Alles war am Samstag angerichtet für die Krönung von Stoffel Vandoorne zum Formel-E-Weltmeister 2022. Doch nach einem turbulenten ersten Finalrennen in Seoul muss der Mercedes-Pilot noch einmal zittern: Denn ausgerechnet Hauptkonkurrent Mitch Evans gewinnt am Samstag in Südkorea und verkürzt damit seinen Rückstand in der Meisterschaft.
Der Schlüssel zu Evans' Triumph ist bereits der Start: Von Platz drei aus schiebt sich der Jaguar-Pilot in den ersten beiden Kurven an die Spitze. "Ich bin gut weggekommen, habe mir Oli (Rowland; d. Red.) in Kurve eins geschnappt und dann Lucas (di Grassi; d. Red.) in Turn zwei. Es war eng, aber er hat genug Platz gelassen", strahlt Evans nach seinem Mega-Start.
De Vries eingeklemmt: Der Mercedes rutscht unter Di Grassis Nissan

Der direkte Konter der Konkurrenz bleibt aus, denn schon am Ende von Runde eins knallt es im Hinterfeld gewaltig: Wie schon am vorletzten Rennwochenende in New York kommt es auf der zunächst regennassen Fahrbahn erneut zum Massencrash. Das Resultat: Nicht weniger als acht Autos stecken in der Bande, sechs davon können nicht weiterfahren.
Erschreckend: Vorjahresmeister Nyck de Vries rauscht mit seinem Mercedes Sébastien Buemi ins Heck und schiebt sich dabei komplett unter den Nissan. Der Niederländer muss anschließend eine Viertelstunde im Cockpit ausharren, bis Buemis aufgebocktes Auto geborgen ist und er aussteigen kann. Dank des Cockpitbügels Halo bleibt de Vries aber unverletzt.
Mit Porsche-Pilot André Lotterer gehört auch ein Deutscher zu den Opfern der Massenkarambolage, für ihn ist bereits nach einer Runde Feierabend. "Ich bin auf die Bremse, aber es war wie auf Eis, da war nichts mehr zu machen", erklärt Lotterer nach seinem Aus. Als Grund für den Massencrash vermutet der Deutsche auch die vielen Straßenmarkierungen an der Unfallstelle in Kurve 22, die bei Regen besonders rutschig werden.
Auch Lotterer ist einer von sechs Ausfällen durch den Massencrash

Porsche-Teamkollege Pascal Wehrlein kommt zwar ins Ziel und als Siebter auch in die Punkte, muss sich aber trotzdem ärgern: Nach starkem Qualifying und Startplatz vier, verhagelt ihm ein schlechter Start ein besseres Ergebnis. Frust auch bei Nissan-Pilot Maxi Günther: Als Elfter verpasst der dritte Deutsche im Feld die Punkte denkbar knapp.
Ebenfalls leer aus geht am Samstag Edoardo Mortara: Erst bekommt der Venturi-Pilot nach Berührung mit Jean-Eric Vergne im Kampf um Rang fünf eine Zeitstrafe aufgebrummt, dann scheidet der ehemalige DTM-Fahrer nach Reifenschaden in der Schlussphase ganz aus und ist damit auch raus aus dem Titelrennen.
Das Finale am Sonntag (live auf ProSieben, Rennstart 9.00 Uhr deutscher Zeit) ist jetzt nur noch ein Zweikampf, mit klar besseren Chancen für den Führenden Vandoorne: Der Belgier rast am Samstag immerhin noch auf den fünften Platz, Evans geht trotz des Tagessieges mit 21 Punkten Rückstand in den finalen Saisonlauf. Am Sonntag muss er erneut gewinnen, Vandoorne indes reicht ein siebter Platz zu seinem ersten Titel in der Formel E.
Auch in der Teammeisterschaft steht Mercedes kurz vor der Krönung: Mit 31 Punkten Vorsprung auf Venturi werden sich die Silberpfeile den Titel im letzten Rennen vor ihrem Serienausstieg nicht mehr nehmen lassen.

Ergebnis: Formel E in Seoul, 15. von 16 Saisonläufen

1. Mitch Evans (Jaguar) 30 Runden
2. Oliver Rowland (Mahindra) +0,820
3. Lucas di Grassi (Venturi) +1,393
4. Jake Dennis (Andretti) +1,902
5. Stoffel Vandoorne (Mercedes) +2,470
6. Jean-Eric Vergne (DS Techeetah) +3,957
7. Pascal Wehrlein (Porsche) +4,149
8. Robin Frijns (Envision) +4,508
9. Antonio Felix da Costa (DS Techeetah) +4,970
10. Nick Cassidy (Envision) +5,325

Von

Frederik Hackbarth