Herr Berger, McLaren-Teilhaber Mansour Ojjeh ist am Morgen des Rennens von Baku verstorben. Er war ein enger Vertrauter von Ihnen: Wie fühlen Sie sich gerade?
Gerhard Berger (61):
Nicht gut. Mansour war einer meiner wenigen guten Freunde. Ich kannte ihn seit fast 40 Jahren, seine Frau war unsere Trauzeugin, die Familien waren sehr eng. Wir haben außer Geschäften alles zusammen gemacht. Ich habe zwar das Ende kommen sehen, aber wenn man dann die Nachricht bekommt, fällt man in ein tiefes Loch und ist nur noch irrsinnig traurig. Er war eine Ausnahmeerscheinung. Hart und clever im Geschäft, trotzdem immer fair. Privat ein extrem lieber Mensch, immer nett, mit einer Superfamilie. Er hatte ein großes Herz, war endlos großzügig. Ich bin einfach nur extrem betroffen.
Die DTM startet am nächsten Wochenende (19./20. Juni) in Monza in die Saison.
Kommen wir zum Tagesgeschäft in der Königsklasse: Ihre DTM startet am nächsten Wochenende (19./20. Juni) in Monza in die Saison. Wie sehr verfolgen Sie neben Ihrem Hauptjob die Formel 1 noch?

Ich schaue mir jedes Rennen an und ich muss sagen: Endlich, endlich, endlich ist die Formel 1 wieder interessant! Die letzten Jahre hat sie mich nicht mehr gefesselt. Zuerst gab es die Seriensiege von Ferrari, jetzt schon seit sieben Jahren war Mercedes Standardsieger. Das ist nicht das, was man sehen will, nicht das, was die Fans sehen wollen. Man will Kämpfe sehen, bei denen man nicht weiß, wer gewinnt. Wenn ich mir alleine die Ergebnisse des Qualifyings in Baku anschaue: Da lagen fünf Autos unter den ersten Zehn innerhalb einer Zehntelsekunde. Dann weiß man: Jetzt ist es wieder spannend. Im Rennen blieben sie alle eng zusammen. Genau das will der Fan sehen. Wenn die Formel 1 so weitermacht, dass drei Teams gewinnen können und auch Ferrari wieder mitspielt, dann werden die Quoten wieder nach oben schnellen. Und das ist auch gut für die DTM und den übrigen Motorsport.
Warum?
Weil die Formel 1 als Spitze des Motorsports immer positiv abfärbt und einen allgemeinen Boost gibt.
Sie sind mit Ihrem Sieg beim GP von Mexiko 1986 der erste Pirelli-Sieger der Formel-1- Geschichte: Wie sehr trägt Pirelli in heutigen Zeiten mit den Reifenplatzern auch zum Unterhaltungswert der Königsklasse bei?
Wichtig ist, dass den Fahrern bei den Unfällen jenseits von 300 Stundenkilometern nichts passiert ist. Die Unberechenbarkeit – auch durch Unfälle – gehört aber dazu. Zu meiner Zeit war das unser täglich Brot. Uns sind Reifen um die Ohren geflogen, uns sind Bremsscheiben explodiert, Radaufhängungen kollabiert. Das machte die Rennen unberechenbarer und erhöhte die Spannung.
Max Verstappen nach seinem Reifenplatzer beim Aserbaidschan-GP.
Ob das Max Verstappen auch so sieht? Er hat aus Wut gegen seinen platten Pirelli-Reifen getreten...

...ach, nachdem Lewis später noch in die Sackgasse abgebogen ist, wird er es schon wieder locker gesehen haben. Sicher, Max hätte locker gewonnen und seinen Vorsprung ausgebaut. Doch am Ende war es Schadensbegrenzung für ihn und er weiß auch, dass er besonders in langsamen Kurven ein sehr schnelles Auto hat. Er hat alles andere als stumpfe Waffen in diesem Jahr und damit eine echte Chance, die WM zu gewinnen.
Geht er deshalb auch weniger Risiken ein?
Er ist trotz seiner Jugend schon sehr erfahren. Beim Start hat er sich für seine Verhältnisse extrem zurückgehalten, weil er wusste: In Baku kann er mit seinem Auto gut überholen. Er weiß, genau was zu tun ist. In Monaco beispielsweise kann der Start schon das Rennen entscheiden. Deshalb ging er dort wesentlich aggressiver zu Werke.
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Es gibt immer mehr Leute, die Max mit Ayrton Senna verglichen, Ihrem ehemaligen Teamkollegen bei McLaren-Honda. Zuletzt zog ein Honda-Ingenieur diesen Vergleich. Können Sie das nachvollziehen?
Es ist schwer mit Statistiken zu vergleichen, eher mit dem Bauchgefühl. Senna ist für mich immer noch etwas Besonderes, sticht immer noch heraus. Allein von seinem Charisma. Aber auch Lewis Hamilton macht einen unglaublichen Job, das sollte man nicht vergessen. Von seinen Erfolgen könnte man ihn schon auf eine Stufe mit Ayrton stellen. Allein, was Max betrifft: Die meisten Honda-Techniker waren damals noch nicht dabei. Wenn allerdings Tanabe-San, der immer noch bei Honda in hoher Position tätig ist, den Vergleich mit Ayrton gezogen hat, sollte man das ernst nehmen. Denn Tanabe- San war mein Renningenieur damals und kannte deshalb auch genau die Telemetriedaten von
Ayrton.
Wie ordnen Sie Michael Schumacher ein?
Er ist bis heute immer noch der Größte.
Michael Schumacher bei seinem Formel-1-Debüt 1991.
Wie langen brauchten Sie damals, um Michael Schumacher zu akzeptieren, als er als junger Fahrer Sie, Senna und die anderen Großen herausforderte?

Ich habe schnell verstanden, was da auf uns zukommt, aber man hat sich halt gewehrt. Er war von Tag eins an ein unangenehmer Gegner. Zwei Jahre hatten wir ihn unter Kontrolle, dann nicht mehr. Er war natürlich schon zu meiner Zeit super, als er aber richtig durchzustarten begann bei Ferrari, hatte ich meine Karriere schon beendet. Vom rohen Talent steht Max Verstappen wahrscheinlich über allen. Aber es geht nicht nur ums rohe Talent, sondern ums Gesamtpaket. Das heißt: Du musst nicht nur fähig sein, eine schnellste Runde zu fahren, sondern ein Rennen zu gewinnen. Und dann nicht nur ein Rennen, sondern mehrere und am Ende eine Meisterschaft. Und das hat Michael perfekt hingekriegt. Vor allem: Wie er Ferrari auf die Erfolgsspur zurückbrachte, fasziniert mich am meisten. Fragen Sie mal mich, Sebastian Vettel, Alain Prost oder Fernando Alonso: Wir haben das nicht hinbekommen, obwohl wir keine Nasenbohrer waren. Wir haben mit Ferrari Rennen gewonnen, aber der Durchbruch ist uns nicht gelungen. Das haben nur Niki Lauda und Michael Schumacher geschafft.
Ende 1995 haben Sie Michael Schumachers Benetton übernommen und haben bei den ersten Testfahrten festgestellt, wie schwierig das Auto aufgrund seines besonderen Fahrstils am Limit zu fahren war...
...das stimmt. Aber als ich noch jung war und auf dem Höhepunkt meines Speeds wäre mir das nicht aufgefallen. Dann wäre ich einfach eingestiegen, hätte Gas gegeben und hätte richtig Freude an dieser Bestie gehabt. 1995 war ich aber schon im Herbst meiner Karriere und konnte mich nicht mehr daran gewöhnen, wie der Benetton genau auf Michaels Bedürfnisse hin gebaut wurde. Trotzdem, noch mal: Zehn Jahre früher wäre das kein Problem für mich gewesen. Ähnlich sehe ich es bei Sebastian.
Wie meinen Sie das?
Er fordert ja auch immer öfter, dass ein Auto zu seinem Fahrstil passen muss. Das zeigt, dass er in Punkto Speed und Risikobereitschaft schon über seinem Zenit ist. Mit seinem Rucksack an Erfahrung kann er aber trotzdem noch drei oder vier gute Jahre haben. Ich weiß jedenfalls, wie es bei mir war: Ich hatte meinen fahrerischen Höhepunkt zwischen 27 und 30. Danach ging es langsam abwärts.
Sebastian Vettel feiert seinen zweiten Platz beim Aserbaidschan-GP.
Trotzdem: Vettel fuhr in Baku aufs Podium. Hat es jetzt Klick gemacht bei ihm?

Auch Monaco war schon gut. Sebastian hat schon immer Probleme gehabt, voll motiviert zu sein, wenn er im Mittelfeld herumfahren musste. Wenn er vorne fahren kann, leckt er Blut, macht keine Fehler mehr und bringt volle Leistung. Aber eins muss ich mal sagen: Er ist ein viermaliger Weltmeister, hat 120 Podiumsplatzierungen – er gehört zu den besten Fahrern aller Zeiten. Das vergisst man sehr schnell. Rein von der Leistungsfähigkeit her ist er meiner Meinung trotzdem nach über seinem Zenit. Aber wer weiß, vielleicht geht noch was in dieser Saison.
Kann Vettel mit seiner Erfahrung Aston Martin weiter nach vorne bringen?
Ja. Denn er findet ja mit der Unterstützung von Teambesitzer Lawrence Stroll und der Unterstützung von Mercedes-Teamchef Toto Wolff keine schlechten Bedingungen vor. Das Team ist jedenfalls gut genug, um wie in Baku aufs Podium zu fahren.
Wie kommt Lewis Hamilton mit dem Alter klar? Er ist mit 36 noch drei Jahre älter als Vettel?
Er ist da eine Ausnahme. Er ist extrem fit, wirkt immer noch extrem motiviert. Und ist immer noch unglaublich schnell.
Ist es für ihn schwerer, jetzt gegen einen Max Verstappen zu kämpfen, der in anderem Team fährt? Oder war es schwerer sich mit aufmüpfigen Teamkollegen wie einst Nico Rosberg auseinandersetzen zu müssen?
Für Lewis ist es viel einfacher, gegen Max zu fahren. Weil es dir immer ein wenig den Rücken frei hält, wenn dein Rivale in einem anderen Auto sitzt. Da geht es nur noch darum, ob du vor ihm ins Ziel kommst. Wenn nicht, hast du aber keinen Imageverlust. Weil der andere ja möglicherweise das bessere Auto hat. Wenn du aber im gleichen Team von einem Nico Rosberg geschlagen wirst, dann grenzt das eher an Beleidigung.
Hinweis
Formel 1 in der Übersicht bei SKY Q
Trotzdem scheint es so, dass sowohl Hamilton als auch Mercedes unter dem ungewohnten starken Druck von Red Bull und Verstappen plötzlich vermehrt Fehler machen.
Nein, unter diesem extremen Druck ist Lewis noch im grünen Bereich. In Baku wusste er, dass er beim letzten Start alles riskieren musste, um zu gewinnen. Es ging halt schief. Das kann aber passieren. Interessant ist aber in der Tat, dass Mercedes unter dem Druck von Red Bull ab und zu schwächelt. Dann kommt von der Seite auch noch Ferrari rein, oder McLaren, die mit Norris einen Super-Job machen. Sogar ein Gasly mit Alpha Tauri kann vorne reinfahren. Aber das ist genau die Spannung, die die Formel 1 und deren Fans braucht.
Wie wichtig sind die so genannten Nummer-Zwei-Piloten, Valtteri Bottas bei Mercedes und Sergio Perez bei Red Bull, beim Zweikampf zwischen Mercedes und Red Bull?
Sehr wichtig. Deshalb war der Sieg von Perez in Baku für Red Bull ein sehr gutes Ergebnis. Weil es Perez stärkt und sein Selbstbewusstsein aufgebaut wird. Auch vor Verstappens Ausfall war Perez schon eine große Hilfe für Max. Genau das braucht Red Bull. Warum Bottas nicht in die Gänge gekommen ist, weiß ich nicht. Aber er muss wieder seine Form finden. Denn eins ist klar: Der Kampf zwischen Hamilton und Verstappen wird sich zuspitzen und Perez und Bottas werden dabei eine wichtige Rolle spielen.
Wie bewerten Sie die Leistungen von Mick Schumacher in seiner ersten F1-Saison?
Mick macht alles richtig. Er liefert genau das ab, was man von ihm unter den Umständen erwarten kann: Er schlägt seinen Teamkollegen, fährt saubere Rennen, macht wenig Fehler. Man sieht auch schon, wie er Rennen lesen und analysieren kann. Er ist ein typischer Schumacher. Man sieht, dass er schnell lernt und dass er alles aufsaugt. Auch wenn Haas kein Spitzenteam ist, hat er schon nach wenigen Rennen klar gezeigt, dass er die Nummer eins bei Haas ist. Das ist schon ein Erfolg. Deshalb glaube ich an seine Zukunft. Dass er ein guter Formel-1-Fahrer wird, ist schon abzusehen. Wie weit es nach oben geht, wird man sehen. Die Fußstapfen seines Vaters, mit dem man ihm vergleichen will, sind riesengroß. Ich finde diesen Vergleich deshalb nicht ganz fair.

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Von

Ralf Bach