Wir genießen diese Welt, wie sie uns gefällt. Im Land von Pippi Langstrumpf gelingen schräge Sprüche – erst recht, wenn man aus der Panoramaperspektive des Integrierten Knaus Sun I die Landschaft an sich vorbeigleiten lässt. Und Landschaft haben sie in Westschweden reichlich – auch schon auf der Anreise.
Nach Göteborg, dem Start und Ziel unserer Rundreise, kommt man von Deutschland aus am bequemsten mit der Fähre. Vom Schwedenkai in Kiel legt täglich um 18.45 Uhr die Nachtfähre ab und erreicht am anderen Morgen Göteborg. Die tägliche Verbindung von Stena Line gehört zu den beliebtesten Routen nach Schweden überhaupt – und ist deshalb auch nicht gerade ein Schnäppchen. Zwei Personen mit einem Wohnmobil wie unserem Knaus Sun I und einer Kabine – unbedingt empfehlenswert – legen für Hin- und Rückfahrt schon mal einen Tausender hin. Schnäppchenjäger schaffen es vielleicht etwas günstiger.
Wohnmobil-Tour durch Westschweden
Das Aquädukt in Håverud, unser Knaus rollt über die Brücke.
Bild: Martin Häußermann / AUTO BILD

Oder man nimmt gleich den Landweg. Die Ostsee wird auf zwei großen Brücken überquert. Der Zeitaufwand dafür ist zwar deutlich größer, dafür ist man nicht an Abfahrtszeiten gebunden, erlebt spektakuläre Überfahrten und kann Dänemark gleich in seine Reise mit einbinden. Die 18 Kilometer lange Storebæltsbroen überspannt den Großen Belt und verbindet damit das dänische Festland mit Seeland. Die Öresundbrücke streckt sich auf 7,84 Kilometern über den Öresund und verbindet Kopenhagen und Malmö. Billig ist der Spaß nicht, aber auf jeden Fall deutlich günstiger als eine Fährüberfahrt. 82 Euro werden für ein Wohn--mobil wie unseren Knaus Sun I mit 4,5 Tonnen Gesamtgewicht und rund acht Metern Länge für die Storebælt-Überfahrt fällig, das gleiche Fahrzeug zahlt auf der Öresundbrücke 139 Euro. Von Malmö aus sind es dann weniger als 300 Kilometer entlang der Küste bis Göteborg.

Wohnmobilreise Westschweden: Göteborg im Wandel

Der Weg von einer Industriegesellschaft hin zu Handel, Dienstleistung und Tourismus ist in Schwedens zweitgrößter Stadt deutlich sichtbar. Bis in die 1970er-Jahre war hier der Schiffsbau ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Heute zeugen einsame Kräne im Hafen von dieser glorreichen Vergangenheit. Die lebendige Innenstadt und das enorme kulturelle Angebot unterstreichen aber den Eindruck, dass Göteborg auch Zukunft hat. Ebenso unterhaltsam wie lehrreich ist ein Besuch im naturwissenschaftlichen Museum Universeum, das ein Troparium mit tropischer Flora und Fauna sowie ein enormes Aquarium beherbergt. Buchstäblich der Höhepunkt des Universeums ist der Wisdom, ein 360-Grad-Kino auf dem Dach des Gebäudes. Das wurde erst kurz vor unserem Besuch fertiggestellt – nicht zuletzt durch Spenden der Wallenbergs, einer der reichsten schwedischen Familien. Wir bekommen dort 3D-Brillen verpasst und erleben in rund einer halben Stunde eine Expressreise, auf der wir in weniger als 30 Minuten durch unser gesamtes bekanntes Universum fliegen.
Wohnmobil-Tour durch Westschweden
Zur Übernachtung geht es da entlang.
Bild: Martin Häußermann / AUTO BILD

Als Alternative wartet in der direkten Nachbarschaft der Vergnügungspark Liseberg mit seinen Achterbahnen und dem weithin sichtbaren Riesenrad. Dieser Park ist der größte seiner Art in Skandinavien. Praktischerweise betreibt Liseberg auch gleich noch den City-Campingplatz von Göteborg, in dem auch wir Quartier bezogen haben. Zum Vergnügungsparkbesuch oder Stadtbummel bewegt man sich mit der Straßenbahn, die praktischerweise vor den Toren des Campingplatzes abfährt.
Wir setzen uns wieder hinters Steuer unseres Knaus und bewegen uns Richtung Norden, zunächst auf der Autobahn. Dort darf man mit Wohnmobilen maximal 120 km/h fahren, an den meisten Streckenabschnitten auf unserer Route war per Verkehrszeichen meist 90 bis 110 km/h vorgegeben. Die Schweden rasen nicht, sie reisen entspannt. Das merken wir, als wir, durch einen Plausch abgelenkt, die geplante Abfahrt erst spät erkennen und deshalb mit Verzug auf die Ausfahrtsspur gelangen. Wo es in Deutschland ein Hupkonzert geben würde, zuckt der schwedische Autofahrer mit den Schultern, bremst sogar ab und lässt uns ohne Theater die Spuren wechseln. Wir danken ihm und versprechen, nächstes Mal etwas aufmerksamer zu sein!

Wohnmobil-Tour Schweden: Deutsche sind zahlreich vertreten

Wohnmobile und Gespanne aus dem europäischen Ausland gehören in dieser Region im Sommer zum gewohnten Straßenbild. In Übernachtungszahlen gerechnet, war Camping die beliebteste Unterkunftsform im vergangenen Jahr. Und die Deutschen sind
nach den Nachbarn aus Norwegen die größte Urlaubergruppe aus dem Ausland. Obwohl wir außerhalb der Hauptsaison unterwegs sind, sehen wir das auf jedem Campingplatz. Da stehen jede Menge Wohnwagen, Reisemobile und Campingbusse mit deutschen Kennzeichen.
Johannesvik Camping in Kungshamn liegt sehr nahe an der Küste und ist schön eingebettet in die eiszeitlich geformte Landschaft aus abgeschliffenen Granitfelsen. Die geben die räumliche Struktur vor und sorgen dafür, dass der Campingplatz trotz seiner enormen Größe nicht wie ein Moloch wirkt, sondern wie eine entspannte Feriensiedlung im Grünen. Johannesvik Camping ist ein wunderbares Basislager für Aktivitäten verschiedenster Art. Zunächst schnüren wir mal die Wanderschuhe, am anderen Tag schwingen wir uns aufs Mountainbike. Niklas Skogh, unser Guide, nimmt uns mit auf die feinsten Trails. Tatsächlich macht das Fahrradfahren auf den nackten Felsen einen Heidenspaß. Das hat hier einen Hauch von Slickrock in Utah, USA – MTB-Fans wissen, wovon wir reden.
Wohnmobil-Tour durch Westschweden
Im Johannesvik Camping finden wir einen großzügigen Stellplatz für unseren Knaus.
Bild: Martin Häußermann / AUTO BILD

Um in den Schären von Insel zu Insel zu kommen, braucht man entweder eine Brücke oder ein Boot. Unseres ist ein ehemaliges Fischerboot, das aber längst Taxi ist. Die Fischerei lohne sich nicht mehr so richtig, erklärt uns unser Kapitän. Die großen Trawler sind für kleine Fischer im Grunde eine übermächtige Konkurrenz. Und auch mit dem Granit, einst ein großer Exportschlager der Region Bohuslän, ist derzeit offensichtlich nicht viel Staat zu machen. Vom Boot aus sehen wir an der Küste mehrere Halden bereits gehauener, aber eben noch nicht verfrachteter Steine.
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Kanelbullar, die schwedische Spezialität schlechthin.
Bild: Martin Häußermann / AUTO BILD

Wir legen im Jachthafen von Smögen an. Das ist Bilderbuchschweden: Die meisten Häuser sind weiß, rot oder eben rot-weiß. Im Wasser dümpelt alles, was schwimmen kann – vom kleinen Boot mit Außenbordmotor über passable Segelboote bis hin zu veritablen Motorjachten. Wir besuchen das Restaurant Skärets Krog. Das ist erbaut worden als herrschaftliche Villa für den örtlichen "Heringskönig" Olof Persson, wurde 1931 zur Bäckerei mit Café umgebaut und ist seit 1995 ein überregional bekanntes Restaurant. Nicht ganz günstig, dafür schmeckt uns der Fisch, der heute morgen noch im Meer schwamm, ganz hervorragend.

Camping-Tour Schweden: Felsen von Vitlycke sind Weltkulturerbe

Unsere Weiterreise wird zur Zeitreise – wir landen in der Bronzezeit. Und wieder spielt der Fels eine wichtige Rolle. Dieser diente Menschen in der Zeit zwischen 1700 und 300 v. Chr. als Untergrund für ihre Zeichnungen, die sie mit Metallwerkzeugen in den Stein ritzten. Die Felsen von Vitlycke sind von der UNESCO ins Weltkulturerbe aufgenommen worden.
In Westschweden kommen auch Technikfans auf ihre Kosten. Ein beeindruckendes Zeugnis schwedischer Ingenieurskunst ist das Aquädukt von Håverud aus dem Jahr 1868. Kernstück ist eine Trogbrücke, die den natürlichen Wasserlauf überspannt und die Schleusenkammern miteinander verbindet. So können Schiffe zehn Meter Höhenunterschied überwinden. Eine Straßenbrücke sowie eine klappbare Eisenbahnbrücke überspannen das Aquädukt und komplettieren so das Ensemble. Gebaut wurde das Aquädukt unter der Leitung von Nils Ericson, der übrigens auch für den Trollhättan-Kanal verantwortlich zeichnete.
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Blick auf den Wiggersvik's Camping und die Schären vor Kungshamn.
Bild: Martin Häußermann / AUTO BILD

An dessen Ufer in der Stadt Trollhättan finden wir das Saab-Museum und ganz in der Nähe auch einen kleinen offiziellen Wohnmobil-Stellplatz. Als ehemaliger Besitzer eines Saab 96 mit Ford-V4 und Freilauf ist der Museumsbesuch Pflicht. Traurig, dass diese Marke die automobilen Zeitläufte nicht überlebt hat. Auf den Straßen aber sind sie noch häufig zu sehen. Vielleicht nehmen wir nächstes Mal einen Anhänger mit.