Timo Glock, Sie geben am nächsten Wochenende als Gaststarter Ihr DTM-Comeback in Imola. Wie kam es dazu?
Timo Glock: Das kam relativ spontan. Bei einem Test haben mein Teamchef Roberto Ravaglia und ich umhergeflachst, dass wir irgendwann zusammen noch mal ein DTM-Rennen bestreiten müssen. Imola ist dafür die perfekte Rennstrecke dafür und Gerhard Berger war sehr angetan. So haben wir das Paket mit BMW geschnürt.
 
Wie groß ist die Vorfreude?
Groß. Ich bin zwar erst ein halbes Jahr draußen aus der DTM; aber der M4 ist noch mal ein anderes Auto als der M6. Das Team hat allerdings noch nie wirklich mit Michelin-Reifen gearbeitet. Das wird also eine Riesen-Herausforderung. Gleichzeitig ist es eine tolle Geschichte, mit der DTM-Ikone Roberto Ravaglia zurückzukehren.
Timo Glock gibt bald sein DTM-Comeback.

 
Dabei waren Sie gefühlt nie weg. Ihr DTM-Rücktritt ging ein wenig unter. Warum?
Gute Frage. Das hat BMW entschieden. Natürlich ist die DTM kein Werkseinsatz mehr, entsprechend entscheiden die einzelnen Teams, welche Fahrer sie ins Auto setzen. Und da war mein Name nicht dabei. Ich wäre gerne noch mal angetreten in der DTM, aber jetzt bin ich eben in Italien für BMW Italien unterwegs.
 
Wie lief es bisher in der Italienischen GT-Meisterschaft?
Wir haben das erste Rennen direkt gewonnen, im zweiten sind wir Zweiter geworden. Anders als in der DTM gibt es für Siege in Italien aber kein Erfolgsgewicht, sondern Strafsekunden beim nächsten Rennen. Deshalb hatten wir in Misano zuletzt keine Siegchance.
 
BMW fährt 2023 mit einem LMDh-Auto in Le Mans. Inwiefern wäre das auch für Sie ein spannendes Projekt? Mit Aerodynamik-Rennwagen kennen Sie sich aus der Formel 1 ja aus…
Absolut, das würde mich sehr reizen. Das Auto ist superschön, großes Kompliment an BMW und. Dallara. Bis jetzt bin ich noch nicht eingebunden, wäre aber gern dabei. Denn wie gesagt: Ein bisschen Erfahrung mit solchen Autos habe ich…
BMW fährt 2023 mit einem LMDh-Auto in Le Mans.

 
Wie sehr hat der Mythos Le Mans sie auch früher schon fasziniert?
Ich habe eigentlich immer Sprintrennen geliebt. Ich bin aber auf den Geschmack gekommen, als ich mit Alex Zanardi und Bruno Spengler die 24 Stunden von Spa gefahren bin. Da habe ich realisiert, was es heißt, ein 24-Stunden-Rennen zu fahren und wie einen das auch als Team zusammenschweißt. Die 24h von Le Mans stehen deshalb definitiv auf meiner Liste.
 
Aber es gibt ja noch eine andere Sportart, die Sie jetzt sehr professionell betreiben: Tischtennis! Auf Sky fordern Sie die Formel-1-Stars heraus. Wie kamen Sie auf die Idee?
(lacht): Die Idee kam letztes Jahr von Sky. Wir haben uns gefragt, wie wir Interviews mal etwas lustiger gestalten könnten. Ich bin begeisterter Dart-Spieler, also haben wir damit angefangen. Für dieses Jahr mussten wir uns was Neues einfallen lassen und die Tischtennis-Idee kam von Ralf Schumacher. Aber ich muss feststellen: Tischtennis spielen und gleichzeitig Fragen stellen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das gilt aber auch für die Antworten der Fahrer. Da gibt es entweder Denkpausen oder Fehler (lacht).
 
Deshalb brauchen Sie ja auch das legendäre Stirnband…
… genau, das hole ich immer zum zweiten Satz raus und dann sind die Fahrer mental immer so geschockt, dass der zweite Satz bisher relativ klar ausgefallen ist. Für mich.
 
Wer war bisher Ihr härtester Gegner?
Ich bin ja noch ungeschlagen, aber Nico Hülkenberg war in Bahrain schon eine Hausnummer. Frederic Vasseur (Alfa-Teamchef; d. Red.) schaut jedes Mal vorbei, den müssen wir auch mal einbauen. Und wer richtig gut sein soll, ist Otmar Szafnauer von Alpine. Also vielleicht müssen wir auch mal den ein oder anderen Teamchef an die Platte holen.
 
Und wie reagieren die Fahrer?
Lando Norris haben wir in Barcelona gedreht, da war er nicht wirklich fit. Der hätte den Schläger am liebsten auf der Platte zerdeppert… (lacht).
Mick Schumacher erlebt eine schwere Saison.

 
In Monaco haben Sie Mick Schumacher die erste Niederlage des Wochenendes zugefügt. Danach ging es für ihn nicht so toll weiter.
Hmmm... Ich darf das ja gar nicht so laut sagen, aber alle Fahrer, die gegen mich verloren haben, haben nie einen guten Sonntag gehabt – mit Ausnahme von Nico Hülkenberg. Das hängt den Fahrern offenbar länger im Kopf drin.
 
Bleiben wir bei Mick Schumacher, dem Sie in den Nachwuchsklassen immer mal wieder auch unter die Arme gegriffen haben. Wie sehr schmerzt es Sie, wie gerade auf ihn eingedroschen wird?
Das ist natürlich keine leichte Situation für ihn. Aber so ist die Formel 1: Am Ende zählen die Ergebnisse. Ich habe damals bei dem ein oder anderen Rennen Zeit mit ihm verbracht und dann ist es natürlich nicht schön zu sehen, wie er kritisiert wird. Zumal ich weiß, wie es in den ersten zwei Jahren ist, als Neuling in der Formel 1. Da gibt es viele Themen, von denen man nie gedacht hätte, dass sie so eine Wirkung auf einen haben. Besonders, wenn nach einem guten ersten Jahr in der zweiten Saison ein schneller Teamkollege um die Ecke kommt und zeigt, wo es langgeht. Allein dieser Moment erhöht subjektiv den Druck. Im Anschluss vom Teamkollegen zu lernen und das Erlernte umzusetzen, geht einfach nicht von heute auf morgen. Wenn dann noch Fehler dazu kommen, steigt der Druck von außen und Journalisten kommen mit unangenehmen Fragen. Wenn man das nicht kennt, braucht man ein paar Rennen, um aus dem Loch wieder rauszukommen.
 
Aber dabei muss auch das Team helfen.
Genau. Ich finde es deshalb unfair, nur auf ihn draufzuhauen. Auch das Team hat den ein oder anderen Fehler gemacht. Wie in Barcelona: Da wurde das Getriebe gewechselt und meines Wissens zufolge die falsche Feder eingebaut. Da wird dann nicht groß drüber gesprochen. Klar, gewisse Fehler dürfen Mick nicht passieren, das weiß er als Rennfahrer aber schon selbst. Ich bin mir sicher, dass er das für sich analysiert und einen Ausweg findet.
 
Dazu kommt, dass er mit Günther Steiner nicht gerade den sensibelsten aller Teamchefs hat. Hatten Sie auch mal einen Boss, der Sie in der Öffentlichkeit ins Abseits gestellt hat?
Nein. Ich hatte das Glück, immer Teamchefs zu haben, die mir Kritik klar ins Gesicht gesagt haben, aber mich in der Öffentlichkeit nicht angezählt haben. Wobei auch ich Kritik immer intern gehalten habe – und das macht auch Mick so. Er ist da sehr fair dem Team gegenüber. Er könnte mit Sicherheit auch mehr Dinge verraten, die ihn in eine schlechte Position gerückt haben.
 
Wie bewerten Sie seinen puren Speed? Auch da fehlen ihm die entscheidenden Zehntel auf Kevin Magnussen.
Ich glaube, dass er den Speed durchaus hat. Die zwei, drei Zehntel, die manchmal fehlen, kommen, weil er denkt, er muss es jetzt mit der Brechstange versuchen. Wenn der Knoten mal geplatzt ist, er den Teamkollegen schlägt oder die ersten Punkte holt, wird es deutlich einfacher für ihn.
Bleibt Sebastian Vettel der Formel 1 erhalten?

 
Kommen wir zu Ihrem anderen Kumpel aus Hessen. Hat Sebastian Vettel nach einem vermasselten Saisonstart durch Corona und ein schlechtes Australien-Rennen die Kurve gekriegt?
Sagen wir mal so: Da kehrt jetzt langsam ein wenig Ruhe ein. Deshalb bin ich mir sicher, dass er auf dem richtigen Weg ist. Die Frage ist: Wie viel Performance hat Aston Martin noch in der Hinterhand, um einen weiteren Schritt nach vorne zu machen? Das ist mit der Budget-Obergrenze nicht so leicht. Aber ich glaube, man ist auf dem richtigen Weg.
 
Auch hinsichtlich einer Vertragsverlängerung mit Vettel?
Ich glaube schon, dass er weiterhin motiviert ist. Sonst würde er sich nicht so ins Zeug legen. Wenn er sieht, dass die Voraussetzungen da sind, ein gutes Paket zu haben, bin ich mir sicher, dass er weitermachen wird.
 
Sein Teamchef Mike Krack war auch Ihr Motorsportchef bei BMW. Kann er Aston Martin in die Erfolgsspur führen?
Ich habe mit ihm jetzt vor Ort mehrmals gesprochen. Er hat sich seinen Start im Team natürlich auch anders vorgestellt. Er musste erstmal diverse Feuer löschen und Baustellen beseitigen. Jetzt kommt langsam der Moment, wo er sich auf die Performance konzentrieren kann. Er muss die richtigen Leute in die richtigen Positionen rücken. Ich glaube, dass er das kann. Es braucht aber seine Zeit und wird ein langer Weg. Und man muss abwarten, inwieweit er vom Team die Möglichkeit bekommt, seine Visionen umzusetzen.
 
Welchen Eindruck macht Lewis Hamilton auf Sie? Der siebenmalige Weltmeister wirkt nicht ganz glücklich, dass er regelmäßig von seinem jungen Teamkollegen George Russell geschlagen wird.
Nein, das hört man im Boxenfunk auch an seiner Stimme, dass ihn gewisse Dinge da nicht gerade happy machen. Die Dinge laufen in diesem Jahr einfach nicht zusammen. Das ist dann wie eine Kettenreaktion. Und dann kommt eben sogar ein Lewis Hamilton ins Straucheln. Ich glaube auch, dass viel in seinem Kopf passiert, weil er so einer Situation noch nicht ausgesetzt war. Eigentlich hat er seine Teamkollegen so gut wie alle im Griff gehabt – aber George Russell ist ein anderes Kaliber. Bleibt abzuwarten, wie sich das Ganze entwickelt, wenn Mercedes vielleicht schon dieses Jahr wieder um Siege fährt, was ich ihnen zutraue.
Max Verstappen und Charles Leclerc liefern sich ein heißes Duell.

 
Die ersten Rennen hat Ferrari dominiert, doch zuletzt hielt der alte Schlendrian bei den Roten wieder Einzug. Ist der Druck, den ersten Titel seit 2007 einzufahren, zu groß?
Der Strategiefehler aus Monaco zeigt definitiv die Nervosität. Und wir wissen ja: Die italienische Presse kann brutal sein. Der Druck ist nirgendwo höher als in Italien. Das kann in entscheidenden Phasen ein Vorteil für Red Bull sein, die abgeklärter agieren. Auf der anderen Seite ist die Saison lang und auch Red Bull hat schon Fehler gemacht. Worauf sie jetzt aufpassen müssen: Dass sie sich durch ihre aktuelle Situation nicht selbst noch mehr unter Druck setzen und in einen Abwärtsstrudel geraten. Aber am Ende haben sie die Performance und mit Charles Leclerc einen herausragenden Fahrer. Monaco sollten sie jetzt schnell vergessen.
 
Das Teamduell bei Ferrari sieht Charles Leclerc klar im Vorteil. Bei Red Bull dagegen schickt sich Sergio Perez an, Max Verstappen das Leben schwer zu machen…
Übers Jahr hinweg ist Max aber in meinen Augen zu konstant und einen Tick besser. Nur wegen Monaco wird es nicht so sein, dass Sergio Perez einem Verstappen um die Ohren fährt. Fakt ist aber eins: Der Sieg gibt Perez Selbstvertrauen. Red Bull ist in der angenehmen Position, dass man zwei Fahrer hat, mit denen man vorne reinfahren kann. Und wenn es mal zu der Situation kommt, dass sie sich gegenseitig Punkte wegnehmen, wird Red Bull schon einen Weg finden, das auszusortieren…

Von

Bianca Garloff