Wenn die Formel E am kommenden Wochenende in Berlin-Tempelhof (Sa/So um 14 und 15.30 Uhr in Sat.1) den ersten Weltmeister ihrer Geschichte kürt, wird es gleichzeitig das große Finale für zwei deutsche Premiumhersteller: Audi und BMW ziehen gemeinsam den Stecker und erklären ihre Forschungsfahrten für die neue Ära der Elektromobilität für beendet. 
Die Erkenntnisse aus den hocheffizienten und superleichten E-Antrieben, die in der Formel E zum Einsatz kommen, haben den Sprung in die neueste Generation der Elektroautos längst geschafft. „Heute ist Elektromobilität bei uns nicht mehr Zukunftsmusik, sondern Gegenwart“, sagt Audi-Vorstand Markus Duesmann. Bei BMW formuliert BMW-M-Chef Markus Flasch das krasser: „Es gibt Serien auf der Welt, die elektrisch sind und in denen jeder fährt, die die Fans aber nie wirklich erreicht haben. Daraus haben wir gelernt: Wir rennen nicht wie Lemminge einer Idee hinterher.“
Allein: Formel-E-Mitbegründer und FIA-Präsident Jean Todt (75) ringt diese Aussage nur ein müdes Lächeln ab. „Ich akzeptiere persönliche Meinungen, stimme mit seiner aber nicht überein“, sagt er zu Auto Bild. „Ausstiege gab es in der Geschichte des Rennsports schon immer. Hersteller kommen und gehen. Nicht nur in der Formel E. Motorsport ist wie ein Restaurant. Die Kunden wechseln. Unsere Aufgabe ist es sicherzustellen, dass sie gutes Essen bekommen, wenn sie eintreten.“
Die Formel E verabschiedet beim WM-Finale in Berlin gleich zwei deutsche Hersteller.
Tatsächlich ist die Geschichte der Formel E noch nicht zu Ende erzählt. Bei Sat.1 erreicht die Elektro-Formel seit 2021 durchschnittlich rund 450 000 Zuschauer. Die Antriebe der dritten Generation (2022/23) leisten 475 statt 340 PS, die Batterien sollen via Induktion superschnell geladen werden. Frei in der Entwicklung sind sie aber nicht. Ein Nachteil zum Beispiel gegenüber der neuen Serie FIA Electric GT (ab 2023).
Todt und Formel-E-Macher Alejandro Agag wissen auch deshalb: Es herrscht Handlungsbedarf. „Wir müssen die Kosten limitieren“, konstatiert der Franzose. „Bei den Teams haben wir 13 bis 15 Millionen Euro ins Auge gefasst, für Hersteller zwischen 20 und 25 Millionen.“ Genauso wichtig: mehr Sport, weniger Lotterie. Selbst Todt gibt zu: „Ich bin gegen eine Dominanz, aber manchmal ist die Formel E einfach zu verwirrend.“
In Berlin haben deshalb noch zwölf Fahrer realistische Titelchancen. Tabellenführer ist Mercedes-Pilot Nyck de Vries (NL). Die beiden Deutschen René Rast (Audi) und Pascal Wehrlein (Porsche) liegen auf den Rängen zehn und elf. „Dass wir am letzten Rennwochenende der Saison noch auf Schlagdistanz zur Spitze liegen, ist an sich schon ein Erfolg“, sagt Wehrlein. „Doch jetzt wollen wir mehr. Wir sind sicherlich nicht die Favoriten im Kampf um den Titel, doch mit zwei starken Rennen ist noch sehr viel möglich.“
Insgesamt sind noch 60 Punkte zu holen, Wehrlein liegt 24 Zähler zurück, sein Audi-Kollege Rast 23. Damit ist Rast auf WM-Rang zehn der letzte Pilot, der aus eigener Kraft Weltmeister werden kann. Das kann auch BMW-Pilot Jake Dennis. Der Brite geht als Vierter der Gesamtwertung in die letzten beiden Rennen und hat lediglich 14 Zähler Rückstand. In der Teamwertung liegt BMW als Fünfter 22 Punkte hinter Platz eins. Sein Teamkollege Maximilian Günther hat mit 33 Punkten Abstand auf die Spitze auf Rang 15 keine realistische WM-Chance mehr.

Fahrerwertung

1.Nyck de Vries, 95 Punkte
2. Robin Frijns, 89
3. Sam Bird, 81
4. Jake Dennis, 81
5. Antonio Felix da Costa, 80
6. Alex Lynn, 78
7. Nick Cassidy, 76
8. Mitch Evans, 75
9. Edoardo Mortara, 74
10. René Rast, 72

Teamwertung

1. Envision Virgin Racing, 165 Punkte
2. Mercedes-EQ Formula E Team 158
3. Jaguar Racing, 156
4. DS Techeetah, 148
5. BMW i Andretti Motorsport, 143
6. Audi Sport Abt Schaeffler, 134
7. Mahindra Racing, 122
8. TAG Heuer Porsche 116
9. ROKiT Venturi Racing, 91
10. Nissan e.DAMS, 79

Von

Bianca Garloff