Stellen Sie sich einen Porsche 911 GT3 RS vor, aber mit Softclose, einem gut nutzbaren Kofferraum und absolut langstreckentauglich. So in etwa lässt sich der neue Bentley Supersports beschreiben.
Bentley Continental GT V8  PANORAMA
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Bentley Continental GT V8 PANORAMA
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Bentley Continental Flying Spur  6.0 W12
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Ein Bentley für die Rennstrecke also? Auch wenn die britische Traditionsmarke über Jahrzehnte im Rennsport aktiv war, so widmete man sich in Crewe in jüngerer Vergangenheit eher Themen wie Elektrifizierung und Individualisierung. Bis im November 2025 völlig überraschend der neue Bentley Supersports präsentiert wurde!

Neuausrichtung bei Bentley?

Wer jetzt denkt, dass der auf 500 Exemplare limitierte Supersports lediglich eine sportlichere Variante des Continental GT ist, der irrt sich gewaltig. Das Sondermodell könnte eine Art Neuausrichtung für Bentley sein. Zwar soll auch der Supersports im Kern ein GT sein, aber eben mit einer deutlichen Ausprägung in Richtung Fahrspaß. Auf der legendären Rennstrecke Laguna Seca in Kalifornien muss der Supersports beweisen, dass sein Name Programm ist.
Bentley Supersports Monterey Dragon Red
Der in Sichtcarbon ausgeführte Spoiler soll bis zu 300 Kilo zusätzlichen Abtrieb generieren. Der Diffusor ist ebenfalls neu.
Bild: Bentley Motors
Bevor ich mich aber in den neu entwickelten Sportsitz schwinge, werfen wir einen Blick auf die Entstehungsgeschichte: Der originale Bentley 3 Litre Super Sports aus dem Jahr 1925 wurde nur 18 Mal gebaut und war der erste Bentley, der 100 Meilen schaffte.

Die Geschichte des Supersports

Erst im Jahr 2009 wurde das ikonische Kürzel mit der ersten Generation des Continental Supersports wiederbelebt, ehe 2017 die zweite Generation mit beeindruckenden 710 PS folgte. Anders als bei seinen direkten Vorgängern wurde dem neuen Supersports aber nicht einfach mehr Leistung verpasst. Nein, die Umsetzung ist deutlich radikaler.

Prototyp in nur acht Wochen entstanden

Intern war der Supersports eine Art Guerilla-Projekt: Die Idee zum extremsten Bentley aller Zeiten kam im Sommer 2024 auf. Mit dem Segen von CEO Dr. Frank-Steffen Walliser baute ein kleines Team in nur acht Wochen einen fahrbereiten Prototyp. Das Ergebnis war so überzeugend, dass das Projekt Supersports grünes Licht bekam und das fertige Auto nicht mal eineinhalb Jahre später der Öffentlichkeit präsentiert wurde.
Bentley Supersports Dragon Red
Auch die Front wurde umfangreich modifiziert, der Supersports besitzt den größten Frontsplitter, der je an einem serienmäßigen Bentley verbaut wurde.
Bild: Bentley Motors
Das oberste Gebot während der Entwicklung lautete: So viel Gewicht wie möglich einsparen! Mit Erfolg, so ist der neue Supersports der erste straßenzugelassene Bentley seit 85 Jahren, der weniger als zwei Tonnen wiegt. Verglichen mit einem Continental GT Speed konnten fast 500 Kilo eingespart werden.

Der erste Continental GT mit Hinterradantrieb

Logisch, dass eine solche Ersparnis nicht mit ein paar neuen Carbonteilen erzielt wird. Stattdessen waren tiefgreifende Änderungen nötig: Als Erstes wurde der Hybrid-Antriebsstrang entfernt. Zudem wurde der Allradantrieb gestrichen, was den Supersports zum ersten Continental GT mit Hinterradantrieb macht. Weitere Diätmaßnahmen betreffen die 22-Zoll-Schmiedefelgen, die in Kooperation mit Manthey entwickelt wurden (minus fünf Kilo pro Rad), den Entfall der Rücksitze (auch nicht gegen Aufpreis erhältlich) und ein Carbondach.
Bentley Supersports Dragon Red
Die 22-Zoll-Schmiedefelgen wurden in Kooperation mit Manthey entwickelt. Ein Rad wiegt etwa elf Kilo und somit fünf Kilo weniger als eine vergleichbare 22-Zoll-Felge.
Bild: Bentley Motors
Dass sogar ein kleiner 55-Liter-Tank verbaut wurde, zeigt wie weit man bei Bentley gehen musste, um das Gewicht auf unter 2000 Kilo zu drücken. Aber keine Sorge, einen größeren 75-Liter-Tank gibt es ohne Mehrpreis.

Im Innenraum ein echter Bentley

Doch genug der Theorie, jetzt will ich wissen, wie sich der Supersports auf dem 3,6 Kilometer langen Laguna Seca Raceway schlägt: Als Erstes fällt auf, dass – allen sportlichen Ambitionen zum Trotz – im Innenraum jede Menge feinstes Leder und Carbon verbaut wurde. Alles ist hochwertig verarbeitet, eben typisch Bentley. Nicht mal auf Softclose müssen Supersports-Fahrer verzichten.
Dank spezieller Titanabgasanlage von Akrapovič klingt der V8-Biturbo schon im Stand mächtig. Mittels Drehregler in der Mittelkonsole wähle ich den Sport-Modus, das Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe sortiert die Gänge – zumindest vorerst. Die ersten zwei Runden mache ich mich erst mal mit Auto und Strecke vertraut, außerdem müssen die 2975 Euro teuren Pirelli P Zero Trofeo RS Semislicks behutsam auf Temperatur gebracht werden.

V8-Biturbo ohne Hybrid-Unterstützung

Stück für Stück ziehe ich das Tempo an – und je schneller es vorangeht, desto mehr verblüfft der Supersports. Mit 666 PS (nein, die Zahl ist kein Zufall) und 800 Nm ist der Supersports aufgrund der fehlenden Hybrid-Unterstützung auf dem Papier kurioserweise der schwächste Continental GT der aktuellen Baureihe, doch davon spürt man nichts. An Leistung mangelt es zu keiner Zeit. Zumal der V8-Biturbo mit neuen Turboladern, geänderten Zylinderköpfen und einer speziellen Kurbelwelle grundlegend überarbeitet wurde.

Bentley Continental Supersports: Tracktest

Der Bentley, der gern ein Porsche wäre

Bild: Bentley Motors
Dass ein 666 PS starker Bentley schnell ist, dürfte nicht überraschen. Die Art und Weise wie das 4,99 Meter lange Coupé Kurven fährt, hingegen schon. Als die Semislicks Betriebstemperatur erreicht haben, bin ich tatsächlich kurzzeitig irritiert. Der Supersports lenkt so direkt ein, wie es mit einem Zwei-Tonnen-Auto eigentlich nicht möglich sein sollte. Zum Vergleich: Erst vor wenigen Wochen waren wir mit einem Bentley Continental GT S in Ascari unterwegs – und auch der überraschte positiv. Jedoch spätestens in engen Kurven war das Gewicht von knapp 2,5 Tonnen nicht mehr wegzudiskutieren.
Bentley Supersports Dragon Red
Wer es darauf anlegt, kann dank Hinterradantrieb mit dem 666 PS starken Supersports richtig quer fahren.
Bild: Bentley Motors
Der Supersports hingegen fährt auf einem anderen Level. Er fühlt sich so agil an, dass man denken könnte, dass sie in Crewe noch deutlich mehr als 500 Kilo einsparen konnten. Selbst Korrekturen mitten in der Kurve steckt der Supersports locker weg. Die Kombination aus einer breiteren Spur (plus 16 Millimeter) und Trofeo-RS-Semislicks funktioniert hervorragend. Einzig das ESP könnte noch etwas feinfühliger regeln, doch das kann man ja umgehen. Ohne elektronische Helfer mutiert der Supersports zur Driftmaschine, wie Travis Pastrana im Video "Supersports: Full Send" eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat.
Kleiner Fun Fact am Rande: Im Nachgang erfuhren wir, dass bei einer Querbeschleunigung von bis zu 1,3 g bei frühen Entwicklungsfahrten die Gurtstraffer aktiviert wurden, weil die Systeme einen Unfall detektierten. Während der schnellen Runden in Laguna Seca passiert das zum Glück nicht, stattdessen überzeugt das Zusammenspiel der Hinterachslenkung, des elektronischen Sperrdifferenzials und des überarbeiteten Zweikammer-Luftfahrwerks immer mehr.
Auch die Achtgang-Doppelkupplung wurde für den Supersports überarbeitet und macht im Automatikmodus einen sehr ordentlichen Job. Wer lieber selbst schaltet, kann das natürlich auch tun und wird mittels Schaltblitzen im digitalen Kombiinstrument daran erinnert, dass das Getriebe nicht eigenständig hochschaltet.

Authentischer V8-Klang dank Akrapovič

Zwei Punkte, die nicht unerwähnt bleiben sollten: Die serienmäßige Carbonkeramik-Bremse mit Zehnkolbensätteln und gigantischen 440 Millimeter großen Scheiben an der Vorderachse ist über jeden Zweifel erhaben und bietet auch nach mehreren schnellen Runden ein perfektes Pedalgefühl. Und der Sound des Supersports ist überraschend gut. Die speziell für den Supersports entwickelte Titanabgasanlage klingt böse, aber nie aufdringlich und vor allem authentisch, denn Bentley verzichtet glücklicherweise auf Aktuatoren jeglicher Art.
Bentley Supersports Dragon Red
Das auffällige Bicolor-Finish für Exterieur und Innenraum trägt den Namen "Dragon Design Theme by Mulliner" und kostet heftige 98.000 Euro!
Bild: Bentley Motors
Der Supersports meistert Rennstrecken wie kein anderer straßenzugelassener Bentley. Er ist der GT3 RS unter den Bentley, aber ohne dessen Einschränkungen.

Dieser Bentley ist ein Fahrerauto

Bei aller Begeisterung ist aber auch klar, dass in Zukunft wohl weiterhin kein Bentley ein Dauergast auf Trackdays sein wird. Viel mehr ist der Supersports DAS Fahrerauto aus Crewe. Ein Auto, das praktisch alles kann: Langstrecke, Landstraße und neuerdings auch Rennstrecke. Bei einem Basispreis von rund 420.000 Euro könnte man argumentieren, dass man das auch erwarten kann. Alle 500 Exemplare waren in kürzester Zeit verkauft, ein beachtlicher Teil davon an Neukunden.
Ach ja: Wie viel wiegt der Supersports denn nun genau? Mit einem Schmunzeln teilt mir Dr. Matthias Rabe, Vorstand für Forschung und Entwicklung bei Bentley, mit: 1999 Kilo. Eine Punktlandung also – und das mit Softclose!

Fazit

Die Tatsache, dass sich eine Marke wie Bentley traut, einen so radikalen Ansatz zu wählen, Hybrid- und Allradantrieb zu streichen, verdient Respekt. Gerade in Zeiten von Elektrifizierung und immer komplexeren Antriebskonzepten. Nachdem ich den Supersports gefahren bin, bin ich vollends überzeugt. Wenn es etwas gibt, das ich Bentley beim Supersports ankreiden kann, dann das polarisierende Design (speziell mit der Zweifarblackierung), aber das ist Geschmackssache.