Eine gefühlte Ewigkeit lang hat Mercedes die Spannung hochgehalten. Nach dem ersten Auftritt des Concept AMG GT XX folgten Häppchen in wohldosierten Abständen: erste Innenraumeindrücke, getarnte Prototypen, kurze Mitfahrten.
Jetzt ist es so weit: Das neue Mercedes‑AMG GT 4‑Türer Coupé steht als Serienfahrzeug da und markiert für die Affalterbacher einen echten Wendepunkt – denn die Baureihe kommt erstmals rein elektrisch. Wer jetzt befürchtet, AMG verliere damit seinen Charakter, wird eines Besseren belehrt.

Anleihen vom Concept AMG GT XX

Schon auf den ersten Blick macht der viertürige GT klar, woher er kommt. Die lange, tief gezogene Motorhaube mit markanten Powerdomes, breit ausgestellte Kotflügel und das flache, gestreckte Greenhouse zitieren gekonnt den Concept AMG GT XX. Trotz der großen Batterie baut der neue GT rund vier Zentimeter flacher als sein Vorgänger. Effizienz und Aerodynamik spielten bei der Entwicklung eine Hauptrolle: Mit einem cw‑Wert von 0,22 gehört der AMG zu den windschnittigsten Fahrzeugen seiner Klasse.
Mercedes-AMG GT 4-Türer
An der Front bleibt sich AMG mit dem typischen Kühlerdesign treu – auf Wunsch illuminiert.
Bild: Mercedes Benz Group AG
Besonderes Augenmerk lag bei der Entwicklung auf der hoch technisierten Aero‑Feinarbeit. In der Front steuern aktive vertikale Lamellen – das sogenannte "Aerokinetics Airpanel" – den Kühlluftstrom, während bewegliche Elemente im Unterboden bei Bedarf zusätzlichen Anpressdruck erzeugen. Am Heck unterstützen ein ausfahrbarer Heckdiffusor und ein variabler Heckspoiler die Fahrperformance. Das Lichtdesign setzt Mercedes‑typische Akzente: sternförmige Tagfahrlichter vorn, sechs runde Rückleuchten mit Sterngrafik hinten, optional verbunden durch ein bogenförmiges, leuchtendes Band. Auch ein beleuchteter Grill mit illuminiertem Stern ist auf Wunsch verfügbar.
Mercedes-AMG GT 4-Türer
Am Heck übernimmt der neue GT die sechs Rückleuchten vom Concept AMG GT XX.
Bild: Mercedes Benz Group AG
Trotz seiner sportlichen Silhouette bleibt der GT erstaunlich praktisch. Bei 5,09 Meter Länge, 1,96 Meter Breite und 3,04 Meter Radstand bietet er viel Platz für vier, optional sogar fünf Insassen. Der Kofferraum fasst 507 Liter Gepäck, in den Frunk passen noch mal 62 Liter. Damit ist der Elektro-AMG durchaus alltagstauglich.
Mercedes-AMG GT 4-Türer
Trotz typischer Coupé-Dachlinie haben die Passagiere im Fond überraschend viel Platz.
Bild: Mercedes Benz Group AG

Der GT ist ein richtiges Fahrerauto

Im Innenraum bleibt AMG seiner sportlichen und hochwertigen Linie treu. Schwarze Oberflächen treffen auf Carbon‑Details, mattiertes Metall und feine Rautensteppungen in den Türen. Optional gibt es Performance‑Sitze mit integrierter Kopfstütze und Aluminium‑Inlay. Am Sportlenkrad sitzen die typischen AMG‑Satelliten, mit denen sich Fahrprogramme und Performance‑Parameter direkt anwählen lassen. Über den Köpfen von Fahrer und Passagieren reicht die Auswahl vom Sky‑Control‑Panoramadach mit Lichtinszenierung bis zum leichten Carbondach.
Das fahrerorientierte Display‑Layout wurde von der Studie übernommen. Es besteht aus einem 10,2 Zoll großen Kombiinstrument, einem 14‑Zoll‑Zentraldisplay und einem zusätzlichen 14‑Zoll‑Beifahrerbildschirm auf MB.OS-Basis. Im AMG‑Performance‑Menü lassen sich unter anderem Fahrwerk, Aerodynamik und Soundcharakter feinjustieren.
Mercedes-AMG GT 4-Türer
Über das AMG Performance Menü lässt sich unter anderem die Aerodynamik des Fahrzeugs steuern und überwachen.
Bild: Mercedes Benz Group AG
Trotz des reinen Elektroantriebs kommen auch die Emotionen nicht zu kurz. Im Fahrprogramm "AMGForce Sport+" simuliert der GT nicht nur den vom GT R inspirierten V8‑Sound, sondern auch manuelle Schaltvorgänge – gesteuert über die Lenkradwippen. Das Ergebnis wirkt erstaunlich authentisch und vermittelt echtes Verbrenner-Feeling. Zur richtigen Kommandozentrale wird das Fahrzeug durch die drei in der Mittelkonsole integrierten Drehregler, über die sich Ansprechkurven und Schlupfverhalten in unterschiedlichen Stufen einstellen lassen.
Mercedes-AMG GT 4-Türer
Per Drehregler auf der Mittelkonsole lassen sich Ansprech-, Kurven- und Schlupfverhalten individuell anpassen.
Bild: Mercedes Benz Group AG

Premiere der neuen Performance-Plattform

Technisch basiert der neue GT auf der AMG.EA‑Plattform, die die Affalterbacher erstmalig mit der Studie des GT XX vorgestellt hatten. Die 800‑Volt‑Batterie mit direkt gekühlten Rundzellen greift auf Motorsport‑Know‑how aus der Formel 1 zurück. Drei Axialflussmotoren übernehmen den Vortrieb: ein Boostermotor, der nur bei Bedarf dazugeschaltet wird vorne, zwei kompakte Einheiten an der Hinterachse.
Das Besondere an Axial-Fluss-Motoren ist, dass der elektromagnetische Fluss parallel zur Drehachse des Motors verläuft, im herkömmlichen Elektromotor bewegt er sich senkrecht zur Drehachse. Die Vorteile der AMG-Motoren sind eine höhere Leistungsfähigkeit, kompaktere Abmessungen und weniger Gewicht. Zudem bieten sie eine erhöhte Dauerleistung, die für die Performance entscheidend ist.

Über 1000 PS im GT 63 4Matic+

Zur Wahl stehen zwei Leistungsstufen. Der GT 55 4Matic+ bringt es auf bis zu 816 PS, der GT 63 4Matic+ entwickelt beeindruckende 1169 PS. Bei der Dauerleistung sind es 510 PS bzw. 721 PS. Mit optionalem Driver's Package rennen beide bis zu 300 km/h schnell und sprinten in unter drei Sekunden von null auf 100 km/h. Für die entsprechende Fahrdynamik sorgen ein aktives Fahrwerk mit Wankstabilisierung sowie eine serienmäßige Hinterachslenkung mit sechs Grad Lenkwinkel.

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Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé
Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé
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Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé

460 Kilometer in 10 Minuten

Auch beim Laden setzt der GT Maßstäbe. Der 106‑kWh‑Akku lässt sich mit bis zu 600 kW laden. Unter optimalen Bedingungen soll sich die Batterie in 11 Minuten von 10 auf 80 Prozent füllen lassen. Der GT 63 soll bis zu 696 Kilometer Reichweite schaffen, der GT 55 maximal 700 Kilometer.
Die Serienproduktion startet im Sommer 2026, sodass Ende des Jahres wohl die ersten Fahrzeuge auf unseren Straßen unterwegs sein dürften. Offizielle Preise nennt Mercedes-AMG noch nicht, doch günstig wird der Elektrosportler sicher nicht. Zur Einordnung hilft der Blick auf das Vorgängermodell: Der Mercedes‑AMG 63 S E Performance startete zuletzt bei rund 208.000 Euro. Angesichts der neuen High-Performance‑Plattform und der enormen Systemleistung dürfte sich auch der elektrische GT 4‑Türer mindestens in dieser Region bewegen – eher darüber.

Fazit

Typisches AMG‑Design trifft erstmals auf kompromisslose Elektro‑Performance. Auch wenn der neue AMG GT 4‑Türer nicht ganz an die extremen Leistungswerte der Studie heranreicht – mit seinen Zahlen muss er sich keineswegs verstecken. Die neue Plattform ist laut Mercedes sogar für deutlich mehr Leistung vorbereitet. Vor allem aber zeigt das Coupé, dass Elektroantrieb, Emotion und echter Fahrspaß kein Widerspruch sein müssen – im Gegenteil. AMG liefert hier ein starkes Statement für die elektrische Zukunft der Marke.