Datenanalyse für Gebrauchtwagen: wie man Tachobetrüger entlarvt
So schützen Sie sich vor Tachobetrug

Tachobetrug bleibt auf dem Automarkt ein ernst zu nehmendes Thema. Der TÜV Nord und Carly zeigen, wie sich Gebrauchtwagenkäufer dank Datenanalyse vor Betrugsversuchen schützen können.
Bild: Carly
- Raphael Schuderer
Die einfachste Art, um mehr Geld für einen Gebrauchtwagen zu bekommen? Den Kilometerstand nach unten drehen! Das ist zwar verboten, kommt aber häufig vor. Wie häufig? Da gehen die Zahlen auseinander: Laut älteren Ermittlungsergebnissen der Polizei ist bei jedem dritten Gebrauchtwagen der Tacho manipuliert. Der private Anbieter carVertical ermittelte 2025 einen Manipulationsanteil von 1,99 Prozent bei ihren in Deutschland überprüften Fahrzeugen. Fakt ist: Das Risiko, Opfer von Tachobetrug zu werden, besteht bei jedem Gebrauchtwagenkauf.
Um Betrügern nicht auf den Leim zu gehen, haben der TÜV Nord und die Autodaten-Spezialisten von Carly eine Gegenmaßnahme entwickelt: die sogenannte "TÜV NORD Onboard Car Diagnosis – powered by Carly". AUTO BILD hat sich das Verfahren beim Ortstermin in Berlin erklären lassen, auch zwei Fahrzeuge für eine Live-Demonstration waren vor Ort.
So läuft der Tachobetrugs-Test:
Vor dem Gebrauchtkauf fährt man mit dem Fahrzeug, zum Beispiel während der Probefahrt, in eine TÜV‑Filiale. Dort wird der anvisierte Gebrauchtwagen auf Tachomanipulation untersucht. Für die Überprüfung wird ein Test-Tablet über die OBD-Buchse mit dem Auto verbunden, danach startet die Analyse. Der Test dauert nur etwa zwei Minuten und kostet 49 Euro – wenig Geld, wenn es vor einem teuren Fehlkauf schützt.

Gunther Seydak vom TÜV Nord beim Demonstrations-Scan eines BMW i5 Touring.
Bild: TÜV NORD/Carly
So erkennt die Diagnose eine Manipulation
Für die Entlarvung eines möglichen Tachobetrugs werden die wichtigsten Steuergeräte des Fahrzeugs überprüft. Moderne Fahrzeuge speichern Informationen zur Laufleistung nicht ausschließlich im Kombiinstrument, sondern in mehreren Steuergeräten. Wird lediglich der Tachostand verändert, können in anderen Steuergeräten höhere Kilometerstände zurückbleiben. Finden sich bei den einzelnen Werten Abweichungen, deutet dies auf eine mögliche Tachomanipulation hin.

Ergebnis: Null Prozent Abweichungen bei den einzelnen Kilometerständen der Steuergeräte – alles paletti!
Bild: TÜV NORD/Carly
In wenigen Fällen, etwa 10 bis 20 Prozent, lassen sich die Verdachtsfälle allerdings erklären: Durch den Austausch eines Kombiinstruments bzw. Steuergeräts oder die Umrechnung von Meilen in Kilometer komme es immer mal wieder zu Unstimmigkeiten, denen kein Manipulationsversuch zugrunde liege. Wie Sie einen Tachobetrug ohne Datenanalyse erkennen können, lesen Sie hier!
Deutschland weit vorn beim Tachobetrug
Der TÜV Nord und Carly haben im vergangenen Jahr 6,6 Millionen dieser Fahrzeug-Scans (davon die Hälfte in Deutschland) durchgeführt. In Deutschland fielen 11,5 Prozent der Autos unter Manipulationsverdacht – der dritthöchste Wert in Europa (Durchschnitt: 10 Prozent). Nur in Rumänien und Bulgarien wurde häufiger getrickst.

Nur in Bulgarien und Rumänien wird nach den Analysedaten von TÜV Nord und Carly häufiger am Tacho gedreht als in Deutschland.
Bild: Carly
Bei Betrug drohen hohe Folgekosten
Und ein Betrug kann teuer werden: Vom überhöhten Kaufpreis abgesehen, richten sich viele Wartungsarbeiten auch nach der Laufleistung. Wird der Kilometerstand gefälscht, können wichtige Inspektionen oder der Wechsel von Verschleißteilen zu spät oder sogar gar nicht erfolgen. Teure Reparaturen und hohe Folgekosten drohen.
Lieblinge der Tachotrickser: Obere Mittelklasse und große Geländewagen
Getrickst wird in allen Fahrzeugklassen: Besonders manipulationsgefährdet sind laut Analysedaten von TÜV Nord und Carly die obere Mittelklasse sowie große Geländewagen. Auch bei den Nutzfahrzeugen sind viele manipulierte Modelle unterwegs. Etwas sicherer fährt man beim Kauf in der Kompaktklasse sowie bei Sport- und Kleinstwagen.

Die obere Mittelklasse und große Geländewagen werden am häufigsten manipuliert, auch bei Nutzfahrzeugen wird fleißig am Tacho gedreht. Sportwagen sind am wenigsten betroffen.
Bild: Carly
Fahrzeugdaten werden immer wichtiger
Hartmut Abeln, CEO von TÜV Nord Mobilität, plädiert für die Datennutzung beim Gebrauchtkauf: "Ein Gebrauchtwagen hat heute zwei Zustände: den sichtbaren und den digitalen. Während Optik, Tacho und Scheckheft nur einen Teil der Geschichte eines Fahrzeugs erzählen, liefern die Steuergeräte zusätzliche Informationen. Mit der Verbindung unserer Prüfkompetenz und digitaler Fahrzeugdaten schaffen wir eine weitere Ebene der Transparenz und machen den technischen Zustand eines Fahrzeugs besser überprüfbar."
Avid Avini, der CEO von Carly, erläutert das: "Kilometerstände sind ein zentraler Bestandteil des Werts eines Gebrauchtwagens. Deshalb reicht es nicht immer aus, auf den Tachostand oder die Fahrzeughistorie zu schauen. Wenn wir direkt im Fahrzeug auslesen können, welche Kilometerstände in unterschiedlichen Steuergeräten hinterlegt sind, entsteht eine zusätzliche Informationsquelle für Händler und Käufer. Unser Ziel ist es, aus Fahrzeugdaten verständliche und nutzbare Informationen zu machen."
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