Alpine A110 im Test

Alpine A110: Test

Alpine A110 – kompromisslos gut

Ein starkes Stück Frankreich: AUTO BILD hat die Alpine A110 getestet – und ist begeistert. Trotz der einen oder anderen Zickerei.
Merci, Frankreich! Ohne unseren westlichen Nachbarn und seine Kulturschätze wäre mein Leben wohl anders verlaufen. Danke für Asterix-Comics, "La Boum" – und natürlich die Alpine A110. Die leichte Flunder aus dem Hause Renault driftete schon lange vor dem Gallier und Sophie Marceau sehr erfolgreich durch meine Kindheitsträume – und durch den internationalen Rallye-Zirkus. Jetzt betritt die Alpine erneut die automobile Bühne. Mit gleichem Namen und gleichem Konzept, bei allem Wiedererkennungswert aber ohne peinliche Retro-Reime.

Den Designern ist ein wirklich großer Wurf gelungen

Video: Renault Alpine A110 (2017)

Alpine auf Testfahrt

Selten provozierte ein Auto quer durch alle Altersklassen so viel anerkennendes Nicken und freundliches Lächeln. Macht ein drittes Dankeschön – und für mich einen der spannendsten Tests in 24 Jahren AUTO BILD. Schon der erste flüchtige Blick beim Kennenlernen macht klar: Die Alpine ist in den letzten Jahrzehnten größer geworden. Bleibt mit einer Länge von 4,18 Metern (einst 3,85 m) bei 1,80 Meter Breite (1,60 m) aber erfreulich kompakt. Und flach. Gegenüber der Uroma legt sie zwar um zwölf Zentimeter auf 1,25 Meter zu, bewahrt sich aber die Proportionen einer Sportlerin. Obwohl wir immer öfter in SUVs hocken und ich auch schon über 50 bin, fällt mir das Einsteigen leichter als gedacht. Gesunde Beweglichkeit reicht, schon empfangen uns optisch imposante Schalensitze. Perfekt sitzen wir darin nicht.

Auch stattliche Menschen finden im A110 Platz

Platz satt: Auch Zwei-Meter-Menschen finden Platz in der Alpine – die Sitze lassen aber zu wünschen übrig.

Es gibt zwar selbst für Zwei-Meter-Mannen genug Platz. Die nicht verstellbare Lehne steht aber zu flach und geizt mit dem Halt im Schulterbereich. Asterix & Obelix packen bei römischen Legionären irgendwie deutlich fester zu.Bon! Fahren wir mal los. Da wir auf dem Trockenhandlingkurs des Contidroms bei Hannover stehen, gleich mal mit Alarmstart. Und der geht so: Fuß auf die Bremse, Startknopf drücken, Fahrmodus auf "Sport" (oder "Track"), beide Schaltwippen ziehen, bis vor uns "Launch Control ON" leuchtet, Gaspedal durchtreten und Bremse lösen – ab geht die blaue Flunder, als hätte sie Zaubertrank im Tank. Der 1,8-Liter-Vierzylinder (gab's früher auch) hinter dem Piloten röhrt zornig (und ziemlich laut), die Hinterräder quietschen leise, und die A110 schießt in 4,6 Sekunden auf Tempo 100, rennt bei 250 km/h in den elektronischen Begrenzer der besorgten Eltern. Ganz schön flott, die 1107 Kilo leichte Madame. Das beweist auch die Zeit auf dem Rundkurs. Nach 1:35,28 Minuten ist die Alpine einmal rum – Respekt.
Wobei der Zeitenjäger wissen sollte, was er tut. Und welche Knöpfe er drückt. Den Modus "Normal" brauchen wir nur zum Rumrollern. Dann schaltet das Siebengang-DSG schnell, aber nicht immer passend, die Lenkung arbeitet gefühlvoll, aber manchmal übereifrig, die Federung fängt lange Wellen locker ab, stolpert aber unfein über Kanten und Krater. Wechseln wir zu "Sport", wird es interessant. Die Gänge fliegen, das ESP lässt dem Heck etwas mehr Freiheit, Gefahr besteht dennoch keine – auch nicht für die Bestzeit.

Vom "Track"-Modus sollten unerfahrene Fahrer die Finger lassen

Giftig: Im "Track"-Modus fordert die Alpine eine kundige Hand, Drifts sollten gekonnt pariert werden.

"Track" beschert uns schließlich durchaus dramatische Driftwinkel und ungeübten Fahrern das eine oder andere Aha-Erlebnis. Gegenlenken sollten Sie also nicht nur vom Hörensagen kennen. Wer das beherzigt, fühlt sich im Track-Modus wie ein richtiger Rennfahrer und unglaublich schnell. Störend wirkt vor allem, dass die Automatik sich freinimmt und wir von Hand schalten müssen – da die großen Schaltpaddel sich nicht mit dem Lenkrad mitdrehen, ist das kein Vergnügen. Wer das ESP komplett abschaltet, erlebt die hinterradgetriebene Mittelmotor-Schönheit dann als wahre Diva. Jetzt muss das Timing stimmen, darf kein Einsatz verpasst werden – sonst parkt das gute Stück neben der Strecke. Zu ungestüm in die Kurve? Dann schiebt Madame trotzig geradeaus. Rettungsversuch auf der Bremse? Schon wackelt die Schönheit ihren Hintern frech in den Vordergrund – inklusive wildem Gegenschlag. Nichts für Anfänger und Amateure.

Die erste Alpine-Serie ist leider schon komplett vergriffen

Was für ein A! Die erste Serie der A110 ist bereits ausverkauft – 58.000 Euro kostet(e) der Spaß.

Selbst geübte Gasgeber brauchen ein paar Runden, um sich mit der Alpine anzufreunden, stanzen dann aber eine tolle Zeit in unsere Bestenliste – und geben den Fahrersitz anschließend nur noch sehr widerwillig frei. Die blaue Flunder auf unseren Fotos gehört übrigens zur Première Édition, die für 58.000 Euro ziemlich komplett vorfährt, allerdings längst ausverkauft ist. Und wann die "normalen" Versionen (wohl ab etwa 54.000 Euro) zu den Kunden rollen, lässt sich derzeit noch nicht absehen. Insider unken, dass es durchaus ein oder zwei Jahre dauern könnte. Vielleicht aber auch besser so – wenn ich die flotte Französin mit nach Hause brächte, könnte meiner Frau womöglich ein Wort rausrutschen, das zwar mit "Mer" anfängt, aber nicht auf "ci" endet.

Fahrzeugdaten Alpine
Modell A110 Première Edition
Motor Vierzylinder, Turbo
Einbaulage Mittelmotor, hinten quer
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/2
Nockenwellenantrieb Kette
Hubraum 1798 cm³
kW (PS) bei 1/min 185 (252)/6000
Nm bei 1/min 320/2000
Vmax 250 km/h
Getriebe Siebengang-DSG
Antrieb Hinterradantrieb
Bremsen vorn/hinten Scheiben/Scheiben
Testwagenbereifung 205/40-235/40 R 18 Y
Reifentyp Michelin Pilot Sport 4S
Abgas CO2 138 g/km
Verbrauch* 8,2/5,0/6,1 l
Testverbrauch
Sportverbrauch** 10,8 l/100 km
Testrunde*** 7,5 l/100 km
Sparverbrauch**** 6,0 l/100 km
Tankinhalt 45 l/Super
Partikelfilter N
Kältemittel 1234yf
Vorbeifahrgeräusch 71 dB(A)
Kofferraumvolumen 96 I vorn/100 I hinten
Länge/Breite/Höhe 4180/1798-1980/1252 mm
Testwagenpreis 58.000 Euro
* innerorts/außerorts/gesamt auf 100 km (Herstellerangabe); ** 54 km Autobahn, davon 20 km Vollgas; *** Durchschnitt der 155-km-Testrunde von AUTO BILD; **** 101 km Stadt und Land mit wenig Gas

Messwerte Alpine
Beschleunigung
0–50 km/h 2,0 s
0–100 km/h 4,6 s
0–130 km/h 7,1 s
0–160 km/h 10,3 s
0–200 km/h 16,1 s
Zwischenspurt
60–100 km/h 2,2 s
80–120 km/h 2,7 s
Leergewicht/Zuladung 1107/258 kg
Gewichtsverteilung v./h. 43/57 %
Wendekreis links/rechts 11,8/11,6 m
Bremsweg
aus 100 km/h kalt 33,6 m
aus 100 km/h warm 33,3 m
Innengeräusch
bei 50 km/h 61 dB(A)
bei 100 km/h 69 dB(A)
bei 130 km/h 73 dB(A)
Testverbrauch – CO2 7,5 l S – 177 g/km
Reichweite 600 km
Gerald Czajka

Gerald Czajka

Fazit

So schön, so schlank, so schnell – der Alpine kann man einfach nicht widerstehen. Ein derart aufs Fahren fokussiertes, leichtgewichtiges und bildschönes Sportcoupé findet sich so schnell kein zweites Mal. Dass die Alpine dabei alles andere als perfekt ist und auch mal zickt, verzeihen wir ihr nicht nur – es macht die Sache umso spannender.

Autoren: Gerald Czajka, Henning Klipp

Stichworte:

Sportwagen

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