Lange nicht gesehen – und doch sofort wiedererkannt! Nach neun Jahren Pause meldet sich der Golf auf der Cabrio-Bühne zurück. Und wie das mit alten Freunden so ist: Irgendwie glaubt man, er sei gar nicht weg gewesen. Obwohl er sich durchaus verändert hat. Mit dem Henkel überm Passagierabteil verschwand die poppige Leichtigkeit seiner Jugend. Heute tritt das einstige "Erdbeerkörbchen" reif und ernsthaft auf. Der beschwingte Luftikus, in den TV-Arzt Dr. Udo Brinkmann alias Sascha Hehn Mitte der 80er lässig hineinhüpfte, ist Geschichte – und das nicht nur, weil der Bügel zum Festhalten fehlt. Dennoch: Vor die "Schwarzwaldklinik" würde auch das neue, nach guter Tradition im Osnabrücker Karmann-Werk gebaute Cabrio prima passen. Und – ganz ehrlich: Wir hätten nichts dagegen, wenn wir es auf Rezept bekämen; frische Luft und Sonne sind ja gesund.

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VW Golf VI Cabrio (2011)

Henkel adé

Das Kostenproblem der Krankenkassen würde sich dann freilich weiter zuspitzen, denn wer bei Ausstattung und Motor nicht bescheiden bleibt, treibt die 23.625 Euro Grundpreis rasch in die Nähe der 30.000er-Marke – was den Golf zum Gegner für feine Sonnenbänke wie BMW 1er Cabrio und Peugeot 308 CC macht. Stoffkapuze oder Stahlhelm? Geschmackssache. Für manchen sogar eine Frage der Weltanschauung. Wer die klassische Textilhaube für die einzig wahre Cabrio-Bedachung hält, wird bei Golf und 1er mit zwei besonders feinen Exemplaren verwöhnt. Akustik und Dämmung genügen hohen Ansprüchen, auch wenn im Open-Air-Golf nicht die Kirchenstille der Festdach-Variante herrscht. Laternenparker könnten sich vom Charme des Blechdachs locken lassen, das den Peugeot 308 CC in geschlossenem Zustand zum winterharten Coupé macht, wegen des großen Platzbedarfs seiner beweglichen Teile allerdings auch die Figur verhunzt. Was ebenfalls für den Franzosen spricht: Nur er bietet eine Ausstattung, die auch gefühlt der Preisklasse entspricht. Klimaautomatik, Tempomat, CD-Anlage, Einparkhilfe hinten – alles Serie.

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Golf fordert 1er und 308

Die Deutschen geben sich dagegen geizig. Beim Golf schlägt das Radio mit mindestens 485 Euro extra zu Buche. Und wer im BMW Erfrischung sucht, muss entweder den Fahrtwind reinlassen oder für 980 Euro eine Klimaanlage ordern. Nachteil beim 308 CC: Der Verdeckmechanismus funktioniert nur bis zwölf km/h. Wenn die Ampel beim Öffnen früher als erwartet Grün zeigt, müssen seine Besitzer mit bizarr verrenkten Dachsegmenten weiterfahren. Golf- und BMW-Eigner bekommen bis 30 beziehungsweise 40 km/h einen Platz an der Sonne – oder ein Dach überm Kopf. Auch in Sachen Raumangebot ist der Franzose eine Enttäuschung. Dank stattlicher Innenbreite und rekordverdächtiger Glasfläche (3,46 Quadratmeter) wirkt er zwar am luftigsten. Hinten ist der Peugeot aber ähnlich knapp geschnitten wie der 1er-BMW, bietet sogar noch weniger Platz über dem Scheitel, was seine Eignung als Viersitzer (zumindest für Erwachsene) stark schmälert. Auch im Golf geht es auf der Rückbank kuschelig zu; die Beinfreiheit erreicht jedoch fast das Niveau der geschlossenen Version.
Komfort ist eine Tugend französischer Automobile, und der Peugeot enttäuscht die Erwartungen in diesem Punkt nicht. Er federt feinfühlig, die verwindungssteife Karosserie rollt zitterfrei auch über schlechte Straßen. VW-Piloten haben ebenfalls wenig Grund zur Klage. Kurze Bodenwellen beschäftigen die Vorderachse aber spürbarer als beim Peugeot. Dem BMW ist anzumerken, dass er sich mit seiner trocken-straffen, dabei jedoch nicht unbarmherzig harten Abstimmung vor allem als Sportler versteht. Schade, dass sein Motor nicht so recht zu diesem Anspruch passt. Objektiv ist dem Zweiliter-Vierzylinder zwar nur wenig vorzuwerfen. Er beschleunigt gleichmäßig, bei eifriger Bedienung des kurz und präzise geführten Schalthebels auch nicht unflott. Auch verbraucht er wenig (Testwert 7,3 Liter). Dennoch schaufeln die Turbos der Rivalen Wasser auf die Mühlen derer, die dem Saugmotor das Totenglöcklein läuten.

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Peugeot 308 CC 155 THP
Nicht billig, dafür aber besser ausgestattet als die Konkurrenz: der Peugeot 308 CC.
Der Peugeot wirkt feuriger, sein leiser 1.6er stammt aus einer Entwicklungs-Kooperation mit BMW und wird auch im nächsten 1er zum Einsatz kommen. Der Kompressor-Turbo im VW zieht entschlossen und druckvoll durch, außer bei Dauer-Bleifuß ist er mit 7,1 Liter Testverbrauch überdies sehr sparsam. Dagegen wirkt der Münchner Vierzylinder lendenlahm und lustlos. Das stört nicht, solange man das 1er Cabrio nur zum Flanieren nutzt. Wer die Handling-Vorzüge des Hinterradantriebs auskosten möchte, sehnt sich indes nach Turbo-Dampf oder einem der vom Aussterben bedrohten Sechszylinder, die den 1er freilich weiter verteuern würden. Mit 29.650 Euro schießt der BMW schon jetzt den Vogel ab – trotz karger Ausstattung und Basismotor. Auch der Peugeot ist mit 28.950 Euro nicht billig, aber eine faire Offerte. Der Golf hält, obwohl zum ersten Test nur mit dem aufpreispflichtigen Doppelkupplungsgetriebe DSG verfügbar, ausreichend Respektabstand zu beiden. Mit 27.875 Euro stößt allerdings auch er in eine Preisregion vor, bei der es schwerfällt, noch von einem "Volks-Cabrio" zu sprechen.
Golf bleibt Golf – egal ob offen oder zu. Als Cabrio gewinnt der Bestseller an Glamour, verliert aber kaum an Allround-Talent. Damit wird er nicht nur der Konkurrenz das Leben schwerer machen, sondern auch den eigenen Konzernbrüdern. Den Audi A3 als optisch sehr ähnliche, aber nochmals teurere Alternative dürfte er in Bedrängnis bringen. Und auch für den frisch renovierten Eos müssen sich die VW-Verkäufer über das Stahlklappdach hinaus schlagkräftige neue Argumente ausdenken.