Das neue Bentley Continental GT Cabrio macht alles besser als der Vorgänger. Doch so ganz perfekt ist selbst der rollende Luxustempel nicht. Fahrbericht.
Wolfgang Gomoll
"Wir denken, dass das Continental GT Cabrio eines der besten Autos ist, wenn nicht das beste", strahlt Bentley-Chef Adrian Hallmark. Der Stolz auf das neueste Baby aus Crewe ist dem Topmanager deutlich anzumerken. Und auch das unbritisch offen zur Schau getragene Selbstbewusstsein sei dem Marken-Boss verziehen. Trommeln gehört im Luxussegment nun einmal dazu, selbst die wohl kaum als übermütig geltenden Schwaben von Mercedes hauen seit Längerem mit dem Slogan "das Beste oder nichts" auf die Werbe-Pauke.
Der edle Engländer sieht schon im Stand schnell aus
Sportlich: Die Designer haben dem Continental GT Cabrio reichlich Dynamik ins Blech gezeichnet.
Zumal das Bentley Continental Cabrio dem S-Klasse Cabrio schnell den Schneid abkauft. Die Proportionen mit dem kürzeren Überhang vorne und dem längeren hinten, verleihen dem Grand Tourer schon im Stand reichlich Dynamik. Und damit sich die hochherrschaftlichen Fahrgäste auch in ihrem Luxuscabrio wohlfühlen, spart Bentley an nichts. Allein für das Furnier werden pro Auto zehn Quadratmeter feinstes Koa- oder Eukalyptus-Holz verwendet. Dazu kommen literweise Klavierlack, Chrom und feinstes Leder. Für die Diamantmusterung der Sitze setzen fleißige Hände 712 Stiche pro Raute und verwenden insgesamt 2,8 Kilometer Garn. Das Interieur soll eine Wohlfühloase sein. Deswegen verbittet sich Designchef Stefan Sielaff auch riesige Monitore und Touchscreens; das bleibe Tesla und Byton vorbehalten. Die Konsequenz seines "Digital Detox": eine mit Knöpfen und Schaltern überladene Mittelkonsole, bei der sich der Fahrer erst einmal zurechtfinden muss.
Ein großes Display erscheint auf Knopfdruck
Der Bentley-Pilot kann sich zwischen großem Display und drei Analog-Uhren entscheiden.
Ganz ohne virtuelle Darstellungen geht es aber auch beim Bentley Continental Cabrio nicht. Auf Wunsch erscheint in der Mittelkonsole ein 12,3 Zoll großer Bildschirm, den der Chauffeur nach Wunsch konfigurieren kann. Natürlich lässt auch beim offenen Continental James Bond grüßen: Per Knopfdruck dreht sich der Bildschirm nach hinten weg und drei analoge Instrumente – ein Kompass, eine Stoppuhr und ein Außentemperatur-Thermometer – erscheinen. Das Geräuschniveau bei geschlossenem Stoffdach, das es jetzt auch aus Tweed-Stoff gibt, ist ungemein niedrig. Selbst bei höheren Geschwindigkeiten kann man sich entspannt unterhalten. In 19 Sekunden verschwindet die Stoffmütze im Heck des Autos. Damit es den Insassen dann nicht kalt wird, lassen sich sogar die Armlehnen beheizen. Das ist auch nötig, denn die Sitzposition ist hoch. Und wer glaubt, dass man im Bentley gut behütet wie im Ohrensessel einer Zigarrenlounge durch die Landschaft gleiten kann, der täuscht sich. Jenseits von 1,90 Metern weht das Haar stramm im Wind. Im Fond sind die Platzverhältnisse nicht überragend. Wenn sich das Verdeck wieder über das 4,85 Meter lange Auto spannt, müssen großgewachsene Zeitgenossen das Haupt einziehen.
Technische Tricks kaschieren das hohe Fahrzeuggewicht
Dank Torque Vectoring und Wankausgleich lässt sich der Bentley überraschend gut ums Eck werfen.
Das Fahren im Bentley Continental ist ein Genuss. Scheinbar mühelos gleitet das 2414 Kilogramm schwere Luxusschiff durch die Landschaft. Angetrieben vom W12-Motor mit seinen 467 kW/435 PS, der durch eine famose Laufkultur und mit einem druckvollen Drehmoment von 900 Newtonmetern ab 1350/min begeistert. Dazu kommen die geschmeidigen Gangwechsel der Achtgangautomatik. Nach 4,1 Sekunden erreicht der feine Herr Landstraßentempo, ist bis zu 333 km/h schnell. Dass sich der neue Bentley Continental die Plattform mit dem Porsche Panamera teilt, merkt man, wenn man ihn querdynamisch fordert: Trotz seines hohen Gewichts, lässt sich das Edel-Cabrio mit Verve um die Kurven werfen. Für diese überraschende Leichtfüßigkeit sorgen der Allradantrieb, Torque Vectoring und die aus dem SUV Bentayga bekannte elektrische Wankstabilisierung, die blitzschnell auf jede Seitenneigung der Karosserie reagiert. Der Oben-ohne-Continental ist etwas straffer abgestimmt als das Coupé, und die Karosserie ist nicht ganz so steif, wie die des geschlossenen Bruders, was sich allerdings nur marginal in schnellen Kurven bemerkbar macht. Bleibt nur noch der Preis: Der liegt bei 228.480 Euro. Angemessen für einen solchen Gentleman-Tourer, der sich trotz Zylinderabschaltung 14 Liter Super auf 100 Kilometer gönnt.
Technische Daten Bentley Continental GT Cabrio • Motor: W-12 Zylinder • Hubraum: 5950 cm³ • Leistung: 635 PS (467 kW) bei 6000/min • Drehmoment: (Nm) bei Umin-1: 900 Nm bei 1350 bis 4500/min • Getriebe: Achtgang-Automatik • Antrieb: Allrad • Vmax: 333 km/h • 0-100 km/h: 4,1 s • Gewicht: 2414 kg • Zuladung: 451 kg • Länge/Breite/Höhe: 4850/1954/1399 mm • Kofferraum: 235 l • Tank: 90 l (Super) • Verbrauch (EU-Drittelmix): 14,0 l • CO2-Ausstoß: 317 g/km • Abgasnorm: Euro 6d-temp • Preis 228.480 Euro.