Es wird langsam eng auf der Überholspur der Electric Avenue und die Luft für die Werkstuner immer dünner. Denn während sich AMG & Co sichtlich schwer tun mit der Transformation, ziehen die neuen Helden aus dem Silicon Valley locker an ihnen vorbei.
Und jetzt mischen auch noch die Chinesen mit: Nach der Plaid-Version des Tesla Model S (1034 PS) und dem Lucid Air Sapphire (1254 PS) schießt jetzt der Zeekr 001 als FR heran und zeigt Modellen wie einem Mercedes-AMG EQE 53 (626 PS) oder einem BMW i5 M60 (601 PS) und sogar dem neuen Porsche Taycan Turbo GT (1109 PS) seine kantige Kehrseite.
Vier Motoren von zusammen 1265 PS machen ihn zur Trumpfkarte im Elektro-Quartett und ermöglichen Fahrleistungen, die den Puls in die Höhe treiben wie ein regennasser Griff an den Weidezaun unter Starkstrom. Während eine weiterentwickelte Wärmepumpe Akku und Motoren kühlt und so auch ein paar Runden mehr auf der Rennstrecke ermöglicht, reißen die Motoren mit 1280 Nm an den Rädern und katapultieren den China-Kracher in 2,02 Sekunden von 0 auf 100.
Zeekr ringt mit dem 001 FR um die Pole Position – und startet bald auch bei uns.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Wer danach tapfer auf dem Pedal bleibt, erreicht bis zu 280 km/h und hat dank Allradantrieb, Torque Vectoring und der tonnenschweren 100 kWh-Batterie für eine – in diesem Fall besonders theoretische – Normreichweite von 550 China- Kilometern eine Straßenlage wie ein Tourenwagen. Selbst die Bremsen haben – Brembo und den Pizzateller großen Karbon-Scheiben sei Dank - einen biestigen Biss. So kitzelt man die Nerven der Generation E und nimmt Petrolheads die Sehnsucht nach der "Guten Alten Zeit".

Zeekr 001 FR: Inszeniertes Powerplay

Und wo Tesla und Lucid so unauffällig sind wie Tarnkappen Bomber, inszeniert der Zeekr das Powerplay gebührend. Airblades und Front- und Heckschürze, ein dicker Flügel auf dem Kofferraumdeckel und rote Brembos in den 22 Zoll-Felgen machen den ohnehin auffälligen Shooting Break gar vollends zum Blickfang. Nur müsste dafür ja nicht gleich der ganze Innenraum bis auf die tief ausgeschnittenen Sportsessel in feuerrotem Alcantara ausgeschlagen sein.
Wo Tesla und Lucid so unauffällig sind wie Tarnkappen Bomber, inszeniert der Zeekr das Powerplay gebührend.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Zwar steht das Kürzel "FR" in typischer China-Poesie für "Future Roads". Doch braucht man für den 001 keine künftigen Straßen, sondern einen ausgesprochen gegenwärtigen Rennkurs – selbst wenn der sich schon ein bisschen runtergekommen durch ein Industriegebiet am Stadtrand Pekings schlängelt.
Während man draußen auf der Tribüne oder in der Box nur das Wimmern der Reifen hört, die auf der engen, alten Piste ihre liebe Mühe mit der Haftkraft haben, dröhnt drinnen ein künstlicher Rennwagen-Sound, der so gar nicht in die neue Zeit passen will. Aber wer chinesisch kann oder wartet, bis die Export-Übersetzung fertig ist, der schaltet diesen sentimentalen Fake besser schnell wieder aus.
Mehr als 99 Zeekr 001 FR pro Monat werden nicht produziert.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Wofür man kein Chinesisch braucht? Das sind die beiden Porsche-mäßig ins Lenkrad gerückten Drehregler, mit denen sich der Fahrspaß noch steigern lässt. Rechts, weil man da die Farbprofile wählen und dem Zeekr so spürbar die Sinne schärfen kann. Und links, weil das die Stabilitätskontrolle und die Launchcontrol aktiviert. Dann geht jeder Tritt aufs Pedal nicht nur unvermittelt in die Motoren, sondern auch ins Nervensystem des Fahrers und der Puls schießt gar vollends durch die Schädeldecke.

Zeekr soll auch nach Deutschland kommen

Weil er mächtig einzahlt aufs Markenimage, entsprechend Aufmerksamkeit generiert und weil sie ja nicht umsonst ein Entwicklungszentrum am Nürburgring haben, wollen die Chinesen ihren elektrischen Pulsbeschleuniger möglichst schnell auch nach Deutschland bei bringen. Und zwar nicht nur zum Test und zum eigenen Vergnügen, sondern auch zum Verkauf – selbst wenn der Starkstrom-Bolide in China mehr als doppelt so viel kostet wie das Basismodell und bei uns nach dieser Logik irgendwo zwischen 130.000 und 150.000 Euro notiert werden müsste.
Aber eigentlich spielt der Preis keine Rolle. Denn auf große Stückzahlen können sie ohnehin nicht hoffen – mehr als 99 Autos pro Monat werden nicht produziert.
Stark und schnell sind die Stromer alle, und natürlich auch ein bisschen unterkühlt. Aber ausgerechnet Zeekr baut den Petrolheads eine Brücke in die neue Zeit. Nein, nicht wegen des Synthi-Sounds. Der ist albern wie immer. Sondern weil der FR nicht nur potent ist und leidenschaftlich fährt, sondern weil man ihm seine Muckis anders als bei den cleanen Teslas und Lucid auch ansieht wie früher bei AMG & Co. Damit bietet er das Beste aus zwei Welten.