Kaum eine Reisemobil-Klasse spaltet die Fernweh-Szene so stark wie die der Integrierten. Für Puristen sind Dickschiffe vom Schlage eines Bürstner Viseo oder einer Hymer B-Klasse schwerfällige, träge Tanker: behäbig, unflexibel und viel zu teuer. Allein der viele unnütze Raum vor der Frontscheibe – soll das ein Platz für Blumenkästen sein? Genau dieses üppige Platzangebot schätzen andererseits Fans integrierter Reisemobile. Sie beschreiben ihre Fahrzeuge als großzügig, geräumig, komfortabel und superbequem. Luxus-Camper eben. Allein schon dieser Blick aus der gewaltigen Panoramascheibe – herrlich! Und kein Vergleich mit dem sonst so engen und dunklen Original-Fahrerhaus. Fiat Ducato, Mercedes-Benz? Optisch egal, schon weil die Integrierten mit ihren individuellen Frontpartien auffallen und sich allein dadurch vom Transporter-Einerlei abheben. So weit die Theorie. Und wie sieht es in der Realität aus? Mit einem Preis ab 63.360 Euro markiert der Bürstner den Einstieg ins voll verkleidete Luxus-Segment. Die Hymer B-Klasse, vom Hersteller als meistverkauftes Modell gepriesen, ist mit 86.390 Euro zwar teurer, liegt aber noch unter der magischen 100.000-Euro-Marke. Die reinen Eckdaten unserer Kandidaten sind ähnlich: über sieben Meter lang, rund vier Tonnen schwer, vier Schlafplätze an Bord. Drängt sich die Frage auf: Wie viel Luxus muss sein?
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Bürstner Viseo i 720 G: Günstiger Einstieg in die Luxus-Welt

Bürstner Viseo i 720 G
Bürstner Viseo i 720 G mit Sonderlackierung Opale: Sie schlägt mit 1241 Euro Aufpreis zu Buche.
Das ist er: Die drei Modelle der Viseo-Reihe bilden bei Bürstner den Einstieg in die erlauchte Welt der Luxus-Camper: i 690 G für 62.370 Euro, i 700 für 63.360 Euro und der gefahrene i 720 G für ebenfalls 63.360 Euro. Neben dem vergleichsweise günstigen Preis gehören die immer noch handlichen Ausmaße (6,96 Meter bis 7,25 Meter lang, 2,35 Meter breit) zu den Vorzügen dieser Fahrzeuge. Der Grundriss hält Seitensitzgruppe, Küche, Bad und Schlafzimmer mit Doppelbett bereit. Nicht so gelungen sind die Stolperfallen beim Übergang ins Heck und die geringe Zuladung als 3,5-Tonner, die eine Auflastung auf vier Tonnen Gesamtgewicht praktisch notwendig macht.
So fährt er: Der Viseo ist sicher kein Rennwagen. Aber für ein 7,25 Meter langes Wohnmobil gibt er sich erstaunlich handlich. Man schwimmt sicher durch die Stadt und kommt selbst in Autobahn-Baustellen nicht ins Schwitzen. Beim Rangieren rückwärts in Parklücken, Einfahrten oder Stellplätze kann freilich eine Rückfahrkamera nicht schaden. Das im Testwagen eingebaute automatisierte Schaltgetriebe hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Während einige Tester meinten, das System passe zum gemütlichen Charakter des Viseo, waren andere von der behäbigen, teils unentschlossenen Schaltweise genervt. Ob die 1785 Euro gut angelegt sind, sollte jeder Käufer genau überlegen.
Das hat er: Der Viseo ist ein Basismodell, seine Serienausstattung hält sich in Grenzen. Immerhin: Aluräder, elektrisch einstellbare Außenspiegel, elektrische Einstiegsstufe und Fahrerhausverdunkelung gehören dazu. Was das integrierte Wohnmobil luxuriös macht, muss extra bestellt werden. Neben der Auflastung (ab 469 Euro) sind Markise (1618 Euro), Fahrradhalter (867 Euro), Radio mit Navi und Rückfahrkamera (2090 Euro), Winterpaket (2090 Euro; u. a. Sitzheizung, Zusatzheizung, zweite Aufbaubatterie) und Chassispaket (1650 Euro; u. a. Fahrer- und Beifahrerairbag, Klimaanlage, Tempomat) empfehlenswert.

Hymer B 678: Der Klassiker der Integrierten

Hymer B 678
Groß, gut und teuer: Mit Extras stehen beim Hymer B 678 schnell 100.000 Euro auf dem Zettel.
Das ist er: Die Marke Hymer steht fürs vollintegrierte Reisemobil wie Tempo fürs Taschentuch. Bereits 1971 hat der süddeutsche Hersteller das erste Modell vorgestellt. Die Weiterentwicklung der Hymer-Mobile erinnert an die Karriere des VW Golf: Stets blieben Marke und Modell erkennbar. Die B-Klasse, mit acht Modellen von 75.690 bis 86.390 Euro Grundpreis, ist so etwas wie die Mutter aller integrierten Mittelklassen. Ob Knaus, Bürstner, Dethleffs oder LMC – alle kamen mit ihren Integrierten deutlich später. Gut für Hymer-Besitzer, denn das Image dient dem Werterhalt.
So fährt er: Die Basismotorisierung ist der Fiat-Ducato-Diesel 2.3 Multijet mit 130 PS plus Sechsganggetriebe, das sich flüssig schalten lässt. Naturgemäß ist ein Mobil dieses Formats kein Sprinter, sondern ein Gleiter, der zum gelassenen, defensiven Fahren aufruft. Die zweigeteilten Außenspiegel des Ducato geben nach hinten den bestmöglichen Überblick, eine Rückfahrkamera ist dennoch empfehlenswert. Wer mehr Kraft im Gehäuse will, hat die Wahl zwischen dem 148-PS-Diesel für 1290 Euro Aufpreis und dem Dreiliter-Diesel mit 177 PS für 3590 Euro Aufschlag. Doch auch mehr Schub stellt das Hauptproblem des Vorderradantriebs nicht ab: die schwache Traktion beim Anfahren auf rutschigem Untergrund.
Das hat er: Die Kabine wird in Hymers selbst entwickelter PUAL-Bauweise gefertigt, die aus Alu-Sandwichwänden mit PU-Schaumisolierung besteht. Das Alu-Sandwichdach ist mit GfK beschichtet, der Unterboden aus GfK-Sandwich gefertigt. Auf die Dichtheit dieses Aufbaus gibt Hymer sechs Jahre Garantie. Die Sicherheitsausstattung ist mit Tagfahrlicht, Fahrer- und Beifahrerairbag, ABS, ESP, ASR und Hillholder sehr gut. Die beiden Einzelbetten bieten reichlich Platz, wobei das eine Bett mit 1,94 Meter Länge das andere um acht Zentimeter überragt. Die Wohnausstattung ist komplett, was bei dem Preis auch erwartet werden darf. Wer mehr will, kann den Preis eines Kleinwagens in weitere Extras stecken.

Fazit

Bürstner und Hymer bewegen sich in Qualität und Ausstattung auf Augenhöhe, auch die Preisunterschiede verwischen sich mit dem Zubuchen von Extras. Doch der Hymer ist wie ein VW Golf – den jeder kennt. Der Bürstner ist dagegen wie ein Volvo V40 – gut, für die meisten aber weniger greifbar. Fragt sich nur, ob man so viel Platz und Gewicht braucht – oder lieber eine Nummer kleiner wählt.