure Einzeloptionen wie sehr aufwändige Licht- oder Soundanlagen, überdimensionale Felgen oder manche selten gebrauchte Assistenzsysteme wie die Einparkautomatik werden nicht von allen potenziellen Käufern als notwendig erachtet und übersetzen sich damit nicht unbedingt adäquat in den Wiederverkaufswert.