Wer an Bugatti denkt, denkt zwangsläufig an Hypercars. Bugatti hat schon immer Autos gebaut, die die Grenzen des Machbaren neu definieren. Autos, die Millionen kosten – und in der Regel immer wertvoller werden. Das Auktionshaus RM Sotheby's versteigert schon bald einen Bugatti, den vermutlich nur die Allerwenigsten kennen: die Rede ist vom nur dreimal gebauten Bugatti EB112!
EB110, Veyron, Chiron und schon bald Tourbillon: Alle Bugatti der Neuzeit sind nicht nur wahnsinnig schnell und wertvoll, es sind auch durchweg zweisitzige Super- oder Hypercars. Zwar gab es mit dem EB218 (1998) oder dem 16C Galibier mehrfach konkrete Ideen für eine viertürige Bugatti-Luxuslimousine, doch in Serie schaffte es letztlich keine dieser Studien. Oder etwa doch?

Das italienische Kapitel

Lange vor dem 16C Galibier – und auch noch einige Jahre bevor der EB218 das Licht der Welt erblickte – gab es mit dem EB112 ein Projekt, das einen viertürigen Bugatti vorsah, von dem zumindest drei Exemplare entstanden. Kurzer Rückblick: 1987 erwarb der italienische Geschäftsmann Romano Artioli die Markenrechte an Bugatti und schmiedete den tollkühnen Plan, die französische Traditionsmarke aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. 1989 wurde das Unternehmen Bugatti Automobili S.p.A. gegründet. Dafür versammelte Artioli nicht nur einige der besten Ingenieure der Zeit, sondern errichtete auch die sogenannte Fabbrica Blu im italienischen Campogalliano bei Modena.
Bugatti EB112
Das Frontdesign ist eigenständig, der Hufeisen-Kühlergrill ist deutlich präsenter als beim EB110, die Scheinwerfer sind sehr schmal.
Bild: Simon Gosselin ©2026 Courtesy of RM Sotheby's
Sein Plan: den fortschrittlichsten und schnellsten Supersportwagen der Welt zu bauen – Codename EB110. In nur zwei Jahren wurde der erste Bugatti der Neuzeit entwickelt und am 15. September 1991 in Paris präsentiert. Doch Artiolis Geschäftsplan sah noch ein weiteres Modell vor. Neben dem EB110 mit seinem Quadturbo-V12 schwebte dem umtriebigen Italiener eine luxuriöse Limousine im Stil der 30er-Jahre-Bugatti vor.

Projekt EB112

Dieses Prestigeprojekt wurde EB112 getauft. Auf Basis eines angepassten EB110-Carbon-Chassis entstand eine elegante Limousine, die statt eines Mittelmotors einen hinter der Vorderachse platzierten Zwölfzylinder bekommen sollte. Und während das futuristische Design des EB110 bis heute polarisiert, sollte der viertürige Bugatti deutlich klassischer auftreten.
Aus diesem Grund beauftragte Artioli keinen Geringeren als Giorgetto Giugiaro (der später auch den EB218 zeichnen sollte) mit dem Design des EB112 – und der Altmeister lieferte ab. Die Aluminium-Karosserie der 5,07 Meter langen Limousine kombiniert klassische Elemente wie die angedeutete Finne und die zweigeteilte Heckscheibe (beides Merkmale des Type 57 SC Atlantic) mit einem sehr prägnanten, fast liegenden Hufeisen-Kühlergrill. Auch die flächigen Felgen sind eine Hommage an den berühmten Type 41 Royale.
Bugatti EB112
Der Bugatti EB112 basiert zwar auf dem Chassis eines EB110, ist mit 5,07 Meter aber deutlich länger. Der Radstand beträgt stattliche 3,10 Meter.
Bild: Simon Gosselin ©2026 Courtesy of RM Sotheby's
Giugiaro gelang das Kunststück, klassische Designmerkmale modern zu interpretieren, ohne sie wie plumpe Kopien wirken zu lassen. Das Ergebnis ist eine Luxuslimousine, wie es sie nie wieder geben sollte.

Der erste viersitzige Bugatti der Neuzeit

Im Innenraum dominieren schwarzes Leder und eine Extraportion Aluminium. Der EB112 ist ein Viersitzer, wobei jeder einzelne Sitz ein eingeprägtes EB-Logo trägt. Für die Fondpassagiere gibt es zudem einen kleinen Fernseher, der ebenfalls fast liegend positioniert ist. Einige Experten wollen in bestimmten Details sogar Vorläufer des Veyron erkennen.
Falls Sie noch nie vom EB112 gehört haben, ist das kaum verwunderlich. Zwar wurde ein Prototyp medienwirksam auf dem Autosalon in Genf 1993 gezeigt, doch danach wurde es sehr ruhig um den viertürigen Bugatti. Das lag daran, dass die gerade erst wiederbelebte Marke zu diesem Zeitpunkt bereits in finanzieller Schieflage war. Bis die Türen in Campogalliano 1995 geschlossen wurden, entstanden insgesamt drei EB112 – ein fahrbereiter Prototyp (heute Teil der Italdesign-Sammlung) sowie zwei nicht funktionsfähige Designmodelle.

So viele EB112 wurden gebaut

Dass heute tatsächlich alle drei EB112 (mehr oder weniger) fahrbereit sind, ist einem Mann namens Gildo Pallanca Pastor zu verdanken. Der Geschäftsmann und Rennfahrer aus Monaco besaß mehrere EB110, darunter einen EB110 Sport Competizione Rennwagen. Pastor erwarb seinerzeit ein großes Ersatzteilpaket aus der Konkursmasse. Neben zahlreichen EB110-Teilen befanden sich darunter auch die beiden EB112-Designmodelle.
Bugatti EB112
Leder und Aluminium: Verglichen mit dem extravaganten Exterieur ist der Innenraum eher schlicht gehalten.
Bild: Simon Gosselin ©2026 Courtesy of RM Sotheby's
Als großer Fan der Marke machte es sich Pastor zur Aufgabe, die beiden EB112 von Designmodellen in voll fahrbereite Autos zu verwandeln – monegassische Zulassung inklusive. Ein ambitionierter Plan, der jedoch erfolgreich sein sollte.

V12-Sauger mit 456 PS

Genau wie beim originalen Prototyp steckt unter der Haube ein V12, der auf dem Motor des EB110 basiert. Allerdings wurde der Zwölfzylinder von 3,5 auf 6,0 Liter Hubraum vergrößert. Gleichzeitig entfielen die Turbolader, da ein Saugmotor laut Artioli besser zum Konzept einer luxuriösen Limousine passte. Die Leistung wurde mit 456 PS und 590 Nm angegeben. Eine Sechsgang-Handschaltung übernimmt die Kraftübertragung an alle vier Räder, mit einer Verteilung von 38:62.
Bugatti EB112
Der 6,0-Liter-V12-Saugmotor ist hinter der Vorderachse platziert und soll 456 PS leisten.
Bild: Simon Gosselin ©2026 Courtesy of RM Sotheby's
1993 veröffentlichte Bugatti beeindruckende Fahrleistungen: So soll der EB112 in 4,3 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen und eine Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h erreichen – wobei unklar ist, ob ein EB112 diese Werte je erreicht hat. In einem Interview aus dem Jahr 2021 beschrieb Artioli das Fahrgefühl so: "Ein unglaubliches Auto, eine Freude zu fahren mit dem 6,0-Liter-V12 hinter der Vorderachse. Das Chassis bestand aus Carbon, die Aufhängung war besonders leicht. Es fuhr wie ein Go-Kart."

Nur 388 Kilometer auf dem Tacho

Zurück zur Historie des schwarzen EB112, der von RM Sotheby's im Rahmen der Monaco-Auktion am 25. April versteigert wird: Nach der Fertigstellung im Jahr 1999 verblieb die Limousine lange in Pastors Besitz. Während dieser Zeit wurde der EB112 in der Schlumpf-Sammlung ausgestellt und sporadisch durch das Fürstentum bewegt.
Bugatti EB112
Trotz mehrerer Studien ging bisher kein moderner Bugatti mit vier Türen in die Serienproduktion.
Bild: Simon Gosselin ©2026 Courtesy of RM Sotheby's
Erst 2015 veräußerte Pastor das Auto an seinen zweiten Besitzer, der den seltenen Bugatti ebenfalls nur sehr wenig fuhr. Anders ist der Kilometerstand von nur 388 kaum zu erklären. Trotz der minimalen Laufleistung investierte der aktuelle Besitzer in den letzten Jahren rund 37.000 Euro in Service und Reparaturen, sodass der EB112 theoretisch voll fahrbereit ist.

So hoch ist der Schätzpreis

Angeboten wird der viertürige Bugatti inklusive zweier maßgefertigter Gepäckstücke und eines markanten Regenschirms, dessen Griff der legendären Elefanten-Skulptur von Rembrandt Bugatti nachempfunden ist. Den Schätzpreis gibt RM Sotheby's mit 1,5 bis 2 Millionen Euro an – damit wäre der EB112 in etwa so teuer wie ein Veyron. Verglichen mit diesem ist die viertürige Limousine jedoch deutlich seltener.

Fazit

Den Bugatti EB112 umgibt eine fast schon mystische Aura. Lange wusste ich nicht, dass mehr als ein Exemplar gebaut wurde. Umso faszinierender ist die Geschichte, dass nur aufgrund der Anstrengungen eines einzigen Mannes heutzutage drei funktionstüchtige Autos existieren. Einen EB112 live zu sehen, wäre ein Traum. Also: Falls der neue Besitzer das liest – ich würde mich freuen!