Leder-Dynastie Connolly Leather Ltd

Connolly – Ende einer Legende Connolly – Ende einer Legende

Leder-Dynastie Connolly Leather Ltd

— 14.10.2002

Das Ende einer Legende

Schon der Name verspricht Luxus: Connolly, das steht für feinstes Leder bei der Innenausstattung. Doch jetzt ist die britische Traditionsfirma pleite – und wird stückweise verscherbelt.

Seit 1878 Leder vom Feinsten

"Willkommen bei Connolly Leder." Es ist eine junge, freundliche Stimme, die den Anrufer im Orbital Park von Ashford, Kent, empfängt. Keine Spur von Trauer zu entdecken, keine Spur von Bitterkeit, keine Spur von Zukunftsangst. Ein gutes Zeichen, denkt man gerade, da fährt die Stimme fort: "Für die Verkaufsabteilung – drücken Sie die Drei. Für die Personalabteilung – die Sechs. Und für die Zentrale – die Neun." Da wird klar: Die Stimme stammt aus der Vergangenheit, sie kommt vom Band. Und egal, welche Taste man drückt: Man wird niemanden erreichen. Weil der berühmteste Lederhersteller der Welt nur noch Geschichte ist ...

Connolly ist pleite. Ein einfacher Satz und doch so schwer zu verstehen. Denn im Automobilbau bedeutete Connolly: Luxus pur. Ob Rolls-Royce, Bentley, Ferrari, Aston Martin, Jaguar oder Morgan – alle bezogen ihre Sitze mit dem Leder des 1878 gegründeten Unternehmens. Schon die Krönungskutsche von König Edward VII. war mit Connolly-Leder ausgestattet.

Heute sitzt der Chauffeur der Queen auf den Häuten des Hoflieferanten, ebenso die Flugpassagiere in der Concorde und die Abgeordneten im britischen Parlament. "Wer über feines Leder spricht, der meint Connolly. Der Name ist Mythos", sagt Bentley-Sprecher Oliver Winkes. Connolly ist Legende. Aber die Legende ist am Ende. "Wir haben beschlossen, Connolly zu schließen. Im Moment verkaufen wir die Konkursmasse und die verbliebenen Lederhäute", bestätigt Judith Dow, Sprecherin von KPMG. Das Rechnungsprüfungs-Unternehmen ist als Konkursverwalter bestellt worden, das Personal von Connolly (65 Mitarbeiter in Ashford und 100 in Northhampton) wurde bereits entlassen.

15 Millionen Pfund Schulden

Connolly am Ende. Ein Unternehmen mit solcher Tradition und so einem guten Ruf – einfach Pleite gegangen. Wie konnte das passieren? "Schwierige Handelsbedingungen und die Folgen des 11. September", sagt KPMG. Joseph Connolly, der Vorsitzende des Familienunternehmens, nennt zudem gesunkene Margen für die Automobilzulieferer und die Konkurrenz durch Billigprodukte aus Osteuropa. "Seit Aston Martin zu Ford gehört, Bentley zu VW und Rolls-Royce zu BMW, ist die Welt für uns noch ein bisschen komplizierter geworden", klagte der Clanchef gegenüber der Financial Times.

Doch die ganze Wahrheit ist das wohl nicht. Insider meinen: Connolly hat sich verkalkuliert, wurde Opfer seiner misslungenen Globalisierungsstrategie. Fakt ist: Connolly hatte in Portugal, Argentinien und Vietnam Joint Ventures zur Lederproduktion eröffnet, 1997 in Detroit eine Niederlassung gegründet. Von dort belieferte das Unternehmen Ford und General Motors. "Die haben versucht, ins Massengeschäft einzusteigen", sagt ein namhafter Connolly-Kunde, "nur haben sie davon überhaupt nichts verstanden."

Folge: Schon im Jahr 2000 machte Connolly einen Verlust von 6,7 Millionen Pfund (rund 10,6 Millionen Euro). Die Wirtschaftskrise nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 versetzte dem kriselnden Unternehmen dann den letzten Schlag. Die Familie holte Martin May, in England als Wunderdoktor für schwer angeschlagene Firmen bekannt. Er beendete Ende 2001 das amerikanische Abenteuer, konnte Connolly aber auch nicht retten: Laut dem Fachmagazin leatherbiz. com soll der Schuldenberg von Connolly inzwischen 15 Millionen Pfund betragen – rund 23,7 Millionen Euro.

Potenzielle Käufer winken ab

Im April 2002 übernahm KPMG die Führung der Firma, inserierte den Konkurs und versuchte, Connolly zu verkaufen – ohne Erfolg: "Keiner der potenziellen Käufer hat einen Schritt in diese Richtung gemacht", sagt KPMG-Sprecherin Dow. Deshalb wird jetzt das Tafelsilber verhökert. Und die Autohersteller fahnden fieberhaft nach Ersatz.

Bentley zum Beispiel, bisher Abnehmer von rund 40.000 Häuten pro Jahr, wird sein Leder künftig aus Österreich beziehen, von Boxmark. Aston Martin weicht nach Schottland aus: "Wir bekommen unser Leder jetzt von Bridge of Weir", so Designchef Henrik Fisker. Die anderen Hersteller schweigen – und suchen weiter. Denn das Ganze ist in England ein heikles Thema: Wer Connolly durch ein ausländisches Unternehmen ersetzt, dem droht Gegenwind.

Immerhin ist die Firma auf der Insel eine Art Nationalheiligtum. Auch wenn Konkurrenten lästern, dass der Ruf des Leders weit besser gewesen sei als dessen wahre Qualität. Unbestritten aber ist: Mit Connolly stirbt ein Stück großer Automobilgeschichte. Was bleibt, ist die Legende. Und – zumindest vorerst noch – eine junge, freundliche Stimme vom Band.

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