Alpina B5 gegen E 55 AMG

Alpina B5 – Mercedes-Benz E 55 AMG Alpina B5 – Mercedes-Benz E 55 AMG

Alpina B5 gegen Mercedes-Benz E 55 AMG

— 04.10.2005

Alpina macht Druck

Konkurrenz für Mercedes: Alpina kratzt heftig an der Dominanz der Stuttgarter bei den V8-Sportlimousinen. Denn mit Rotationsverdichter läßt der B5 dem bisherigen Stuttgarter Platzhirsch letztlich keine Chance.

Kraft durch beschleunigte Luft

"The answer, my friend, IS blowin' in the wind..." Bob Dylan wußte genau, wo er suchen mußte. Doch nicht nur der Barde, auch Mercedes-Benz und Alpina finden Antworten im Wind. Denn automobil gesehen steigert nichts die Leistung effektiver als beschleunigte Luft. Ein Prinzip, das die E-Klasse als E 55 AMG schon 2002 aus dem Dienstwagen-Einerlei in die Herzen kraftliebender Besserverdiener gepustet hat. Nicht der Abgasturbolader dient seither der Befriedigung gehobener PS-Bedürfnisse, sondern ein Kompressor.

Er treibt die Leistung des im Hub verlängerten E-500-Motors von 306 auf 476 PS und den Preis des Power-Pakets von 60.000 auf mehr als 92.000 Euro. Vergleichbares hat BMW nicht zu bieten. Der zehnzylindrige Überflieger M5 vertritt eine andere (Hochdrehzahl-)Philosophie. Doch zum Glück gibt es ja Alpina. Der "Hersteller feiner Automobile" plaziert seinen B5 an der Spitze der 5er-Baureihe. Leistungsmäßig liegt er auf Augenhöhe mit dem M5, und daß es dort tatsächlich eine Marktlücke gibt, beweisen die Bestellungen: 200 Stück (ab 89.900 Euro) hat Alpina bereits verkauft. Wie AMG setzt Alpina nicht auf Turbo-, sondern auf mechanische Aufladung. Aber Kompressor ist nicht gleich Kompressor.

Der Synonymreichtum bisheriger Systeme deutet auf technische Finessen im Detail: Supercharger, Blower, Gebläse, G-Lader, Schraubenmaschine, Flügelzellenverdichter... Das Thema ist so vielfältig wie das Weinsortiment im Keller von Alpina-Chef Burkard Bovensiepen. So ist denn auch technisch der wichtigste Unterschied zwischen Mercedes und Alpina die Art und Weise der Aufladung. Bovensiepens Ingenieure haben eine Windmaschine namens "Rotationsverdichter" an den V8 geflanscht und bewirken damit wahre Wunder.

Ausstattungen und Preise

Während der AMG-Kompressor vom Rootsgebläse abgeleitet ist und ohne innere Verdichtung arbeitet, bezieht Alpina beim Laderspezialisten ASA einen Rotationsverdichter, der wie ein Turbo Drehzahlen von mehr als 100.000 Umdrehungen pro Minute erreicht. Der auch "Turbessor" genannte Lader vereint das Beste aus zwei Welten: Bei niedrigen Drehzahlen spricht er spontan an wie ein herkömmlicher Verdränger-Kompressor, er kann aber auch sofort die immense Schubkraft eines Turbos liefern. Mit Hilfe des Verdichters hat Alpina bereits aus dem 745i den B7 gemacht.

Auf der IAA wurde das B6 Cabrio vorgestellt, auch mit 500 PS und 700 Newtonmetern. Nach identischem Muster wird aus dem 545i der B5, den die Firma nicht nur als Limousine anbietet, sondern auch als Touring, und so eine weitere Abgrenzung zum M5 schafft. Der Antritt des Alpina B5 ist gleichmäßig, aber derart vehement, daß die Sportlimousine sich direkt in den exklusiven Kreis der Supersportwagen katapultiert. Von null auf Tempo 200 in nur 14,5 Sekunden und 314 km/h Spitze sind Werte aus der Ferrari-Lamborghini-Porsche-Liga. Auf der Autobahn legt der B5 Elastizitätswerte auf die linke Spur, bei denen selbst ein 360 Modena oder ein Carrera alt aussehen. Und einem im Begrenzer hängenden M5/M6 eilt der B5-Pilot (noch) spielerisch davon.

Dem E 55 AMG sowieso. Beschleunigung, Spitzentempo, Gewicht, Bremsen, Preis – der Mercedes hat gegen den Edel-Fünfer aus Buchloe keine Chance und verliert das Duell in fast allen Disziplinen. Bis auf eine: Komfort. Auf schlechten Straßen rollt der B5 robuster ab als der Mercedes. Schläge von Gullydeckeln dringen spürbar nach innen. Kopfsteinpflaster bringt den Aufbau zum Zittern – der Preis für ein 300-km/h-Fahrwerk. Immerhin: Die Dämpfer-Federcharakteristik bietet noch "Restkomfort".

Technische Daten im Überblick

Wer auf gute Abrolleigenschaften Wert legt, ist mit dem AMG-Benz besser beraten. Luftfederung und adaptive Dämpfer mit drei, per Knopfdruck wählbaren Kennlinien ermöglichen individuelle Anpassung an Straßenverhältnisse und Fahrweise. So straff wie der B5 fährt der Mercedes in der härtesten Abstimmung nicht. Sogar mit abgeschaltetem ESP ist ihm das Untersteuern kaum abzugewöhnen. Ganz anders der BMW. Seine Auslegung ist neutral. Allein durch ruckartiges Einlenken läßt sich bei deaktiviertem DSC Übersteuern provozieren, das unter Gaspedaleinsatz in einen hübschen Drift übergeht.

Schneller allerdings ist eine saubere Linie. Wer die einhält, fährt dem Mercedes auf und davon. Ob enge Kurven oder lange Biegungen, der AMG wirkt auf unserer Referenzstrecke, der Motorsport Arena Oschersleben, träger als der Alpina. Ein Eindruck, den die Zeitmessung in allen Sektionen bestätigt. Die brutale Gangart auf der Piste liegt aber beiden nicht. Im Mercedes-Tachodisplay leuchtet nach vier Runden die Warnung "Bremsen überhitzt", beim Alpina fordert die Elektronik die Schonung der überlasteten Automatik. Am Ende liegt die Differenz der Rundenzeiten bei knapp vier Sekunden.

Das ist viel. Und viel mehr, als das Mercedes-Leistungsdefizit von 24 PS vermuten läßt. Es spricht für die sportlich-konsequente Fahrwerkabstimmung des Bayern. Trotzdem bekommt er seine Urgewalt nicht auf die Strecke. Besonders beim Herausbeschleunigen aus engen Kurven verliert das innere Hinterrad die Haftung und dreht durch. Eine Differentialsperre, die das 700-Nm-Drehmomentmaximum effektiver auf die 275er-Hinterräder verteilt, ist in Vorbereitung und dürfte den B5 noch schneller machen.

Fahrleistungen und Fazit

Optisch ist der B5 rundum angenehm dezent. Innen präsentiert er sich vornehm im typischen Alpina-Look mit blauen Instrumentenscheiben, rötlichem Edelholz und handvernähtem Lederlenkrad. Alpinas aufgeladener Achtzylinder im Bug kann übrigens nicht nur eine nahezu konkurrenzlose Vortriebsdynamik erzeugen, sondern auch überraschend handzahm sein. Sanft brummend schiebt der Motor den 1,9-Tonner durch die Stadt – wenn er nicht getreten wird, und er harmoniert dabei perfekt mit der Sechsgangautomatik. Unauffällig rollt der B5 durch den Verkehr, wandelt aber bei Bedarf blitzschnell seinen Charakter. Ein Druck aufs rechte Pedal reicht, schon stürmt er orkanartig los. Keine elektronisch programmierten Leistungsstufen, keine SMG-Schaltprogramme – nur Vollgas und weg.

Seine Automatik läßt die Wahl zwischen Normal- und Sportstellung. Dazu gibt es links und rechts am Lenkrad Schalttasten für manuelle Gangwechsel – perfekt für Fahrer, die ihr Gefährt aktiv bewegen wollen. Für schnelles Mitfahren indes bietet der Mercedes mehr. Daß der Testwagen sogar mit Fernseher für die Fondpassagiere (1856 Euro extra) bestückt war, beweist die komfortbetonte Ausrichtung des Stern-Wagens. Derartiges Luxuszubehör sucht man in der kurzen Alpina-Aufpreisliste vergeblich. Eine erstklassige CD-Musikanlage ist zum Glück bei beiden serienmäßig an Bord. So kann Bob Dylan seine Botschaft vom Wind in digitaler Form verkünden. Doch eigentlich paßt Neil Young viel besser: "Like a Hurricane".

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Jörg Maltzan Selten haben Vergleiche ein so klares Ergebnis: Der Alpina B5 setzt den bisherigen Platzhirsch E 55 AMG nicht nur unter Druck, sondern er zieht souverän vorbei. Er ist eindeutiger Sieger in diesem Duell. Kräftiger, schneller, agiler und günstiger im Neupreis – in allen relevanten Testkriterien macht er das Rennen. Daß der Mercedes über das komfortablere Fahrwerk verfügt, ist BMW/Alpina-Fans bestenfalls die Bemerkung wert: "Ist halt ein schnelles Taxi." Klingt hart, ist aber berechtigt. Das sportlichere und bessere Auto kommt aus Bayern.

Hier ist ihre Meinung gefragt

Ob ein Auto letztlich ankommt, wissen nur die Verbraucher selbst – also Sie. Deshalb ist uns Ihre Meinung wichtig. Vergeben Sie eigene Noten für den Alpina B5 und den Mercedes-Benz E 55 AMG. Den Zwischenstand sehen Sie direkt nach Abgabe Ihrer Bewertung.

Autor: Jörg Maltzan

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