Tracktest Trabant 601 TLRC

Tracktest Trabant 601 TLRC

— 01.12.2008

Im 2-Takt-Verfahren

80 PS und 600 Kubikzentimeter Hubraum klingen nicht gerade berauschend. Genau das Gegenteil erlebte AUTO BILD MOTORSPORT-Autor Guido Naumann im Meister-Trabant des TLRC-Cup.

So trifft man sich wieder. Im Trabant lernte ich das Autofahren. In der "Pappe" fuhr ich mit meiner ersten Liebe ins Kino. Im Trabbi erfuhr ich meine ersten Motorsporterfahrungen als Rallye-Beifahrer. Und heute, fast 20 Jahre später, sitze ich wieder in einem Trabbi. Und kitzle das Letzte aus dem kleinen Zweitakter heraus. Aber nicht aus irgendeinem, sondern aus dem Meisterauto des Trabant-Lada-Racing-Cup (TLRC) von Wolfgang Ziegler. Die heiß gefahrenen, profillosen Rennreifen kleben am griffigen Untergrund. Die Michelin-Gummis scheinen sich regelrecht in den Asphalt zu krallen. Schrill dröhnt der Motor. Seltsam, klingt irgendwie nach Rasenmäher. An der Grenze der Belastbarkeit pflügt der Renngimpel über die ultraschnelle Parabolika des Hockenheimrings.

Mit der "Rennpappe" am Limit - da ist der Monsterflügel am Heck eine Notwendigkeit.

Doch dann, urplötzlich, wird die Heckpartie meines Mini-Flitzers merkwürdig leicht. Kein angenehmes Gefühl bei Tempo 170. Das Hinterteil schlingert, will gar zum Überholen ansetzen. Nur einen Hauch mehr an Geschwindigkeit, so scheint es, und die rasende "Rennpappe" wäre zum Sprung ins Jenseits bereit. Ja, ja, ich weiß. Trabant 601? Der Volkswagen der ehemaligen DDR? Damit am Limit fahren? Klingt komisch. Ist aber so. Für die Starter im Trabant-Lada-Racing-Cup ist dieser Ritt im Grenzbereich Alltag. Für mich eine nervenaufreibende Angelegenheit. Auch wegen der nostalgischen Gefühle, die mich beschleichen. "Ich betreibe schon lange Motorsport", sagt Wolfgang Ziegler, der Herr dieses wilden Zweitakters. "Aber immer wieder stelle ich fest, dass unsere Trabbis einfach unterschätzt werden." Er muss es wissen. Der Schwabe ist amtierender TLRC-Meister. Und die Jagd nach diesem Titel ist keine leichte Aufgabe. "Die Leistungsdichte im Cup ist enorm groß. Nach dem Zeittraining liegen hier nicht selten zehn Autos innerhalb von nur einer Sekunde."

Am Ende sind alle Autos trotz der ganzen Schrauberei auf einem Niveau

Schon in der DDR hatte der Rennsport mit Tourenwagen Tradition.

Indiz für eine große Chancengleichheit. Das Regelwerk bietet zwar viele Freiheiten in Sachen Technik. Doch die ist ziemlich ausgereizt. Und so liegen alle Autos am Ende trotz der ganzen Schrauberei wieder ungefähr auf einem Niveau. Das bedeutet statt 26 PS im Serien-Trabant nun satte 80 Pferdestärken. Und das aus 0,6 Litern Hubraum! In Worten: 597 Kubikzentimeter. Die Mehrleistung wird mit klassischem Tuning erreicht. Mit neuen, durchlässigeren Motorrad-Vergasern zum Beispiel. Dazu polierte Kanäle und eine Sportauspuffanlage. Leistungssteigerung ist in fast allen Bereichen Pflicht. Nur das Vergrößern des Hubraums, das ist tabu. Doch damit nicht genug. Weiter geht die deftige Rennsport-Kur. Dank Eigenbau-Rennsport-Fahrwerk mit Blattfedern vorn und Schraubenfedern hinten hechelt der Renn-601er tief gebückt über die Piste. Das äußere Pappkleid ähnelt der Straßenversion nur noch ansatzweise. Vorne thront eine mit vielen Lufteinlässen bestückte Schürze. Das Hinterteil wird von einem monströsen Heckflügel geprägt.

"Der soll auf schnellen Strecken das Heck beruhigen", grinst Wolfgang Ziegler. Na ja, meine Erfahrung lehrte mich anderes. Auch im Innenraum des Trabbis wurde gründlich aufgeräumt. Um auf das Idealgewicht von 585 Kilogramm zu kommen, flogen Sitze und Verkleidungsteile raus. Selbst der Tachometer fiel dem Schlankheitswahn zum Opfer. Nach der Magerkur blieben nur noch ein analoger Drehzahlmesser, die digitale Anzeigen für Abgastemperatur, der spartanische Rennschalensitz und ein Sicherheitskäfig übrig. So mutierte die einstige brave sozialistische Vorzeigelimousine zu einem aggressiven Rennboliden. Wild lärmend dreht der Zweitakter bis auf fast 7000 Touren hoch. Lautes Klagegeheul mahnt den Schritt in die nächste Stufe des Viergang-Getriebes an. Das ist Musik in Zieglers Ohren.

Guido Naumann findet: "Trabbi fahren ist wie eine Droge"

Der Innenraum ist auch im Race-Trabbi spartanisch, vermittelt aber deutlich Motorsport-Feeling.

"Wenn man mal mit diesem Schwachsinn angefangen hat, kann man damit nicht mehr aufhören. Trabbi-Fahren ist wie eine Droge." Finde ich auch. Also die Zündkerzen prüfen. Neues Benzin-Öl-Gemisch tanken. Der Sechs-Punkt-Sicherheitsgurt schnürt mich fest in den Sitz. Per Startknopf erwecke ich das kleine Motörchen zum Leben. Und los geht's – raus auf die Rennstrecke. Unter brüllendem Rennsound fahre ich die vier Gänge bis zur Drehzahlgrenze voll aus. Geschaltet wird nicht im heute üblichen H-Schema mit Hebel auf der Mittelkonsole, sondern mittels Lenkradschaltung. Gewöhnungsbedürftig auch die Bremsen. Die Umrüstung von Trommeln auf Scheiben verbessert zwar die Verzögerung, der Biss moderner Tourenwagen aber fehlt. Noch einmal jage ich über Start/Ziel. 2.30 Minuten ist meine Bestzeit. Ziegler ist einige Sekunden schneller. Ein DTM-Renner schafft den Hockenheimring in 1.36 Minuten. Aber beim Spaßfaktor kann der Trabbi locker mithalten.

Fazit: Schön war's, nach fast 20 Jahren wieder mal in einem Trabbi zu sitzen. Und unglaublich. Früher mit 26 PS ins Kino und heute mit knatternden 80 PS um den Hockenheimring. Ein geiles Gefühl. Und bei den geringen Kosten kann man diese Rennserie Youngstern wie Rennveteranen wärmstens empfehlen.
TECHNISCHE DATEN
MESSWERTE TRABANT 601 TLRC
Beschleunigung 0–100 km/h ca. 19 Sekunden
0–160 km/h ca. 43 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 170 km/h
Bremsweg aus 100 km/h ca. 25 Meter
Kraftstoffverbrauch ca. 35 l/100 km
FAHRZEUGDATEN TRABANT 601 TLRC
Motor: Bauart/Einbaulage Zweizylinder/vorn quer
Hubraum 597 cm3
Ventile/Nockenwellen
Nockenwellenantrieb
Max. Leistung bei Drehzahl 80 PS bei 6900 U/min
Max. Drehmoment bei Drehzahl 62 Nm bei 3500 U/min
Literleistung 133 PS/Liter
Getriebe 4-Gang manuell
Antrieb Vorderrad
Länge/Breite/Höhe/Radstand 3560/1510/1370/2020 mm
Reifentyp Michelin-Slick
Reifengröße (v/h) 185 R 13
Leergewicht 585 kg
Leistungsgewicht 7,31 kg/PS
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 25 l/100 Oktan
Preis ca. 10.000 Euro

Autor: Guido Naumann

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