Der Luxus ist eine kleine Taste auf dem Zündschlüssel. Einmal drücken, und – ssst – die Heckklappe schwebt wie von Zauberhand Richtung Himmel. Ganz schön abgehobener Spielkram, mit dem die modernsten deutschen Nobelkombis da vorfahren. Der neue Audi A4 Avant und das T-Modell der Mercedes C-Klasse gehören zu der Sorte Auto, auf die Familienväter sich freuen können wie kleine Kinder und die gestandenen Chefs noch leuchtende Augen bereitet. Sie sind: Vatis Flügeltürer.

Der schicke Transporter hat der Limousine den Rang abgelaufen

Mercedes C 200 T-Modell
Länge läuft beim Edel-Transporter aus Stuttgart: Das C-Klasse T-Modell streckt sich auf über 4,70 Meter.
Reden wir also nicht länger von Mittelklasse. Der sparsamen Kinderwagen-Klientel sind die beiden nicht nur mit Preisen ab 38.229 Euro entwachsen, sondern auch vom Format her. Auf über 4,70 Meter Länge ducken sich die Dächer zu sportlich flachen Linien und enden in so coupéhaft schicken Hecks, dass die Kombis längst beliebter sind als die Limousinen. Speziell der Audi läuft als Avant optisch wieder mal zur Höchstform auf. Diesmal vergleichen wir Avant und T-Modell nicht als Diesel, sondern als kultivierte Zweiliter-Benziner – genau die richtigen Motoren, um die Klasse dieser Luxusdampfer zu beurteilen. Die sind außen fast gleich groß, empfangen die Passagiere aber in einer Welt voll kleiner, markentypischer Eigenheiten. So mischt Mercedes braunes Holzdekor, fein geriffelte Tasten und ein frei stehendes Display mit klassischen Rundanzeigen und einem Zündschlüssel, der noch ins Lenkradschloss muss. Sympathisch, diese Stilrichtung: German Classic.
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Vor allem im Innenraum erfüllt der Audi höchste Ansprüche

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Video: Neuer Audi A4 Avant (2015)

Frischer Audi-Kombi

Audi dagegen perfektioniert seine "Cool Technics". Passgenaue Sportsitze, noch edler verarbeitet, haarfeine Grafiken hinterm Lenkrad im exklusiven Virtual Cockpit (500 Euro extra), das fasziniert, mit doppelter Bedienung aber auch verwirren kann. Solche Stil-Finessen zählen deshalb so viel, weil die Edelkombis sich im Alltagsnutzen sehr ähneln: edel im Detail, mittelmäßig im Platzangebot. Als Familienauto kann jeder VW Passat mehr. In beiden Fonds wird es eng für die Füße, beim Schulterblick nach rechts hinten ist Raten gefragt. Oder ein Parkpieper. Da sind sie wieder, die Coupé-Gene. Soll AUTO BILD solche Kombi-Ballerinas auf ihre Alltagsqualitäten untersuchen? Aber sicher, also drücken wir auf die Luxus-Taste. Ssst, in beiden Laderäumen liegt edlerer Teppich als in vielen deutschen Wohnzimmern. Der Mercedes ist im Detail etwas praktischer, hat keine störende Stufe an der Ladekante wie der Audi und legt die Rücksitzlehnen beim Umklappen fast zur Ebene flach. Gelernte Kombi-Kompetenz, aber deshalb wird niemand die C-Klasse bevorzugen.
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Beim Fahren werden die Differenzen deutlicher. Auch deshalb, weil Mercedes zum Test einen ungewöhnlich konfigurierten C 200 bereitstellte: mit Handschaltung und Luftfederung! Die Airmatic lässt den Kombi tatsächlich so schwingen und schweben, als hätte der Stern über der Straße eine Luftpolsterfolie eingezogen. Viele kleine Stöße und Rillen sind wie weggeblasen. Doch dafür 1416 Euro bezahlen? Wohl kaum, zumal die C-Klasse eher den handfesteren Part spielt.

Auch mit einem Vierzylinder-Benziner geht es zügig vorwärts

Mercedes C 200 T-Modell
Der C 200 ist in acht Sekunden auf Tempo 100, erreicht 235 km/h und schafft in Sparfahrt 5,6 l/100 km.
Die sechs Gänge rasten leicht knurpselig, immerhin auf kurzen Wegen. Die Lenkung kriegt in "Sport"-Stellung beim Einlenken ihre zackigen Momente, und der Turbo klingt beim Gasgeben knurrig nach Vierzylinder. Nicht störend, denn bis zur Spitze von 235 km/h geht es flott voran. Für 184 PS überraschen 6,9 Liter Testverbrauch, vor allem die 5,6 Liter/100 km bei Schleichfahrt – da lohnt sich der 2261 Euro teurere Diesel nur noch für Kilometerschrubber. Der sauberere Motor ist der Benziner ja sowieso. Und im Audi der nochmals leisere. Im Stand fragt man sich manchmal: Läuft der TFSI oder hat das Start-Stopp-System ihn gerade abgeschaltet? Dieser turbinenhafte Zweiliter summt perfekt gedämmt irgendwo weit weg. Den Rest unterdrückt das Akustikglas (150 Euro Aufpreis) so erfolgreich, dass man bei 180 km/h in Zimmerlautstärke telefonieren kann. Gut, auf solchen Ritten stehen bei Tempo 200 satte 16 Liter auf dem Bordcomputer – trotz der langen Übersetzung der serienmäßigen S-tronic (eine Handschaltung hat Audi nicht im Angebot). Das Doppelkupplungsgetriebe kommt nur im Stop & Go manchmal noch ins Stolpern, unterm Strich überwiegt der schönere Fahrkomfort gegenüber dem Handschalter: kein Rühren, für sportliche Momente stehen Paddles hinterm Lenkrad bereit – so kommt endlich wieder Leben in den Audi.

Die Aufpreislisten sind bei beiden lang und verführerisch

Audi A4 Avant TFSI    Mercedes C200 T-Modell
Teuer: Selbst wenn man nur wenig Extras ankreuzt, kosten Audi und Mercedes schnell ein Vermögen.
Denn der A4 kann dahingleiten, als habe Audi ihn zu Tode perfektioniert. Wie jetzt? Erst wollen wir Fortschritt und jetzt wieder Reibeisen? Keineswegs, aber der Avant übertreibt sein Oberklasse-Gehabe manchmal, auch mit der Marshmallow-Lenkung. Die haben wir am "Drive select"-Schalter gerne auf Sport gestellt, das empfehlenswerte adaptive Fahrwerk lieber auf "Comfort". Womit man sich früher abgefunden hat, wird heute einfach weggedrückt. Auch bei der umfangreichen Serienausstattung liegt die Kunst wieder mal darin, das Wichtige vom Überflüssigen zu trennen. Audis Sportsitze für 330 Euro? Ja. Aber nicht die Telefonschale, die kabellos den Handy-Akku auflädt, oder den Fahrassistenten für Linksabbieger. Bei Mercedes ist der 66-Liter-Tank die 60 Euro wert. Geduldige warten, bis die Automatik (2499 Euro) endlich mit neun Stufen kommt. Die 476 Euro für das kleine "ssst" einer elektrischen Heckklappe spart sich der kluge Käufer – per Hand geht's schneller. Und niemals kaputt. Der Avant-Kunde kann gar nicht abwählen. Im A4 ist der Spielkram Serie.

Fazit

von

Joachim Staat
Diese Bestseller haben das Spiel ums Laden und Locken perfektioniert – so viel Technik packen Audi und Mercedes in ihre Geldbringer. Beim Kauf entscheiden nicht Punkte, sondern der persönliche Geschmack – und die individuelle Leasingrate.