Sebastian Vettel (34) fährt seit 2021 bei Aston Martin nicht nur grün, er denkt, lebt und agiert auch so. Oder besser gesagt: Er kämpft radikaler und konsequenter für Klimaschutz, Gleichberechtigung, Demokratie und Toleranz, als Vorreiter Lewis Hamilton (36) das je getan hat.
Keine Frage: Hamiltons Engagement war wegweisend, das T-Shirt mit dem Aufruf zu mehr Gerechtigkeit im Fall Breonna Taylor in Mugello bahnbrechend. Doch der Mercedes-Star konzentriert sich bei seinem Kampf für mehr Gleichberechtigung zunehmend auf die Unterstützung schwarzer Minderheiten. Seine Stiftung „Ignite“ soll benachteiligten Jugendlichen in Großbritannien den Weg in den Motorsport öffnen. Logisch: Als kleiner Junge hat er am eigenen Leib erfahren, wie ihn seine karibische Herkunft in England eingebremst hat.
Hinweis
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Vettel hat als mitteleuropäischer Blondschopf von Diskriminierung zwar gehört, sie aber nie selbst gespürt. Umso höher ist es einzuschätzen, dass er sich in der Formel 1 gerade so richtig unbeliebt macht. In der Türkei 2020 demonstrierte er mit dem Regenbogenhelm gegen die Politik von Recep Tayyip Erdogan. In Bahrain 2021 nervte er die Macher von Liberty Media solange, bis der Jumbojet des Hauptsponsors mit Biosprit statt Kerosin über die Strecke flog. Und: Mit immer neuen T-Shirts macht er während der Zeremonie für „We Race as one“ auf verschiedene Probleme der modernen Gesellschaft aufmerksam: Klimawandel, Wissenschaftsleugnung oder Diskriminierung.
„Es gibt viele große Themen, denen man sich als Weltbürger nicht entziehen kann“, sagt er zu F1-Insider. „Denn wir sind ja alle davon betroffen. Nach all den Erfahrungen und Fehlern der Vergangenheit darf es heute eigentlich keine Ausreden mehr dafür geben, weiter an Ausgrenzung festzuhalten. Wir wissen, wie man es besser machen kann, und jeder kann im Kleinen oder Größeren dazu beitragen. Veränderung fängt im Kopf an!“
Der Hesse weiß dabei auch: „Als Person in der Öffentlichkeit hat man die Möglichkeit, Signale zu senden, und das nicht nur einmal.“
Sebastian Vettel unterstützt in Ungarn die LGTB-Bewegung.
Allein: In der Öffentlichkeit waren seine T-Shirts mit wechselnden Botschaften bisher kaum bekannt. Denn während der „We race as one“-Zeremonie vorm Start sendet die Königsklasse stets ein vorgefertigtes Video. Das Livebild der Fahrer wird nur im Anschluss kurz gezeigt – die von Vettel gewünschte Wirkung verpufft.
In Ungarn startete der Heppenheimer seine Aktion zur Unterstützung der homosexuellen Minderheit gegen ein Gesetz der Regierung zur Diskriminierung der LGTB-Bewegung deshalb schon am Donnerstag. Seine Regenbogen-Schuhe waren Gesprächsthema Nummer eins im Fahrerlager. Ab Freitag setzte er mit einem Regenbogen-Helm noch einen drauf. Sein Signal: Ich fahre mit der Formel 1 zwar in Ungarn, aber die Politik der Regierung gegen Minderheiten akzeptiere ich noch lange nicht.
Für die Formel 1 wird er damit zunehmend anstrengend. Denn die Königsklasse wagt einen gefährlichen Spagat. Sie propagiert mit ihrer Kampagne für mehr Gleichberechtigung richtigerweise einen modernen, freiheitlichen und nachhaltigen Wertekosmos, rast aber gleichzeitig in Ländern, die es mit demokratischen Grundrechten nicht ganz so ernst nehmen.
Der GP Ungarn offenbarte das Dilemma. Denn als die ungarische Justizministerin den Hessen wegen seiner Regenbogenschuhe „Fake News“ unterstellte, wurde dem Aston Martin-Star nahegelegt, seinen Aktionismus ein wenig zu zügeln. Wer Vettel kennt, weiß: Das bringt den Vulkan nur noch mehr zum Brodeln. Entsprechend trug er sein Regenbogenshirt auch während der Nationalhymne – obwohl das laut FIA-Statuten verboten ist, und mehr noch: Obwohl die Formel-1-Bosse ihn aktiv aufforderten, das Shirt auszuziehen.
Sebastian Vettel
Vettel blieb stur – und kassierte dafür von den Rennkommissaren eine Verwarnung. Zum Hintergrund: Bei drei sogenannten „Reprimands“ wird der Pilot gesperrt. Das zeigt, wie ernst die Formel 1 das Thema nimmt.
Doch der Deutsche lässt sich nicht einschüchtern, legt den Finger verbal in die Wunde: „Wir alle schauen vor dem Rennen auf die schönen Slogans auf dem Teppich („We race as one“, d. Red.), und doch scheint es für einige Leute ein Problem zu sein. In mancher Hinsicht ist das eine traurige Welt, aber wenn es hilft, die Menschen zu unterstützen, die in Ländern leiden, die Teil der EU sind, bin ich froh, meine Unterstützung zum Ausdruck zu bringen.“
Hinweis
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Fest steht: Der Heppenheimer wird immer mehr zum Revoluzzer. Im positiven Sinne. Eine Leistung, die größer und wichtiger ist, als seine vier WM-Titel. Für Spannung neben der Strecke sorgt er damit auch, denn die Rennen in der Türkei oder Saudi Arabien kommen ja erst noch.
Dort wird der Aston Martin-Star wieder in den Mittelpunkt rücken und mit ihm zwei Fragen: Wie lange bleiben Rechteinhaber Liberty und Automobilweltverband FIA ruhig, wenn der aufständische Hesse ihnen wieder den Spiegel vorhält? Und: Wie lange kann Vettels Gewissen noch damit leben, als Protagonist in einer auf Gewinnmaximierung ausgelegten Rennserie auch der dunklen Seite der Macht zu dienen?

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Von

Bianca Garloff