Skoda 110 R 1978: Test
Grenzenlose Fahrfreude kommt im Skoda 110 R nicht auf

Bild: Martin Meiners
Der Skoda 110 R wirkt im Vergleich zu seiner gemächlichen Konkurrenz wie dem Opel Kadett wie ein zum Angriff bemalter Krieger eines Naturvolkes. Unser Fotoauto, ein 1978er S 110 R, wird bei Rallyeveranstaltungen eingesetzt.

Der Skoda 110 R sieht von allen Coupés dieser Zeit am meisten nach Rallye und Racing aus – außen wie innen.
Bild: Martin Meiners
Einige Details wie die Abgasanlage und Stoßdämpfer entsprechen nicht dem Serienstand. Das sieht und hört man. Gefühlt sind wir hier in der 911-Liga unterwegs, was Auftritt und Klang angeht. Rotzig-sprotzig startet der 110 R in Richtung Slalomparcours. Grenzenlose Fahrfreude kommt aber nicht auf: Das Lenkrad steht zu flach und zu weit rechts. Bei flottem Fahren zwischen den Pylonen stört die teigige und indirekt ansprechende Lenkung, die zur sportlichen Aura ganz und gar nicht passen mag.

Rein optisch erinnert das Cockpit optisch an den Führerstand einer tschechoslowakischen Straßenbahn.
Bild: Martin Meiners
Aber: Der Skoda lässt sich auch mit dem Gaspedal lenken. Das Heck kommt zwar nicht so blitzartig wie jenes des VW Scirocco 1 GTI, ist aber dennoch als tanzfreudig zu bezeichnen. Was richtig Freude macht: den drehzahlgierigen, satt-sonor röhrenden Vierzylinder bei Laune zu halten. Der Skoda will drehen. Man fühlt sich stets schneller, als man wirklich ist. Allerdings trübt auch die hakelige Schaltung den Fahrspaß: Das hat Heckmotor-Konkurrent VW präziser hinbekommen.
Plus/Minus
Alter Wein in neuen Schläuchen: Die neuen Karosserien von Skoda 100 und 110 konnten ab 1969 nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Technik von den MB-Vorgängertypen stammte. Die Hochzeit der Heckantrieb-Konzepte lief Anfang der 70er-Jahre unaufhaltsam ab. Doch die technische Antiquiertheit der Skoda-Typen machte auch ganz erheblich ihren Reiz aus. Die Fahrwerksabstimmung mit Querlenkern und Schraubenfedern sowie Schwingachsen hinten schrie geradezu danach, die Autos mit dem Gasfuß zu lenken – Fahrspaß für Könner ist garantiert. Die vergnüglichen Fahreigenschaften, das sich daraus ergebende Motorsport-Talent und die reizende Optik brachten dem rund 57.000-mal gebauten 110 R den Ruf als "Ost-Porsche" ein.

Serienmäßig kamen bis 1976 zwei Jokov-Vergaser zum Einsatz, danach zwei Weber-Doppelvergaser – damit brüllt der 110 R gut los.
Bild: Martin Meiners
In der DDR wurden die Skoda-Modelle 100 und 110 volkseigen als "BMSR" bezeichnet, was für "Böhmisch-Mährischer Schnell-Roster" steht. Wie bei vielen anderen Klassikern ist der Karosseriezustand heute kaufentscheidend. Erster Check gilt den oberen Enden der C-Säulen: Hier treffen drei Bleche aufeinander, die Konstruktion ist komplex. Sind hier Blasen oder Spachtel auszumachen, Finger weg!
Nächster Prüfpunkt ist die Dachunterkante an den Türöffnungen links und rechts, unmittelbar vor den Türdichtgummis. Lassen sich hier Beulen unter der Kunstlederbespannung ertasten, sind die werksseitigen Schweißpunkte der Dachhaut bereits stark angerostet. Hier gilt ebenso: stehen lassen.
Weiter geht es im Kofferraum: Der Übergang zwischen Frontmaske und Bodenblech gammelt, wenn Feuchtigkeit im Kofferraum stand. Ebenfalls checken: den Bereich um das Tankrohr, um den Hauptbremszylinder, die Lampentöpfe und die seitlichen Stehbleche. Bei der C-Säule gammelt es an den Blechen hinter den beiden Lüftungsgittern. Technik und Unterboden des kleinen Tschechen gelten als solide und unproblematisch.
Marktlage
Der "Ost-Porsche" punktet auch im Westen. In den 110-R-Fertigungsjahren 1970 bis 1980 gingen bis zu 90 Prozent der tschechoslowakischen Coupé-Produktion in westliche Exportmärkte. Beliebt war er sowohl als günstiges Einsteiger-Coupé als auch als Basisfahrzeug für privaten Motorsport. Daran hat sich bis heute nichts geändert; die Preise steigen. Top erhaltene 110 R haben bereits 2020 die 10.000-Euro-Marke überschritten. Für ein uneingeschränkt fahrbereites Exemplar sollten mindestens 8000 Euro einkalkuliert werden.

Der "Ost-Porsche" machte auch im Westen Furore: Während nur 450 Coupés in die DDR gelangten, wurden 1975 ganze 675 S 110 R in der BRD verkauft.
Bild: Martin Meiners
Ersatzteile
Wer zu spät kommt, den bestraft die Ersatzteil-Versorgungslage. Blech-, Interieur- und Zierteile für das Coupé sind inzwischen extrem rar. Ohne Kontakte zu gut vernetzten Skoda-Clubs wird die Restauration eines maroden 110 R schwierig. Preisbeispiele von skopart24.com: Kofferraumboden 250 Euro, Heckblech 118 Euro, Kotflügel vorn links oder rechts je 108 Euro. Preisbeispiele von skodateile-berlin.de: Auspuffanlage 112 Euro, Zylinderkopfdichtung 44 Euro, Achsschenkel komplett links oder rechts je 203 Euro, Lenkgetriebe 287 Euro.
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