Bekommt die Formel 1 ihren Ami oder nicht? Das Gezerre um IndyCar-Star Colton Herta geht in die nächste Runde: Dem 22-Jährigen fehlen nach aktuellem Stand acht Punkte, um sich für die in der Königsklasse nötige Superlizenz zu qualifizieren. Die FIA hatte zuletzt bereits klargestellt keine Ausnahme machen zu wollen - doch laut Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko, der Herta zu AlphaTauri lotsen möchte, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.
"Das Thema ist ein bisschen komplex, aber es gibt eine Extraregel wegen Corona und auch die sogenannte Force Majeure (Höhere Gewalt; d. Red.)", erklärt Marko. "Es geht nur um ein Rennen, wo nicht die nötige Starteranzahl am Start war und er deshalb nicht die vollen Punkte bekommen hat", verrät der Österreicher in Bezug auf Herta und fügt an: "Wir sind der Ansicht: Das liegt nicht in der Gewalt des Fahrers und dass man es deshalb eigentlich im Sinne des Sports entscheiden müsste."
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Auch wehrt sich Marko gegen die unter anderem von Ferrari-Teamchef Mattia Binotto geäußerten Vorwürfe, Red Bull versuche für seinen Kandidaten eine spezielle Bevorzugung zu erlangen: "Es handelt sich dabei nicht um das Verdrehen oder Spezialeinführen einer neuen Regel, wie es einige Konkurrenten behaupten. Aber es geht halt um einen Platz und da kämpft natürlich jeder", so Marko.
Die brisanteste Information lässt der Red-Bull-Boss am Sonntag in Monza aber in einem Nebensatz fallen: "Uns wurde zugesichert, dass Colton in Ungarn mit Alpine noch einen F1-Test absolvieren wird. Danach sollten wir dann eine Entscheidung haben."

Fahrermarkt: Tauziehen um Gasly und Herta

Eine kuriose Situation: Gegenseitige Gefallen sind im Haifischbecken der Formel 1 eher selten, dass ein Konkurrent dem anderen aushilft sowieso. Was auf den ersten Blick wie ein höchst ungewöhnlicher Vorgang klingt, ergibt auf den zweiten aber durchaus Sinn: Denn Alpine ist dabei alles andere als uneigennützig.
Die Franzosen wollen Pierre Gasly von AlphaTauri loseisen. Ihren Landsmann bekommen sie aber nur gegen eine hohe Ablöse und wenn Red Bulls B-Team im Gegenzug den passenden Ersatz-Kandidaten verpflichten kann: Als diesen haben beim Brausehersteller vor allem die thailändischen Mehranteilseigner Herta auserkoren, der neben seinem fahrerischen Talent auf dem wichtigen US-Markt wortwörtlich als Dosenöffner fungieren soll.
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Hinzu kommt: Bei den Testtagen in einem 2021er Auto in Budapest, die noch vor dem Singapur GP stattfinden sollen, handelt es sich offensichtlich um jenes Testprogramm, das Alpine eigentlich für Oscar Piastri geplant hatte. Der Junior der Franzosen wurde im Sommer jedoch bekanntlich untreu und wechselte mit viel medialem Trara und gegenseitigen Schuldzuweisungen zu McLaren.
Pikant: Ausgerechnet beim Team aus Woking absolvierte Herta im Juli selbst seinen ersten F1-Test in Portimao, stand ebenso auf der Shortlist für das Renncockpit neben Lando Norris, das schließlich Piastri bekam. Weil der Australier durch seinen Abgang aber bei Alpine in Ungnade fiel, profitiert Herta nun an anderer Stelle wieder davon.

Villeneuve warnt: Bloß nicht Ocon und Gasly

Alpine hingegen versucht mit dem Herta-Gasly-Deal den Schaden zu minimieren, den die eigenen Versäumnisse auf dem Fahrermarkt in diesem Jahr anrichteten. Zur Erinnerung: Doppelweltmeister Fernando Alonso fühlte sich hingehalten und verließ das Team überraschend in Richtung Aston Martin, danach wurde Alpine auch von Piastris Unterschrift bei McLaren eiskalt erwischt.
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Mit einer Gasly-Verpflichtung erhofft sich Alpine-Boss Laurent Rossi wohl zumindest die Renault-Verantwortlichen und die französische Öffentlichkeit zu beschwichtigen: Zwei Grand-Prix-Sieger aus der 'Grande Nation' in den eigenen Reihen, das würde den Sportwagenhersteller aus Dieppe endgültig zur französischen Nationalmannschaft der Formel 1 machen.
Einen Haken hat die Sache aber: Ocon und Gasly stammen aus der gleichen Region, sind im selben Alter und schon seit Karttagen erbitterte Lieblingsrivalen: "Die beiden können sich nicht ausstehen. Bringt sie bloß nicht zusammen!", urteilt deshalb Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve. Der Frankokanadier hält von Alpines Idee überhaupt nichts: "Es ergibt keinen Sinn. Zumal Gasly unter Vertrag steht und du Berge versetzen musst, um ihn zu kriegen."
Letzteres scheint Alpine nach dem Fahrer-Fiasko des Sommers aber völlig egal zu sein. Das beweist nicht zuletzt der Test für Hertra und Konkurrent AlphaTauri.

Von

Frederik Hackbarth