Billiger Gebrauchter im Wohnmobil-Test

Gebrauchtes Alkoven-Wohnmobil im Test

Ein Wohnmobil für 11.500 Euro? Vorsicht, Schnäppchen-Falle!

Ein gebrauchtes Alkoven-Wohnmobil mit TÜV für nur 11.500 Euro – das klingt verlockend. Doch welche Risiken birgt ein Kaufvorhaben in der Billigheimer-Preisliga?
Die Annonce klingt verlockend: Ein Wohnmobil mit vier Schlafplätzen und neun Monaten Rest-TÜV für – 11.500 Euro. Der 20 Jahre alte Alkoven auf Fiat-Ducato-Basis könnte angesichts momentan leer gefegter Händlerplätze ein Fall für Schnäppchenjäger sein. Der private Verkäufer gibt an, kräftig investiert zu haben.
So sollen kürzlich der Zahnriemen und die Bremsen erneuert, zwei Scheinwerfer ersetzt, zwei Ganzjahresreifen neu montiert (zum großen AUTO BILD-Sommerreifen-Test 2021) und das Lenkgetriebe ausgetauscht worden sein. Allein für diese Positionen hätte es in einer Werkstatt vermutlich eine mittlere vierstellige Rechnung gegeben. Machen wir uns also auf zu einer Besichtigung mit Probefahrt.
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Der Grundriss des Alkoven-Wohnmobils ist altbewährt

Klassische Dinette mit zwei Dreipunktgurten vor teilsaniertem Innenwandpaneel.

©Christoph Börries / AUTO BILD

Das ist er: Ein kreuzbrav konstruiertes Mobil, das in einem gepflegten Wohngebiet vor den Toren Hamburgs als private Offerte auf uns wartet. Der Grundriss ist frei von negativen Überraschungen. Die Aufteilung mit einer Schlafkoje über dem Fahrerhaus und einer Dinette in der Fahrzeugmitte ist von unzähligen Herstellern zigtausendfach erprobt. Im Heck sind fahrerseitig das Bad mit im Boden integrierter Duschtasse und beifahrerseitig gegenüberliegend eine L-Winkel-Küche mit Kühlschrank, großem Spülbecken und Dreiflammen-Gaskochfeld verbaut. Die grau-bunt gemusterten Polsterstoffe treffen den Geschmack einer vergangenen Epoche – die der 90er. Dass die Staumöglichkeiten nicht allzu üppig sind, ist angesichts der kompakten Außenlänge von nur 5,35 Metern zu verschmerzen. Entscheidender bei einem älteren Gebrauchten ist der Pflegezustand. Und der veranlasst uns zu einer Mischung aus Kopfschütteln und Ekel-Schockstarre.

Stärken Schwächen
– Gutes Raumkonzept – Schwächliche Motorisierung
– Bewährtes Basisfahrzeug – Veraltete Abgasnorm
– Praktische L-Küche im Heck – Erhöhte Gefahr von Wasserschäden
– Ausreichender Badzuschnitt – Lückenhafte Fahrzeughistorie
– Moderate Außenabmessungen – Reparaturkosten übersteigen Zeitwer

Die Servicegeschichte dieses Reisemobils ist komplett verpfuscht

Im Alkoven sind theoretisch zwei Schlafplätze. Die Nutzung wäre jedoch gesundheitsgefährdend.

©Christoph Börries / AUTO BILD

Das hat er: Einen enormen Sanierungsbedarf, der deutlich oberhalb des Zeitwerts liegt. Theoretisch gibt es Raum für bis zu vier Reisende, hier allerdings regiert der Frust. In den Ecken und an der Decke schimmelt es, auf der Alkovenmatratze möchte man aus Gründen der Hygiene besser nicht zur Probe liegen. Alle Einbauten wirken stark abgenutzt und tragen zahlreiche nicht originale Bohrlöcher, das Bad wirkt ungepflegt. Die Elektronachrüstungen sind ein Desaster und schlicht gefährlich. Wassereinbrüche wurden sowohl von innen als auch von außen äußerst unprofessionell bearbeitet. Besonders ärgerlich ist, dass offenkundig massiv an richtigen Reparaturteilen gespart wurde.

Kosten: Alkoven auf Fiat Ducato 1.9 TD (66 kW/90 PS)
Unterhalt
Testverbrauch 12,0 l Diesel/100 km
CO2 318 g/km
Inspektion 350 bis 650 Euro
Haftpflicht* 448 Euro
Teilkasko* 187 Euro
Vollkasko* 682 Euro
Kfz-Steuer (S2, Masse 3400 kg) 310 Euro
Ersatzteilpreise**
Lichtmaschine 850 Euro
Anlasser 905 Euro
Zahnriemen 248 Euro
Wasserpumpe 1228 Euro
Bremsscheiben und -klötze, vorn 555 Euro
4 Sommerreifen 215/70 R 15 C 500 Euro
*Onlinetarif der HUK24-Versicherung: Zulassung in Hamburg, Fahrer nur Versicherungsnehmer und Partner (40 Jahre alt), jährliche Fahrleistung 15.000 km, Beitragssatz 100 Prozent. **Preise inkl. Arbeitslohn bei Markenwerkstatt, freie Werkstätten günstiger
An der Bodengruppe finden sich grob aufgepunktete Blechflicken, auch die Achsen wirken sehr rostig. Einzelne Partien wurden mit Unterbodenschutzfarbe übergetüncht. Dass dieses Reisemobil solch eine Katastrophe ist, liegt definitiv nicht an der Erbauerfirma, sondern an einer individuell verpfuschten Servicegeschichte. Wie genau die letzte Hauptuntersuchung geklappt hat, bleibt für uns ein Rätsel. Dazu passt, dass die Zulassungsplakette seltsam ausgefranst wirkt.

Wassereinbrüche könnten dem Holzskelett zugesetzt haben

90 PS reichen so gerade, um auf der rechten Spur hinter den Lkw herzufahren.

©Christoph Börries / AUTO BILD

So fährt er: Der 1900er-Turbodiesel hatte bei Auslieferung mal 90 PS, laut Verkäufer soll eine Austauschmaschine mit rund 100.000 Kilometern verbaut worden sein. Diese Leistungsreserve ist die allerunterste Kante für einen 3,4-Tonnen-Alkoven, spätestens an der ersten längeren Autobahnsteigung fühlt es sich zwischen den Lkw unangenehm an. Die hohe Laufleistung steckt gut fühlbar in dem laut Tacho über 205.000 Kilometer zermürbten Aufbau: Bei jeder Bodenwelle verwindet sich der Wohnaufbau wie ein zitternder Aal, begleitet von einem fiesen Knarren und Knacken. Multiple, deutlich müffelnde Wassereinbrüche könn(t)en das Holzskelett geschwächt haben, diverse gelockerte Anbauteile durch Pfuschreparaturen tun ein Übriges. Wir ersparen uns die Detektivsuche, wo der Sicherungs- und Schraubenfundus aus dem Handschuhfach verbaut sein soll.

Technische Daten
Motorisierung Vierzylinder/vorn quer
Leistung 66 kW (90 PS) bei 4000/min
Hubraum 1905 ccm
Drehmoment 196 Nm bei 2250/min
Höchstgeschwindigkeit 130 km/h
Getriebe/Antrieb Fünfgang manuell/Vorderrad
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 80 l/Diesel
Länge/Breite/Höhe 5350/2250/3100 mm
Radstand/Bereifung 3200 mm/215/70 R 15 C
Leergew. fahrbereit/Zuladung (Testmobil) 2980/3400 kg
Anhängelast (gebremst/ungebremst) 1400/750 kg
Material Wand/Dach/Boden GFK-SW/GFK-SW/Holz-SW
Liegefläche Alkoven L x B 2100 x 1400 mm
Liegefläche Mitte L x B 1780 x 1000 mm
Kühlschrank/inkl. Eisfach 90 l
Herd 3 Flammen
Bordbatterie 12 V/100 Ah
Frisch-/Abwassertank 120/100 l
Gasvorrat/Heizung 2x 11 kg/Truma
Testverbrauch 12,0 l Diesel/100 km
Grundpreis (2001, 1.9 TD) ca. 43.000 Mark

Billiger Gebrauchter im Wohnmobil-Test

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Lars Jakumeit

Fazit

Auch in Zeiten des Booms gibt es Angebote, die geschenkt noch zu teuer sind. Die besichtigte Kombination aus Rost und Wasserschäden ist toxisch, der nächste HU-Termin wäre das realistische Nutzungsende. Wer es noch deutlicher hören möchte: Finger weg.

Fotos: Christoph Börries / AUTO BILD

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