Eine Ikone, sagt das Lexikon, ist ein Heiligenbild der orthodoxen Kirche. Ein anbetungswürdiger Gegenstand also. Passt! Denn um genau so etwas handelt es sich beim 911er ja nach allgemeiner Meinung. Und beim sogenannten G-Modell der Baujahre 1973 bis 1989 im Speziellen. Ein Cabrio Baujahr 1989 haben wir hier dabei, und zwar, um Mercedes SLC und Audi TT mal auf den Zahn zu fühlen. Haben die beiden Jungspunde auch das Zeug dazu, mal so berühmt zu werden?

Mit dem TT-Arbeitsplatz zeigt Audi die Zukunft

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Video: Vergleich Mercedes SLC vs Audi TT (2016)

Top-Roadster-Duell

Mercedes ist bei den Aufräumarbeiten der Modellpalette – GLC statt GLK, GLS statt GL, GLE statt M – beim SLK angekommen, der ab jetzt den Namen SLC trägt. Das "C" steht natürlich für den Technikspender C-Klasse. Neben der neuen Bezeichnung gab es das übliche Facelift mit Retuschen an Front, Heck und Cockpit. Das kann sich wirklich sehen lassen und wirkt mit seinen geraden Linien, den runden Lüftungsdüsen, der mächtigen Mittelkonsole und den schönen, klassischen Instrumenten auf angenehme Weise traditionell. Die Sitze sind griffig und schön tief, nah an der Straße und sehr angenehm. Im Audi liegt die Sitzposition etwas höher, viel Seitenhalt geben seine Sitze aber auch. Im direkten Vergleich mit dem SLC wirkt der TT mit seinem ultracoolen, reduzierten Design und dem Virtual Cockpit wie ein Auto aus einem anderen Zeitalter. Auf diesem 12,3 Zoll großen Display lassen sich Instrumente, Navi und vieles mehr in unterschiedlichen Varianten und gestochen scharf anzeigen.
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Der Mercedes setzt auf einen Wetterschutz aus Blech

Mercedes SLC 300
Außenwelt ausgesperrt: Unter dem Blechdach des SLC bleibt es auch bei voller Fahrt angenehm leise.
Von so etwas konnte man im alten 911er natürlich nur träumen, sein Cockpit wirkt gerade im Vergleich schlicht und karg, bezieht aber genau daraus seinen Charme: Mehr braucht man einfach nicht. Fahrer und Beifahrer sitzen eng beieinander im 911, die beiden Neuen bieten deutlich mehr Platz, mit leichten Vorteilen für den Audi. Dessen Verdeck öffnet auf Knopfdruck friedlich summend in zehn Sekunden, der Benz braucht für sein Dach aus Metall und Glas knapp doppelt so lange. Und der Porsche schlägt sich mit knapp zwölf Sekunden – übrigens auch schon komplett elektrisch – sehr achtbar. Allerdings rasselt und quietscht es hier etwas lauter. Apropos: Obwohl die Textilkapuze im TT dick gedämmt vor der feindlichen Außenwelt schützt, bleibt es im Benz dank Metallmantel geschlossen praktisch über alle Geschwindigkeitsbereiche leiser.
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Offen nehmen sich die beiden nicht viel, ungefähr bis Tempo 100 fächelt der Fahrtwind noch ganz sanft ins Cockpit, etwa bis 130 zieht es angenehm, darüber wird es dann heftig. Für Warmduscher bietet Audi ein elektrisches Windschott für 450 Euro an, einen Nackenföhn für 460, Mercedes berechnet 488 Euro für den Föhn und 333 für das die Windschott – wir erwähnen das nur der Vollständigkeit halber, von diesem Kram raten wir natürlich grundsätzlich ab. Klar, dass der alte Elfer so etwas gar nicht kennt.

Die Neuen können dem Alten kaum davonfahren

Mercedes SLC 300 Audi TT Roadster Porsche 911 Cabrio G-Modell (1989)
Spurtstark: Der Mercedes geht in glatten sechs, der Audi in 6,3 Sekunden von 0 auf Tempo 100.
SLC 300 steht beim Benz dran, ein 2,0-Liter-Vierzylinder steckt drin. Der Turbo-Direkteinspritzer leistet 245 PS bei 5500 Touren und ist immer gekoppelt an die Neunstufenautomatik. Der raue Vierzylinder macht stämmigen Druck bei mittleren Touren und bei hohen richtig Getöse. Die Automatik schaltet schnell, verhaspelt sich gelegentlich aber mit den vielen Gängen. Insgesamt alles solide und ausgewogen, vom Charakter vielleicht eher eine Cabrio-Limousine als ein wilder Roadster. Diese Rolle wiederum spielt der Audi. Der TT wird angetrieben vom bekannten 2,0-Liter mit 230 PS bei 4500 Touren, gekoppelt an das Sechsgang-DSG. Der TFSI klingt feiner und dreht lockerer aus als der Benz-Vierzylinder, das DSG rupft zwar beim Losfahren etwas, reagiert aber hellwach und äußerst zügig. Viel besser als der SLC geht der Audi dennoch nicht – fühlt sich aber so an, immerhin wiegt er auch über 100 Kilo weniger. Beide würden übrigens dem Porsche nicht davonfahren können – einen halbwegs kundigen Fahrer darin vorausgesetzt. Der 911 brauchte damals 6,1 Sekunden für den Sprint von null auf hundert und rannte maximal 245 km/h. 1989 wohlgemerkt.
Anders als der SLC (im Paket 1416 Euro) besaß der Test-TT keine adaptiven Dämpfer, federt so mit den 19-Zöllern (1900 Euro) energischer und straffer als der SLC, fährt sich bemerkenswert zackig, agil und trainiert, weckt regelrecht den Spieltrieb in dir. Und er bremst deutlich besser als der Benz. Das ganze Vergnügen, wir haben es geahnt, gibt es natürlich nicht für lau. Im Testwagen-Trimm kommt Audi auf 47.370 Euro, Mercedes berechnet 52.199 Euro. Und etwa so viel wird es beim 911er von 1989 wohl auch werden. Ganz schön heftig. Aber Ikonen haben so ihre Preise. Und Liebhaber zahlen sie gern.

Fazit

Dieser Vergleich lässt sich leicht zusammenfassen. Erstens: Mit dem Mercedes würden wir gern in den Urlaub fahren. Zweitens: Im Urlaub selbst würden wir dann gern den Audi nehmen. Also: Der SLC empfiehlt sich für komfortbewusste Offenfahrer und tatsächlich für lange Strecken. Der TT spricht mehr das Sportlerherz an, fährt leichter, agiler, zackiger. Wunderbare Autos sind beide, weshalb es am Ende unentschieden steht. Nur gegen den 911er, auch gebraucht, haben beide keine Chance