Design Vision GTI : Fahrbericht
503 PS, Allrad, V6 – der extremste GTI aller Zeiten

Das waren noch Zeiten: Jedes Jahr im Mai hat die GTI-Gemeinde den Wörthersee zum Kochen gebracht. Und VW hat die Stimmung 2013 mit der Design Vision GTI kräftig angeheizt.
Bild: Ingo Barenschee
Seine Jungfernfahrt hatte er vor fast genau 50 Jahren als Pace Car auf der Nordschleife. Und auch wenn der Golf GTI seitdem in über 2,5 Millionen Exemplaren zum ultimativen Breitensportler gereift ist und zum König der Kreisstraßen wurde, haben die Niedersachsen die Rundstrecke nie aus den Augen verloren. Nicht umsonst ist der Golf bis heute Dauergast etwa beim 24-Stunden-Rennen.
Doch 2013 sind sie noch ein bisschen weiter gegangen in Wolfsburg und haben den Traum vom Tourenwagen beim jungen Golf VII mal richtig zu Ende geträumt. Was wäre, wenn? So lautete die Frage. Und der Design Vision GTI war die Antwort.
Design Vision GTI: Muskel unter Lack
Gefeiert auf dem GTI-Treffen am Wörthersee und danach über die Messen bis nach Los Angeles getingelt, ist das weiße Schaustück mittlerweile tief in den geheimen Garagen in Wolfsburg verschwunden. Doch weil der GTI in diesem Jahr 50 wird und VW ihm eine große Party ausrichtet, darf das Einzelstück noch einmal raus auf die Strecke und beweisen, dass Rasten nicht gleich Rosten heißen muss.

Breiter, schärfer, extremer – der Design Vision GTI tritt auf wie ein Muskel unter Lack.
Bild: Ingo Barenschee
Schon im Stand wirkt der in einem unschuldigen Weiß gehaltene Zweisitzer wie ein Muskel unter Lack. Kein Serienteil, keine vertraute Fläche. Die Karosserie ist breiter, schärfer, kantiger als der damals noch junge Golf VII. Die Kotflügel stehen unter Spannung, die filetierte C-Säule wirkt wie aus dem Block geschnitten, und die Felgen sind scharf wie Trennscheiben, die gleich die Sekunden aus der Strecke schälen wollen. Tornado-Linie, Schulterpartie, Frontgrafik – alles, was den GTI seit 50 Jahren ausmacht, findet man auch hier wieder – nur überdreht und überzeichnet. Und natürlich spannt sich eine rote Linie über den – na klar – wabenförmigen Grill.
3,0-Liter-V6 mit zwei Turbos und 503 PS
Innen herrscht Rennstrecke. Schalensitze, Hosenträgergurte, freiliegende Technik. Keine Rückbank, keine Ablagefächer. Stattdessen: zwei Helme. Der Design Vision GTI will nicht bequem sein. Er will wach machen. Und er kann liefern. Unter der Haube sitzt ein 3,0-Liter-V6 mit zwei Turbos. 503 PS. Bis zu 560 Newtonmeter. Zahlen, die einem Golf eigentlich nicht zustehen – aber hier eben doch.
Beim Starten meldet sich der Motor nicht höflich, sondern laut. Jeder Gasstoß ist ein Kommentar. Beim Anfahren sortiert der Allradantrieb – damals eine Verheißung im GTI, in der Rückschau aber ein Sonderweg, den VW nur einmal beschritten hat – die Kräfte, dann zieht der Golf los wie an der Leine. Der Schub kommt sofort, ohne Gedenksekunde. Unter vier Sekunden auf Tempo 100 – und man glaubt es ihm sofort.

Unter vier Sekunden auf 100 – der Allrad-GTI liefert Druck ohne Denkpause.
Bild: Ingo Barenschee
Der Vortrieb fühlt sich nicht hektisch an, sondern massiv. Als würde jemand die Straße unter dem Auto wegziehen. Und wenn sie den Asphalt nur schnell genug aufwickeln würden, wären hier und heute sicher immer noch die 300 km/h drin, die sie uns damals versprochen haben.
Das Fahrwerk ist hart, sehr hart
In schnellen Kurven zeigt sich, dass hier nicht nur Muskel, sondern auch Kontrolle am Werk ist. Der Allradantrieb zieht den Wagen sauber durch den Bogen, die Lenkung gibt klare Befehle weiter. Das Fahrwerk ist hart. Sehr hart. Jede Unebenheit kommt an. Aber der Aufbau bleibt ruhig, fast stoisch. Und damit das Tempo auch wieder eingefangen wird, gibt's Carbonbremsen aus dem Hochleistungsregal des Konzerns. Kurzer Pedalweg, fester Druckpunkt, sofortige Wirkung. Man braucht sie. Denn dieser Golf baut Geschwindigkeit schneller auf, als man die Zahlen im Cockpit erfassen kann.

Radikal auf Kurs: In schnellen Kurven zeigt der Vision GTI seine wahren Rennsport-Gene.
Bild: Ingo Barenschee
Rasant, rabiat, radikal – dieser Golf fährt nicht wie ein aufgedrehter Kompakter, sondern wie ein verkleideter Sportwagen. Kein Wunder, er hätte schließlich auch einen eigenen Markenpokal bekommen können.
Rückblickend war dieser GTI kein Vorbote, sondern ein Gegenentwurf. Während die Serie immer versuchte, Sport und Alltag zu verbinden, ging der Design Vision GTI bewusst auf Abstand. Allrad statt Frontantrieb. Sechs statt vier Zylinder. Maßanfertigung statt Baukasten. Er zeigte nicht, wie der nächste GTI aussehen würde – sondern, wie weit man das Prinzip dehnen kann, ohne den Namen zu verlieren.
Zu teuer, zu extrem, zu weit weg vom Alltag
Dass aus diesem Auto nie ein Serienmodell wurde, überrascht kaum. Zu teuer, zu extrem, zu weit weg vom Alltag. Aber genau deshalb passt er jetzt so gut zur großen Geburtstagsparty. Er erinnert daran, dass der GTI nicht nur Erfolgsmodell ist, sondern auch Spielwiese.
Während die aktuellen GTI-Modelle bis hin zur Edition 50 den klassischen Weg gehen – mehr Leistung, mehr Technik, mehr Präzision –, steht dieser Vision GTI für den Moment, in dem Volkswagen den Mut hatte, alles auf einmal zu wollen. Und genau deshalb funktioniert er heute noch: Zwar nur eine Fußnote in der GTI-Geschichte, aber eine mit Ausrufezeichen.
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