Starke Kompakte im Vergleich: Trotz Frontantriebs und weniger Leistung fährt der Leon Cupra auf der Rennstrecke so fix wie BMW M135i und VW Golf R.
Stefan Voswinkel
Als der graue Seat LeonCupra über die Ziellinie des Contidroms schießt, bleibt der Blick des Testers ungläubig auf der Stoppuhr hängen. 1:37.89 sind eine sensationelle Zeit auf dem 3600 Meter langen Rundkurs. Und ganz nebenbei fährt der Leon, obwohl ihm 20 PS auf den Golf R und 40 PS auf den BMW M135i fehlen, auf dem gleichen hohen Niveau wie die Konkurrenten. Das alles trotz Vorderradantrieb – Seat hat die Physik ausgetrickst. Denn viele Jahre galt es als goldene Regel, dass vorn angetriebene Räder mit einer Leistung von mehr als 200 PS überfordert sind. Geschichte.
Traktionsprobleme kennt der Seat Leon Cupra fast gar nicht
Video: VW Golf R vs. Seat Leon Cupra 280 vs. BMW M135i
Power-Kompakte im Test
Die Seat-Techniker investierten viel Hirnschmalz in den Antrieb des Leon Cupra. Den Zweiliter-Turbo teilt er sich mit dem Golf R, aus Rücksicht auf die Konzernmutter allerdings auf 280 PS gedrosselt. Anders als den Golf R gibt es den stärksten Leon jedoch nicht mit Allradantrieb. Und so haben die Spanier die aus dem Golf GTI bekannte elektromechanische Differenzialsperre XDS angepasst, um die Leistung sauber auf die Straße zu bringen. Und das haben sie nicht nur auf dem Papier gut hinbekommen. Selbst aus den engen Kurven des Contidroms beschleunigt der Leon ohne nennenswerte Traktionsprobleme. Nur das Flackern der ESP-Leuchte zeigt, dass das System – für den Fahrer nahezu unbemerkt – die Leistung drosselt. In schnellen Kurven liegt der Cupra fast schon unverschämt neutral und satt. Es braucht keinen Könner am Lenkrad, um mit dem Seat schnell unterwegs zu sein.
Beim BMW passt das Fahrwerk nicht ganz zur Rennstrecke
Einzigartig in der Kompaktklasse: Beim BMW M 135i schickt ein Reihensechser die Kraft nach hinten.
Bild: Sven Krieger
Nicht nur die gelungene Fahrwerkabstimmung des Cupra ist verantwortlich für die gute Rundenzeit. Denn Seat hat den Leon konsequent auf Diät gesetzt. Er ist gut 100 Kilogramm leichter als der Golf R, der BMW wiegt rund 140 Kilo mehr. Kein Wunder also, dass vor wenigen Wochen ein Leon Cupra die Nordschleife des Nürburgrings in 7:58.4 Minuten umrundete – und damit die bisherige Bestzeit für Straßenfahrzeuge mit Vorderradantrieb um satte zehn Sekunden unterbot. Die Acht-Minuten-Schallmauer galt auf der 21 Kilometer langen Strecke lange als Grenze, die nur echte Sportwagen knacken können. Trotz aller Euphorie sollte man BMW und VW aber nicht ganz abschreiben. Vor allem der M 135i reizt mit seinem besonderen technischen Konzept: Einen Reihensechszylinder und Hinterradantrieb bietet in dieser Klasse sonst niemand. Schon der Druck auf den Startknopf zeigt, wie andersartig der Bayer ist. Wo VW und Seat akustisch wenig beeindruckend in ihren runden Leerlauf fallen, knurrt der BMW angriffslustig und klanggewaltig – da haben auch die Nachbarn ihren Spaß.
Im Alltag überzeugt der 1er mit geschliffenen Manieren. Der Motor arbeitet sich seidig durch das Drehzahlband, die Achtstufenautomatik wechselt perfekt und ohne jedes Rucken die Gänge, das adaptive Fahrwerk federt mit erstaunlichem Komfort. Aber der BMW kann auch anders. Auf der Rennstrecke verändert der M 135i im Sportmodus seinen Charakter. Der Motor dreht blitzschnell in den Begrenzer, faucht und brüllt in den engen Innenraum. Die Automatik knallt die Gänge blitzschnell rein. Nur die Fahrwerkabstimmung will nicht so recht zu dem Rundkurs passen. Der BMW wankt stärker als der Seat, das Heck will im Grenzbereich von kundiger Hand eingefangen werden. Für Könner ein Spaß – am Ende bleibt die Stoppuhr bei 1:37.70 stehen.
Der Vierzylinder des Golf hämmert wie ein alter DTM-Motor
Ungewohnt für einen VW macht der Golf R richtig Spaß – und bietet trotzdem hohen Alltagsnutzen.
Bild: Sven Krieger
Der Golf R nimmt sich für die gleiche Strecke knapp drei Zehntel mehr Zeit, macht aber – ganz ungewohnt für VW – genauso viel Gaudi. Der aufgeladene Vierzylinder hämmert im Sportmodus wie ein alter DTM-Motor, die präzise Lenkung gibt exakt die Rückmeldung, die es für eine saubere Linie auf der Rundstrecke braucht. Dank dem serienmäßigen Allradantrieb gibt es zu keiner Zeit Traktionsprobleme, einzig im Grenzbereich kann sich der Golf nicht so recht zwischen zartem Untersteuern und leichtem Übersteuern entscheiden. Klagen auf höchstem Niveau, aber diese Problemchen kosten Zeit: Der Golf schafft die Runde in 1:37.96 und ist damit der Langsamste im Vergleich. Sorry, der am wenigsten Schnelle. Was alle Konkurrenten eint, ist ihre hohe Alltagstauglichkeit. Das Platzangebot reicht locker für jeden Tag, vor allem der Golf punktet hier. Die Fahrwerkabstimmung ist dank adaptiver Dämpfer komfortabel genug für den Weg zum Supermarkt, was vor allem beim Seat überrascht. In der Vergangenheit hatten die Spanier sich die Dynamik ihrer Cupra-Modelle durch übertriebene Härte erkauft.
Unterm Strich fahren die Konkurrenten auf einem ähnlich hohen Niveau. Es ist fast Geschmacksache, für welchen der drei man sich entscheidet. Wäre da nicht das Kostenkapitel. Mit einem Grundpreis von 32 730 Euro kostet der Leon Cupra rund achttausend Euro weniger als der BMW M 135i, der Golf R ist knapp 6500 Euro teurer als sein spanischer Bruder. Angesichts der Qualitäten des Leon ist das nicht gerechtfertigt. Seat trickst so nicht nur die Physik aus – sondern auch BMW und VW.
Fazit
von
Stefan Voswinkel
Wie hoch das Niveau bei den starken Kompakten ist, zeigt der geringe Punktabstand von Seat, VW und BMW. Am Ende hat der Spanier die Nase vorn. Nicht nur wegen seines günstigen Preises, sondern weil er trotz Vorderradantriebs extrem sportlich ist.