Hintergrund: In den ersten fünf Rennen war der AMR22 eines Aston Martin nicht würdig. Nur sechs Punkte konnte das Team damit einfahren. Der bauchige grüne Rennwagen litt extrem unter dem Phänomen des Bouncing (Hüpfen auf den Geraden), weshalb die Techniker das Fahrzeug höher legen mussten. Dadurch wiederum funktionierte die Aerodynamik nicht mehr: zu wenig Abtrieb, zu viel Luftwiderstand.
Doch beim GP Spanien in Barcelona soll alles anders werden. In einem wahren Kraftakt hat das Team des britischen Sportwagenherstellers zwei runderneuerte Autos an den Circuit de Catalunya gebracht. Sowohl für Lawrence Stroll als auch für Sebastian Vettel. Schon auf den ersten Blick ist klar: Die B-Version des AMR22 hat eine Radikalkur hinter sich.
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Nichts ist mehr zu sehen von den extrem bauchigen und unterschnittenen Seitenkästen, über die viele Experten schon bei der Präsentation den Kopf geschüttelt haben. Ganz anders jetzt: Die neuen, zum Heck hin abfallende Version erinnern an Red Bull, Alpha Tauri und Alpine. Sie soll die Luft direkter zum unteren Heckflügelelement leiten und so den Abtrieb erhöhen, ohne zu viel Luftwiderstand zu produzieren. Dazu hat das Team mit Sitz in Silverstone seinem Rennwagen einen komplett neuen Unterboden spendiert, einen neuen Heckflügel, eine neue Motorhaube und sogar neue Flügelchen auf dem Cockpitbügel Halo.
Das Problem: Besonders vom Sieger-Red Bull hat sich Aston Martin allem Anschein nach inspirieren lassen. Wie beim RB18 ist eine kleine Stufe in der Karosserie zu erkennen. Auch die Kühlrippen haben dieselben Anordnung wie beim Verstappen-Mobil. Das bedeutet, dass die Techniker auch unter der Haut Hand angelegt haben und die Kühler anders platziert haben. Sie lagen vorher horizontal und sind jetzt angewinkelt eingebaut. Das wiederum spart Platz und gibt der Luftströmung mehr Raum.
Vettel bedankt sich auch bei den Technikern, die in diversen Nachtschichten auch sein Auto umgebaut haben.

Brisant: Selbst Kühleinlässe und Außenspiegel erinnern an den Red Bull. Im Fahrerlager wird deshalb längst gewitzelt, dass Aston Martin ja Erfahrung in der Anfertigung von Kopien habe – immerhin war der 2020er Racing Point ja auch ein Nachbau des Weltmeister-Mercedes von 2019.
Bei Red Bull schrillen deshalb die Alarmglocken. Motorsportberater Helmut Marko spricht bei Sky von der Suche nach Evidenzen, dass Daten heruntergeladen wurden. Der Verdacht liegt nahe, weil im vergangenen Jahr gleich mehrere Ingenieure die Fronten gewechselt haben, darunter Chef-Aerodynamiker Dan Fallows. Der Brite seit laut Marko für ein „unverhältnismäßiges Entgelt“ zu Aston Martin gewechselt. „Die Summen, mit denen hier operiert wird, sind nicht nachvollziehbar.“
Fest steht aber auch: Abschauen ist in der Formel 1 nicht verboten, solange keine Daten ausgetauscht oder Fotos in CAD-Designs umgewandelt werden. Die FIA hat mittlerweile bestätigt, dass die Weiterentwicklung des Vettel-Teams legal ist. Bei einer Untersuchung im Werk von Silverstone konnte Aston Martin nachweisen, dass die B-Version schon im November im Windkanal getestet wurde. Demnach fuhr das Team zweigleisig und hatte sich zunächst für die A-Version entschieden, die sich dann doch als Sackgasse entpuppte.
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Auto Bild erfuhr zudem: Aston Martin soll mittlerweile auch die neue Mercedes-Hinterachse richtig verstanden haben. Die Briten werden von Mercedes nicht nur mit den Motoren, sondern auch mit Getriebe und Hinterachse beliefert. Experten erwarten deshalb viel vom neuen AMR22. Sebastian Vettel selbst bremst die Euphorie: „Ich habe keine großen Erwartungen“, sagt der Heppenheimer. „Das Auto sieht komplett anders aus, aber wir erwarten keinen massiven, schnellen Sprung. Trotzdem glauben wir an das Konzept.“
Vettel bedankt sich explizit bei den Technikern, die in diversen Nachtschichten auch sein Auto umgebaut haben. Zunächst gab es Spekulationen, wonach man aufgrund der Probleme mit den Lieferketten nur ein Fahrzeug fertigstellen könne. Vettel: „Das war ein großer Push in der Fabrik. Ich bin sehr gespannt auf die Performance und das erste Gefühl im Auto.“
Sollte das gut sein, bekommt der AMR22 vom viermaligen Champion vielleicht doch noch einen Namen. Bislang blieb die Taufe aus. Aber im Red Bull hat sich der Deutsche ja schon von 2009 bis 2013 extrem wohl gefühlt…

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Von

Bianca Garloff