Zum achten Mal seit 2015 rast die Formel E in diesem Jahr über den Flughafen in Berlin-Tempelhof. Mehr denn je muss sich die Elektro-Rennserie dabei dem Vergleich mit der Formel 1 stellen. Die Königsklasse boomt mittlerweile sogar in den USA, fuhr zuletzt in Miami ebenfalls durch die Stadt. Bleibt da langfristig überhaupt noch Platz für die Formel E?
„Wir habe FIA WM Status – das bedeutet etwas im Motorsport“, räumt Serienchef Jamie Reigle im Gespräch mit AUTO BILD ein. „Wir müssen uns von der Formel 1 unterscheiden. Das tun wir mit unseren Elektroantrieben und den Rennen in Städten.“
Dass die Formel 1 ebenfalls das Thema Nachhaltigkeit für sich entdeckt hat, sieht der Kanadier nicht als Problem. Reigle: „Vor vier, fünf Jahren war das Narrativ der F1, dass sie stirbt und nicht nachhaltig ist. Sie haben darauf reagiert, das ist großartig. Sie haben Nachhaltigkeit entdeckt, bringen eFuels. Das ist grundsätzlich eine gute Sache. Wenn Sie mich aber fragen, ob das die Lösungen für unsere Klima-Herausforderungen sind? Nein. Ist es besser, als nichts zu tun? Absolut.“
Formel-E-Chef Jamie Reigle sieht in der Formel 1 keine Konkurrenz.

Trotzdem könne sich die Formel E bei der Formel 1 viel abschauen. „Die Formel 1 hat ein Momentum, weil der Sport gut ist“, erklärt Reigle. „Deshalb arbeiten auch wir an einem starken und glaubwürdigen Sport.“ Die Änderung des Qualifyingformats, das bis 2021 die besten Fahrer benachteiligt hat, war ein erster Schritt.
Grundsätzlich will der Nachfolger von Seriengründer Alejandro Agag in der Königsklasse aber keine Konkurrenz sehen. „Wir sind nicht im Wettbewerb mit der Formel 1“, sagt er. „So wie Fußballfans verschiedene Ligen verfolgen, interessieren sich auch Rennfans nie nur für eine Sportart. Wenn wir gutes Racing bieten, schalten sie auch bei der Formel E ein. Wir müssen also guten Sport und Helden kreieren.“
Macht es dem Formel-E-Macher noch nicht mal Sorgen, dass die deutschen Hersteller in die Formel 1 abwandern? Audi ist bereits aus der Elektroformel ausgestiegen. Gemeinsam mit Konzernschwester Porsche will man ab 2026 die Formel 1 aufmischen.
Reigle sieht das gelassen: „Die Formel E ist mit Nissan, Porsche, Jaguar, Maserati oder unabhängigen Teams wie Abt, Andretti, Penske gut aufgestellt. Wenn Porsche die Formel 1 einsteigt, glaube ich nicht, dass sie das tun, weil sie glauben: Hybrid ist die Zukunft. Porsche sagt klar, dass 80 Prozent der Autos, die sie 2030 verkaufen, elektrisch sein werden. Hersteller mögen die Formel E wegen des Sports oder eben nicht, also müssen wir uns auf uns selbst konzentrieren. Es gibt genug Raum für verschiedene Sportarten.“

Von

Bianca Garloff