Autonomes Fahren

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Autonomes Fahren

— 30.05.2007

Diesem Geisterfahrer können Sie trauen

Fahren ohne Fahrer – die Technik macht's möglich. AUTO BILD-Autor Wolfgang Blaube ließ sich als erster von dem Roboter-Passat chauffieren. Ein Gag – oder fährt hier die Zukunft?

Heute Abend waren es drei, vier Bier zu viel. Egal. Ich steige allein ins Auto, fahre nach Hause. Und zwar legal. Denn ich sitze nicht am Steuer. Niemand sitzt am Steuer – das Auto fährt von selbst. Von der Kneipe durch den öffentlichen Verkehr bis zur Garage.

Ein Science-Fiction-Szenario. Aber es könnte Realität werden. "Nicht in ferner Zukunft, sondern bereits ab etwa 2020", sagt Dr. Ulrich Lages (39).

Keine Zauberei: Dieser Passat sieht, denkt und handelt selbstständig.

"Die Technik dafür gibt es schon heute", so der Chef des Elektronik-Spezialisten Ibeo. Klingt unglaublich. Doch dann darf ich mich selbst von der Machbarkeit überzeugen. Das Lenkrad rotiert, Gas und Bremspedal wippen im Wechsel. So, als sei ein routinierter Fahrer am Werk. Dabei wird der VW Passat Variant von Geisterhand dirigiert – der Fahrersitz ist leer, eine Fernsteuerung gibt es nicht. Das Auto sieht, denkt und handelt selbstständig. Mit jeder Runde löst sich meine Verkrampfung ein wenig. Immer seltener taste ich im Beifahrerfußraum nach der Bremse, suchen meine Hände intuitiv nach Halt. Bis ich endlich Vertrauen gefasst habe, mich zurücklehne und von dem führerlosen Gefährt chauffieren lasse.

Hier die Bewegungsdynamik des unbesetzten Autos, des Roboter-Passat.

Vier deutsche Teams bei Urban Challenge

Ein unbeschreibliches Gefühl. Noch nie zuvor saß ein Journalist im autonom fahrenden Passat. Lages ist froh, dass die Vorstellung klappt. Aber wirkliche Bedenken hatte er nicht gehegt, sagt er. Er kenne sein Team, dessen Potenzial, das Auto. Brandneu sind autark denkende und lenkende Fahrzeuge nicht. Doch bislang waren sie eher eine Art Pfadfinder-Roboter für Offroad-Rennen. Die DARPA, eine Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums, richtete sie aus. Bei der Urban Challenge am 3. November 2007 messen sich die vollautomatischen Autos erstmals im simulierten Kleinstadt-Umfeld: durch den fließenden Verkehr, über belebte Kreuzungen hinweg, mit dem Umfahren statischer und dynamischer Hindernisse sowie dem Befolgen komplexerer Vorfahrtsregeln. 53 Teams wollen bei der Urban Challenge 2007 antreten, davon vier aus Deuschland.

Das Sieben-Mann-Team LUX mit Ibeo-Chef Dr. Ulrich Lages (rechts).

Unter denen ist das Hamburger Team LUX um Dr. Lages das vielleicht ungewöhnlichste. Es ist mit sieben Leuten die kleinste Gruppe, es ist die einzige ohne Sponsoren – der Passat wurde sogar als normaler Neuwagen beim VW-Händler gekauft. Und kein anderes Team setzt ausschließlich auf Technologie deutscher Herkunft. Wichtigster Punkt, erzählt Lages, sei jedoch die Steuerung selbst: "Während alle anderen Teams auch mit Ultraschall, Radar und/oder Video arbeiten, wird der Passat nur durch Laserscanner geführt. Sie sind komplett integriert. Damit ist unser Auto wohl das einzige mit voller Straßenzulassung und Alltagstauglichkeit." Klar, dass er für die Laser-Elemente wirbt: Seine Firma Ibeo, Tochter der Sick AG in Freiburg (spezialisiert auf Sensorik für Industrieautomation), stellt sie her. Bislang 250 Prototypen.

Zugeständnis an das Reglement der Urban Challenge: der Not-Ausschalter.

Chancen für Lages und Co. stehen gut

2008 läuft die Vorserie an. 2012, so Lages' Planung, sollen Ibeo-Laserscanner an die Autoindustrie geliefert werden. Für weniger als 200 Euro pro Stück, aber mit sieben Funktionen auf einmal – für die heute noch sieben einzelne Sensoren erforderlich sind. Notbremsung, Aufprallerkennung, Spurhalte- und Staupilot, Stop and go, Fußgängerschutz: "Derartige Assistenten sind dann endlich auch preisgünstig in kleineren Modellen zu haben", prognostiziert Lages. Nächster Schritt: das bei Bedarf völlig autonom fahrende Auto. Den beherzten Schritt in diese Richtung darf ich heute erleben. Faszinierend, wie der serienmäßig aussehende Passat um die Kurven und Hindernissen zirkelt. Fährt hier die Zukunft? Zumindest ein Anwärter auf den Sieg bei der Urban Challenge, wie Insider raunen. Die Chancen für Lages und sein Unternehmen sind nochmals höher: Von 53 Wettbewerbsfahrzeugen sind 13 mit Ibeo-Sensoren bestückt, weitere 15 mit denen des Mutterkonzerns.

Fazit Selbstfahrende Autos – die Technik ist da. Fehlt noch die Infrastruktur: Verkehrszeichen, die mit den Fahrzeugen kommunizieren. Wer soll das bezahlen? Diese Frage stellt sich auch im Schadensfall – haftet der Halter oder der Hersteller? Bleiben also finanzielle und juristische Probleme. Sind sie einst gelöst, ist mir eines wichtig: ein deaktivierbarer Selbstfahrmodus. Für klassischen Fahrspaß.

DARPA GRAND CHALLENGE: Siegprämie beträgt zwei Millionen US-Dollar

Im März 2004 veranstaltete die US-Militärforschung die erste Rallye ohne Piloten: 132 Meilen (213 km) durch die Mojave-Wüste (Kalifornien und Nevada). Resultat: Keines der 25 Roboter-Mobile, die teilweise wie bereifte Baugerüste aussahen, erreichte das Ziel. Bei der zweiten Auflage im Oktober 2005 sahen immerhin vier von 23 autonomen Fahrzeugen die karierte Flagge. Sieger: ein VW Touareg der Stanford University – mit einem Temposchnitt von 30,7 km/h. Die DARPA Urban Challenge am 3. November 2007 fährt erstmals durch ein Stadtgebiet, das auf einem noch unbekannten Truppenübungsplatz aufgebaut wird. Von den einst 100 Bewerber-Teams erfüllten bisher 53 die strengen Auflagen, beim Qualifikationsevent Ende Oktober wird nochmals gesiebt. Nur fünf Minuten vor dem Rennen erhalten die Teams die Digitalkarte und die GPS-Koordinaten des Routennetzes. Sieger ist schließlich, wer die rund 100 Kilometer Stadtverkehr am schnellsten bewältigt. Die maximale Fahrzeit beträgt sechs Stunden. Siegprämie: zwei Millionen US-Dollar.

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