BMW-Chef Oliver Zipse spricht im Interview mit AUTO BILD Klartext – über Elektromobilität, Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit.
AUTO BILD: Herr Zipse, BMW startet mit der Neuen Klasse und dem neuen iX3. Vollelektrisch. Heißt das: Geht BMW jetzt konsequent den Elektro-Weg? Oder bleibt neben dem iX3 und der Neuen Klasse auch künftig Platz für klassische Verbrenner? Oliver Zipse: Zweimal ja! Für uns ist das nämlich kein Widerspruch: Wir setzen konsequent auf vollelektrische Fahrzeuge, denn dort liegt das größte Wachstumspotenzial. Schon heute können Sie bei uns aus über 15 elektrischen Modellen wählen – und es werden noch mehr! Parallel dazu bieten wir weiterhin Fahrzeuge mit hocheffizienten Verbrennungsmotoren ebenso wie Plug-in-Hybride an. Die Kunden haben bei BMW also auch in Zukunft die volle Auswahl.
Also werden die Verbrenner auch zur "Neuen Klasse"? Alle bekommen den neuesten Stand der Technik ins Auto – unabhängig von der Antriebsform. Denn mit dem Start der Neuen Klasse bringen wir unsere neue Design-Sprache und unsere neuen Technologie-Baukästen innerhalb kurzer Zeit in quasi jedes Modell. Dazu gehören beispielsweise das Anzeige-Bedien-Konzept "BMW Panoramic iDrive" oder das automatisierte Fahren.
Sie haben das geplante EU-Verbot für neue Benzin- und Dieselautos ab 2035 im Sommer als "naiv" bezeichnet. Stehen Sie weiter zu dieser Einschätzung? Definitiv. Dass der Markt nach 2035 noch genauso groß ist wie davor und dass CO2-Reduzierung nur über vollelektrische Fahrzeuge funktioniert – diese Annahmen sind einfach falsch. Deshalb ist das pauschale Verbot von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor ab 2035 ein gefährlicher Irrweg. Es gibt viele weitere Gründe, warum sich bislang keine andere Weltregion ein vergleichbares Ziel auferlegt hat: Der Umstieg der Kunden verläuft viel langsamer als prognostiziert. Der Aufbau der Ladeinfrastruktur geht nur schleppend voran. Die Stromkosten sind zu hoch – ganz zu schweigen davon, dass wesentliche Teile der Wertschöpfungskette für Elektromobilität außerhalb Europas stattfinden. Wenn die EU nicht umdenkt, riskieren wir die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit einer der wichtigsten Industrien Europas.
AUTO BILD-Chefredakteur Robin Hornig im Interview mit Zipse.
AUTO BILD-Chefredakteur Robin Hornig (l.) im Interview mit BMW-Chef Oliver Zipse.
Bild: Niels Starnick/BILD
Wie schätzen Sie nach dem Autogipfel im Kanzleramt die Chancen ein, dass Brüssel das Verbrenner-Aus noch einmal kippt oder zumindest abschwächt? Aus unserer Sicht ist das alternativlos. Technologieneutralität ist der Schlüssel, um Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und wirksamen Klimaschutz optimal miteinander zu verbinden. Entscheidend ist, dass Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas Verantwortung übernimmt und geschlossen Position bezieht: gegen ein marktfernes Verbot und für Technologieneutralität. Andere EU-Staaten haben sich hier schon sehr klar positioniert.
Sie warnen seit Längerem davor, dass bei einem zu schnellen oder einseitigen Wandel zur Elektromobilität viele Arbeitsplätze verloren gehen könnten. Wo sehen Sie die größten Risiken: bei den Herstellern selbst, bei den Zulieferern oder in der gesamten Wertschöpfungskette? Autos sind ein hochkomplexes Produkt mit sehr vielen beteiligten Unternehmen, die eng vernetzt sind. Deshalb wären alle von so einer Abwärtsspirale betroffen: Der Markt schrumpft, die Produktion nimmt ab – das würde am Ende auch Arbeitsplätze kosten. Dabei gibt es an kaum einem anderen Ort auf der Welt so viel automobile Kompetenz, Wissen und Leidenschaft wie in Deutschland. Wollen wir all diese Stärken wirklich aufs Spiel setzen?
Viele sprechen ja gerade von einer Krise: Wie nehmen Sie die aktuelle Grundstimmung in der Wirtschaft insgesamt wahr? Von einer Krise möchte ich nicht sprechen – zumindest nicht für BMW. Das heißt aber nicht, dass die deutsche Wirtschaft in ruhigem Fahrwasser ist. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen, die einen wesentlichen Teil unserer Lieferkette ausmachen, können Schwankungen und Unsicherheit nur noch bedingt ausgleichen. Es wird immer schwieriger für sie, wichtige Investitionen zu finanzieren. Auch die Zahl der Insolvenzen nimmt zu. Hier müssen wir gegensteuern – es darf keinen Dominoeffekt geben.
Und was müsste passieren, damit Deutschland als Wirtschafts- und Autostandort nicht an Boden verliert? Drei Dinge sind entscheidend. Erstens: ein klares Bekenntnis zu nachhaltigem Wachstum statt zu immer stärkerer Regulierung. Zweitens: ein deutlich reduzierter Strompreis – denn er ist ein entscheidender Wachstums-Booster, der auch der Elektromobilität einen Schub geben würde. Und drittens: Deutschland hat so viele Stärken, auf die wir uns wieder mehr besinnen sollten. Deshalb: weniger Bedenken, mehr Mut und Entschlossenheit, die Dinge einfach anzupacken!
BMW-Chef Oliver Zipse
Hat bei der Elektromobilität nicht alles auf eine Karte gesetzt: Was Zipse vor Jahren noch vorgeworfen wurde, wird ihm nun hoch angerechnet.
Bild: Niels Starnick/BILD
Es besteht eine wirtschaftliche Abhängigkeit in der Automobilindustrie zwischen Europa, den USA und China. Oft ist von einer zu starken Abhängigkeit von China die Rede. Wie sehen Sie das Kräfteverhältnis? Ich sehe vor allem enge Beziehungen und langjährige Zusammenarbeit. Davon profitieren alle Weltregionen, nicht nur eine. Die globale Wirtschaft ist sehr eng miteinander verflochten und das ist richtig so. Diese Lieferketten und Warenströme haben sich seit Jahrzehnten bewährt und sind ein Garant für weltweiten Fortschritt. Deshalb beobachten wir die aktuellen protektionistischen Maßnahmen in den drei führenden Wirtschaftsräumen mit großer Sorge.
Ist es Aufgabe der Politik, dieses Gleichgewicht zu schützen statt zu stören? Und müssen Autobauer wie BMW angesichts unvorhersehbarer politischer Kurswechsel wieder stärker auf eigene Unabhängigkeit setzen? Politik sollte die passenden Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln schaffen. Derzeit erleben wir leider oft das Gegenteil: Denken Sie an die Strafzölle, die die EU für den Import von E-Autos aus China erhebt. Für die elektrischen Mini-Modelle, die wir in China produzieren und nach Europa bringen, bezahlen wir über 30 Prozent an zusätzlichen Zöllen. Der Gedanke, man könne Märkte schützen und sich unabhängiger machen, indem man Zölle verhängt, führt zwangsläufig in eine Sackgasse.
Chinesische Hersteller kommen mit günstigen E-Autos nach Europa, bauen sogar eigene Werke in der EU, um Strafzölle zu umgehen. Wie will BMW da mithalten? Indem wir uns auf unsere Stärken besinnen: Innovation, Effizienz, unternehmerischer Mut und globale Präsenz. Wir nehmen unsere Wettbewerber ernst – egal ob traditionell oder neu. Die Entwicklungsgeschwindigkeit der neuen Hersteller beispielsweise ist beachtlich. Aber sie alle tun auch gut daran, BMW als Wettbewerber ernst zu nehmen.
Worauf führen Sie den anhaltenden Erfolgskurs von BMW zurück? Wir haben die richtigen Zutaten für Erfolg: starke Marken, begeisternde Produkte, eine hohe Wirtschaftlichkeit – und mit der Neuen Klasse ein Zukunftsprojekt, das seinesgleichen sucht. Und was uns von vielen neuen Wettbewerbern unterscheidet: die Nähe zu unseren Kunden. Allein in Europa haben wir Vertriebs- und Aftersales-Standorte in über 20 Ländern. Insgesamt sind wir in mehr als 140 Ländern vertreten. Ein solches Netzwerk inklusive der vielen langjährigen Kundenbeziehungen kann man nicht über Nacht aufbauen.
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell globale Lieferketten reißen können. Wie stellt BMW sicher, dass Kunden künftig nicht wieder monatelang auf neue Autos warten oder Preise explodieren, weil Rohstoffe oder Chips fehlen? Wir haben in den letzten Jahren viel über die Eigenschaften und den Umgang mit Lieferketten gelernt, zum Beispiel in der Corona-Pandemie. Wir sind inzwischen noch schneller und flexibler, haben eine sehr hohe Transparenz in der Lieferkette und arbeiten noch enger mit Lieferanten zusammen. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir auch in zukünftigen Situationen handlungsfähig sind.
Ladepausen, hohe Preise, begrenzte Reichweite – auch wenn die E-Zulassungen steigen, bleiben viele skeptisch. Was sagen Sie einem Familienvater auf dem Land, der überlegt, ob sich ein E-Auto für den Alltag wirklich lohnt? Dass unser neuer BMW iX3 perfekt für ihn ist! Mehr als 800 Kilometer Reichweite, über 370 Kilometer innerhalb von zehn Minuten nachladen – das sind Werte, die Kunden sonst von ihren Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor gewohnt sind. Und dank der bidirektionalen Ladefähigkeit können sie den iX3 sogar in ihr heimisches Energiesystem mit PV-Anlage und Wallbox einbinden – quasi als flexiblen Energiespeicher. Wen das nicht überzeugt, der wird bei BMW trotzdem fündig: Den X3 gibt es nämlich auch als Benziner, Diesel, Plug-in-Hybrid und als hochemotionales BMW-M-Modell.