Reportage: Am Steuer von Panzerfahrzeugen

Mercedes S 600 Maybach Guard: Fahrbericht

— 14.02.2016

Auf Nummer sicher

Sonst transportiert sie nur Politiker, Könige und Konzernchefs: AUTO BILD ist die neueste Panzerlimousine Mercedes S 600 Maybach Guard gefahren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist die wohl am meisten gefährdete Frau der Welt. Sie lässt sich ausschließlich mit schwer gepanzerten Fahrzeugen zu Sitzungen und Konferenzen im In- und Ausland bringen. Immer umringt von einer Vielzahl Personenschützer, die im Fall der Fälle für sie ihr Leben geben würden. Bei anderen Größen aus Politik und Wirtschaft auf der ganzen Welt sieht das nicht anders aus. Die Gefahr von Anschlägen wird nicht nur in Krisengebieten immer größer.
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"Die Waffentechnologie entwickelt sich immer weiter", sagt Markus Nast, verantwortlich für den Vertrieb der Panzerfahrzeuge im Hause Daimler, "daher haben wir nachgelegt und bieten mit dem S 600 Maybach Guard nun die Schutzklasse VR10 an." Was sich hinter dem Kürzel verbirgt, ist eine lebensrettende Absicherung gegen die Munition des Kalibers 7,62 x 54 mm – mit Stahlmantel. Die bisherige Topklasse VR9 schützte Angela Merkel, Wladimir Putin oder die Mitglieder europäischer Königshäuser vor dem unwesentlich kleineren Geschoss 7,62x 51 mm. Doch der kleine Unterschied, den zum Beispiel das Dragunov Scharfschützengewehr macht, kann einen das Leben kosten. Die stahlummantelte Munition bringt die Personenschützer von BKA, LKA oder GSG9 ebenso zum Schwitzen wie die privaten Schutzfirmen, die Vorstände von weltweiten Konzernen sicher im öffentlichen Straßenverkehr durch ihre voll gepackten Terminkalender chauffieren.

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Von außen sieht der Mercedes S 600 Guard oder der gepanzerte S 600 Maybach aus wie eine ganz normale S-Klasse mit verlängertem Maybach-Radstand. "Technisch handelt es sich bei den Fahrzeugen jedoch um völlig andere Autos", erklärt Markus Nast, "die Panzerversion ist mit bis zu 4,5 Tonnen rund doppelt so schwer wie ein normales Modell." Der Grund für das stämmige Übergewicht liegt allein an der hermetisch abgeriegelten Fahrgastzelle. Während Front und Heck mit dem ungepanzerten Serienmodell weitgehend identisch sind, werden die Insassen von zentimeterdicken Platten aus Stahl, Kevlar und Aramid geschützt, ohne dass dieser Überlebenskäfig von außen allzu leicht erkennbar wäre. Wenn überhaupt etwas auffällt, dann sind es die faustdick gepanzerten Scheiben, die in härtesten Beschusstests selbst dem sogenannten Multi-Hit-Shooting in einem Zwölf-Zentimeter-Dreieck widerstehen müssen.

G-Klasse 6x6 und weitere Fahrzeuge für Spezialeinheiten

Die gepanzerten Fahrzeuge fahren komplett anders

Sicherheitszelle: Dank der schweren Panzerplatten wiegt der S 600 Maybach knapp 4,5 Tonnen.

Doch die Hightech-Panzerungen sind nur ein Teil des Personenschutzes. Dazu kommen aufwendige Schutzkolonnen mit täglich wechselnden Fahrtrouten, wechselnde Kennzeichen und speziell geschulte Einsatzkräfte. Ein Teil der Personenschützer ist speziell auf den schwer gepanzerten Fahrzeugen als Chauffeure geschult, um im Fall eines Angriffs am Steuer die richtigen Entscheidungen zu treffen. Denn was von außen aussieht wie eine ganz normale Mercedes S-Klasse, fährt sich hinter dem Steuer nicht nur im Grenzbereich völlig anders. Denn die Verdoppelung des Eigengewichts und ein nennenswerter höherer Schwerpunkt setzen dem Piloten im wahrsten Sinne des Wortes schwer zu. Kommt der über vier Tonnen schwere Panzer bei schneller Fahrt im Grenzbereich erst einmal in Bewegung, müssen die regelmäßig trainierten Fahrer hellwach sein. Hat man sich an das mächtige Eigengewicht erst einmal gewöhnt, fährt sich der gepanzerte S 600 im Normalbetrieb allemal kalkulierbar. Wie viel Technik in einem gepanzerten Mercedes S 600 Guard steckt, merkt man auf einem Handlingparcours, denn die zahlreichen Regelsysteme sind auf die mehr als zwei Tonnen Zusatzgewicht abgestimmt. Die über 600 PS starken Luxuslimousinen werden in vielen Ländern überaus scharf gefahren – mit bis zu mehr 200 km/h und mehr. Entsprechend sehen die Trainingsübungen mit Hochgeschwindigkeitsausweichen und Schleuderkehren aus.
Die Autos aus dem Film Mad Max: Fury Road

Eine Tür wiegt über 150 Kilogramm

Kommandozentrale: Statt eines Becherhalters befinden sich weitere Knöpfe im Cockpit.

Jedoch muss man sich nicht nur bei schlechter Sicht erst einmal an die zentimeterdicken Sicherheitsscheiben gewöhnen, die das Bild gerade außen an der beheizbaren Frontscheibe verzerren. Zwischen den zahllosen Glasschichten sind dünne Folien geklebt, die ein Durchdringen der Kugeln unmöglich machen. Daher wiegt eine Tür über 150 Kilogramm. Kein Wunder, dass sich Angela Merkel und Wladimir Putin den mächtigen Einstieg nur allzu gerne vom muskulösen Begleitpersonal öffnen lassen. Die Fahrzeuge sind nicht nur schwer gepanzert, sondern zumeist mit einer Reihe von Sonderfunktionen wie einer automatischen Feuerlöschanlage, Funkstörern oder einer Gegensprechanlage mit der Außenwelt ausgestattet. Im Becherhalter oder der Mittelkonsole gibt es mehr Schalter als in den automobilen Spielzeugen von James Bond – allerdings ohne den Schleudersitz des Aston Martin DB5.

Alpha Armouring: Panzerschmiede

Alpha Armouring Alpha Armouring Alpha Armouring
"Bevor ein Panzerfahrzeug das so wichtige Sicherheitszertifikat vom Beschussamt Ulm bekommt, wird es bis zu 500 Mal beschossen", erklärt Markus Nast, "zwei Autos werden bei den Prüfungen komplett zerstört." Kein günstiges Vergnügen, kostet die neue Hochsicherheitslimousine Mercedes S 600 Maybach Guard der Schutzklasse VR10 mit einer Länge von 5,45 Metern doch mindestens 560.000 Euro. Der normale S 600 Guard in VR9 ist mit 464.000 Euro ebenfalls teurer als jedes Luxusmodell von der Stange. Doch so hoch gesichert die Schwerpanzer von Mercedes, BMW und Audi auch sind – als festes Ziel steigt das Risiko für Leib und Leben. "Daher geht es darum, immer in Bewegung zu bleiben", sagt Fahrinstruktor Michael Steinmichel, "es geht um die ersten drei oder vier Minuten, um das Auto möglichst schnell aus der Gefahrenzone zu bringen." Werden die Reifen zerschossen, kann daher nahezu problemlos weitergefahren werden – durch einen speziellen Gummiring auf der Felge bleiben die tonnenschweren Kolosse fahrbar. Wer sich bei Mercedes eine Panzerlimousine zulegt, durchläuft ebenso wie bei allen anderen Herstellern einen speziellen Sicherheitscheck. Das Fahrertraining ist im Preis inbegriffen. "Man muss den Fahrern bei diesen Trainings einfach bewusst machen, dass die Fahrzeugmasse immer ein Thema ist – gerade in Risiko-Situationen", schaut Instruktor Michael Weykopf auf seine Schäfchen, die er in aller Welt auf den Panzerfahrzeugen schult.

Das Auto muss gegen alle Arten von Angriffen gerüstet sein

Das zusätzliche Gewicht verändert das Fahrverhalten – deshalb gibt es spezielle Sicherheitstrainings.

Immer größer ist in den vergangenen Jahren die Gefahr durch Bombenangriffe geworden – gerade in Krisenregionen. "Von der Entwicklung eines solchen Autos ist das nicht einfach. Für den Beschuss mit einem Gewehr braucht man harte Materialien für die Panzerung", erläutert Markus Nast, "für die Bomben braucht man jedoch hochflexible Materialien. Das muss man in ein Gesamtpaket bringen." Selbst für Gasangriffe sind Schwerpanzer wie Mercedes S-Klasse, BMW 7er oder Audi A8 vorbereitet. Unter dem Kofferraumboden befindet sich eine eigene Luftversorgung, die die Insassen autark von der Außenwelt sein lässt.

Immer mehr Fahrzeuge werden mit allen nur erdenklichen Luxusdetails hoch individualisiert. "Das gilt aber nicht für die Lackierung", lacht Panzerexperte Markus Nast, "99 Prozent aller S-Klasse sind schwarz. Hier will niemand auffallen."

Autor: Stefan Grundhoff

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