Fahrbericht Abt RS 6 Avant
Der Familienrennkombi

700 PS in einem Kombi – da steigt die Familie ein und fühlt sich wie kleine Schumis in Renn-Overalls. Dem Abt RS 6 Avant gelingt der Slalom zwischen Pommesbude und Piste, zwischen Alltag und "Ihr habt sie doch nicht alle!"
- Joachim Staat
Carlotta und Lukas grinsen, wie nur Kinder grinsen, wenn sie wissen: Gleich ist Bescherung. Feuchte Hände werden am Rennoverall abgewischt, ihre Blicke flitzen herum wie Mäuse im Käfig. Da – die Autobahn. Freie Fahrt. Der Abt RS 6 Avant schießt so schnell auf 180, wie man braucht, um diesen Satz zu lesen. "Jiipppieeeh", kräht es im Fond. Die beiden haben Weihnachten, Kirmes und Achterbahn auf einmal, nur Mama Bianca auf dem Beifahrersitz rollt mit den Augen. "Hast du sie noch alle?" Okay, okay, dieses Auto ist der Wahnsinn. Im doppelten Sinne. 700 PS stark, bis zu 340 km/h schnell – im Anzug des Biedermann-Kombis steckt ein gedopter Top- Sportler. Während andere um Zehntelliter knausern, jagt dieses Geschoss vom teuersten Super plus je nach Gasfuß zwischen 15 und 20 Liter durch.
Mit reichlich Understatement verbirgt der Abt seine brachiale Kraft
Hat der sie noch alle? Man muss schon ein verdammt großes Kind sein, um hier noch scheuklappenfrei Spiel und Spaß zu entdecken. Mit dem Abt erntet man keinen Umweltengel, sondern eher den Stinkefinger beim Elternabend. Ob man als Provinz-Schumi oder als der nette Papa von Carlotta durchgeht, liegt nur am Fahrer, oder besser: an dessen Gasfuß. Der Abt RS 6 kann – vor allem in Saubermann-Weiß – so unauffällig durch den Alltag schlüpfen, dass Understatement bis zur Selbstkasteiung ausartet. Sein Zehnzylinder schlendert im Standgas zur Eisdiele, das Sportfahrwerk – einmal auf Comfort gestellt – trägt die Familie wie auf einer kleinen Wolke. Der Kofferraum transportiert am Wochenende die neue Gartenbank. Carlotta und Lukas lümmeln hinten herum, und würde im Stop-and-go nicht die extra verbaute Keramikbremse so nervig quietschen – niemand würde herüberschauen zu dem Lastesel mit dem TDI-Image. Der RS 6 Avant verbindet perfekte Alltagstauglichkeit mit der Power eines Sportlers.
Im Innenraum zeigt der Abt RS 6 Avant Rennsport-Athmosphäre

Bild: Christian Bittmann
Der V10 startet mit einem rauen Grollen, aber das war's dann auch. Als wir im Tunnel die Fenster öffnen, um den Motorklang zu hören, sagt Lukas nur: "Hääh?" Kein V8-Gewitter, nur ein unspektakuläres Brausen. Tönende Langeweile als stiller Gegensatz zur unglaublichen Power, denn der Fünfliter mit den zwei Turbos zieht dir allein schon durchs Beschleunigen die Mundwinkel nach hinten. Lachen besorgt hier die Physik. Gemessene 4,4 Sekunden bis Tempo 100 liegen auf dem Niveau des Top-Ferrari 599 GTB. Wer jetzt nicht "Jippieh!" ruft, hat das Kind in sich vergessen. Schade... Der quattro-Antrieb, der 60 Prozent der Kraft zur Hinterachse schickt, bringt die PS still und effektiv auf den Boden, da blinkt kein Warnlicht und pfeift kein Reifen. Bis Tempo 250 joggt dieser Kraftprotz nur, auf der Autobahn sind alle Diesel nur Spielfreunde.
Genie und Wahnsinn liegen bei diesem Kombi sehr dicht beieinander

Bild: Christian Bittmann
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