Der Winter hat Deutschland fest im Griff, die weiße Walze sorgt vielerorts für Chaos und Unfälle. Nicht wenige Autofahrer halten sich auf Schnee und Eis deshalb alle Jahre wieder an ein paar einfache Faustregeln – doch stimmen die überhaupt, oder steckt nur die halbe Wahrheit dahinter? AUTO BILD klärt auf!

"Schnee und Eis verdoppeln den Bremsweg"

Stimmt nur bedingt, denn oft reicht das noch nicht mal aus: Auf glattem Untergrund kann der Bremsweg schnell drei- bis viermal so lang sein wie auf trockenem Asphalt. Der Abstand zum Vordermann muss deshalb deutlich vergrößert werden. Dazu gleich die nächsten Faustregeln: Am besten den ganzen Tachowert als Abstand nehmen, also gut 50 Meter bei 50 km/h.
Und gerade für Kurven gilt: Lieber zu früh bremsen als zu spät, da vom Motormoment befreite Räder höhere Lenk- und Seitenführungskräfte übertragen können. Wenn man doch stark bremsen muss, dann am besten hart und schnell – das ABS sorgt dafür, dass das Auto lenkbar bleibt, wodurch man im letzten Augenblick immer noch ausweichen kann, sollte der Bremsweg nicht gereicht haben.

"Allrad ist ein Alleskönner"

Im Winter gelten Autos mit Allrad als Gamechanger: Wenn es rutschig ist, kommen sie nicht nur schneller vom Fleck, der Allradantrieb kann auch Vorteile in Kurven bringen, weil er die Kraft auf alle vier Räder verteilt und das Auto somit stabilisiert. Doch Allrad bringt nicht nur positive Begleiterscheinungen mit sich, denn besondere Vorsicht gilt beim Bremsen: Gerade schwere SUV und Geländewagen rutschen wegen des höheren Gewichts weiter und brauchen meist längere Bremswege. Das sollten Fahrer solcher Autos im Hinterkopf haben, denn gegen die einfache Physik ist auch Allrad keine Allzweckwaffe.
Winter Profile mit M und S Kennung
Im Winter kommt es auf viele Details an, vor allem aber auf die richtige Bereifung.
Bild: Toni Bader

"Traktionskontrolle erleichtert das Anfahren"

Das ESP (Elektronisches Stabilitätsprogramm) wirkt durch das Bremsen einzelner Räder und das Senken der Motorleistung dem Ausbrechen des Fahrzeugs entgegen und verhindert damit oft Unfälle. Geht es jedoch bergauf und ist der Untergrund verschneit, führt die Elektronik dazu, dass das Auto irgendwann kaum noch vom Fleck kommt, weil sie wegen der durchdrehenden Räder immer wieder eingreift und den Antrieb drosselt. Hier hilft nur: Traktionskontrolle ausschalten, um den Schwung nicht immer wieder zu verlieren. Aber: nicht vergessen, das System für die Sicherheit anschließend wieder einzuschalten, wenn man die Steigung überwunden hat!

"O bis O ist die Faustregel für den Reifenwechsel"

O bis O, das heißt übersetzt: Von Ostern bis Oktober sollte man Sommerreifen fahren, ansonsten sind Winterpneus angesagt. An diese alte Faustregel halten sich viele Autofahrer nach wie vor. Allein: Das Klima hat sich längst stark verändert, gerade in den ehemaligen "Frühlingsmonaten" April und Mai kann es oft besonders im Süden Deutschlands noch zu Schnee und Eis kommen.
Entscheidend ist also nicht nur der Kalender des Jahres und wann Ostern ist, sondern auch der Wohnort: In Nähe der Alpen oder dem Mittelgebirge sollten die Winterreifen zur Sicherheit länger drauf bleiben. Gleiches gilt für Autofahrer in ländlichen Gebieten, die im Fall der Fälle nicht auf den öffentlichen Nahverkehr ausweichen können.

"Winterreifen sind keine Pflicht"

Seit der Einführung der situativen Winterreifenpflicht in Deutschland vor zehn Jahren stimmt das zwar in der Theorie; in der Praxis sieht es jedoch anders aus und stellt den einen oder anderen mutigen Fahrzeughalter nicht selten vor Probleme. Ist die (Wetter-)Lage nicht eindeutig, drohen schnell hohe Strafen, außerdem sieht der Bußgeldkatalog Punkte in Flensburg vor. Erst recht natürlich, wenn dann auch noch etwas passiert.
Hinzu kommt: Bei Unfällen wird es auch mit der Versicherung oftmals schwierig, Stichwort grobe Fahrlässigkeit – das kann übrigens selbst bei unverschuldeten Unfällen gelten. Wer sein Auto also nicht stehen lässt und dann von Schnee und Eis überrascht wird, auf den kommt meistens eine Menge Ärger zu.