Vor gut zehn Jahren macht Audi den RS 6 zum stärksten Kombi der Welt, 2008 wiederholt er das Kunststück – und rudert nun zurück. Leichtbau kompensiert den PS-Verlust, heute holt ihn die Vergangenheit dennoch ein.
Stefan Helmreich
Es ist ein wolkenverhangener Montagmorgen, als der Testchef zum Praktikantenschreibtisch schlurft und einen jungen Menschen mit ein paar wenigen Worten zu einem überglücklichen macht. Ob man heute etwas Luft habe tagsüber, hat er gefragt, Zeit, ein Auto zu überführen, einen Audi, einen Audi RS 6? Die Antwort kommt fast zu scheinheilig, um glaubhaft zu sein: Es sei zwar reichlich zu tun, aber natürlich helfe man, wo man nur könne. Was folgt, fühlt sich emotional ein bisschen nach Supernova an, führt über alle nur erdenklichen Umwege nach Ingolstadt und pulverisiert die eigene Auffassung von Mobilität, deren äußerste Grenze bis dato ein A3 1.9 TDI – immerhin der mit rotem I – gewesen ist.
Audi RS 6 Avant (C5/von 2002): In der Lenkung wirkt der Urtyp etwas zu lasch.
Bild: Ronald Sassen
Heute himmelt der Montagmorgen wolkenlos herab, der einstige Praktikant hat von Berufs wegen mittlerweile eine – so verdorben das auch klingen mag – gewisse Routine im Umgang mit entsprechendem Gerät, und der RS 6, der sich damals ein bisschen wie die spontane Idee einiger durchgeknallter Quattro-GmbHler darstellt, schreibt gerade an Kapitel drei. Auch darin geht es wieder um den Kampf einer Maschine gegen die Physik, und logischerweise endet es wieder mit einem neuen Höhepunkt. Überraschend ist nur, dass es als erstes dieses Genres überhaupt mit der goldenen Regel bricht, wonach Leistung immer wächst.
Audi RS 6 Avant (C6/2008-2010): Der V10 im Kopf macht ihn etwas benommen.
Bild: Ronald Sassen
Blättern wir nur mal durch die relevanten Datenblätter: Bei Mercedes genügen vor 16 Jahren noch 347 PS, um eine E-Klasse zum AMG zu machen, mittlerweile sind 557 erst der Anfang. Oder nehmen Sie die Hochzüchter der M-GmbH, die die 286 PS des allerersten BMW M5 mit den Competition-Paketen für den aktuellen nun verdoppeln werden. Audi selbst steigt mit 450 PS erst 2002 ins Wettrüsten ein, facht es durch die aberwitzigen 580 des zweiten RS 6 selbst ordentlich mit an – und zieht jetzt den Schlussstrich. Der Grund dafür jedoch ist ein einfacher und hat weniger mit Einsicht zu tun als vielmehr mit der Tatsache, dass der neue Vierliter-V8 mit den 560 PS bereits ziemlich ausgelastet sei.
Audi RS 6 Avant (C7): Kommt ausschließlich als Avant und erstmals auch luftgefedert.
Bild: Ronald Sassen
Den Performance-Fortschritt, den ein Nachfolger trotz allen Downsizings nun mal braucht, um sich nicht selbst infrage zu stellen, muss man also woanders auftun. Im Drehmoment etwa, das sich nun 50 Newtonmeter wuchtiger ins Drehzahlband wölbt als im rund 1000 Kubik größeren V10 zuvor. Oder über die Gewichtseinsparung von rund 90 Kilo, die das 20-PS-Defizit zumindest nominell relativiert. Alle Sorgen, dass es dennoch nicht ganz reichen könnte, nimmt einem der neue RS 6 aber am liebsten, indem er die Daten sprechen lässt. Ein Stückchen Landstraße, niemand da. Auto mit dem linken Fuß festbremsen, den Motor mit dem rechten dagegendrücken und … Man kommt wieder zu sich, sobald der Kopf als träge Masse gegen die Lehne klatscht.
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Fazit
von Stefan Helmreich
Jahrelang waren RS-Modelle auf Leistungsrekorde abonniert. Der neue RS 6 will nun erstmals lieber der Schnellste als der Stärkste sein. Wie jeder seiner Vorgänger ist er eine der imposanteren Möglichkeiten, eine Gerade zu verbringen; als erster überhaupt jedoch kurvt er nicht nur, weil er muss, sondern weil er kann.