Genesis, Kia & Co.: So wild ist Koreas geheime Auto-Szene
PS-Flashmob in Seoul: Wenn die Nacht zum Tuning-Traum wird

Von wegen, nachts sind alle Katzen grau. In Korea ist es genau andersrum. Während das Straßenbild in Seoul nachts langweiliger kaum sein könnte, stellen die Koreaner ihre immer gleichen Limousinen, SUV und Vans in Schwarz, Silber und Weiß in die Garage und holen stattdessen ihre kunterbunten Tuning-Autos raus.
Bild: Alexander Herold
Es ist ein ganz normaler Montagabend, und der Parkplatz am Han-Fluss steht voll mit in Blech gepresster Langeweile – dunkle Limousinen, graue Vans und silberne SUV, soweit das Auge reicht. Und natürlich sind die allermeisten von Hyundai, Kia und Genesis. Denn es gibt, außer vielleicht Russland mit Lada, kaum ein Land, in dem ein Konzern einen so hohen Marktanteil hat wie Hyundai in Korea. Das freut die Controller in der Zentrale, sorgt aber nicht eben für Abwechslung auf der Straße.
Und doch hat das Land der automobilen Langeweile für Autofans ein paar Überraschungen parat. Denn während die Bürohengste so langsam in den Feierabend fahren und am Boardwalk die farbenfrohe Beleuchtung angeht, wird es auch auf dem Parkplatz immer bunter: Wie aus dem Nichts kommen aus allen Ecken immer mehr getunte Hyundai, Kia und Genesis, ein paar japanische Sportwagen und ein bisschen Leidenschaft made in Germany, und die Petrolheads der koreanischen Hauptstadt geben sich ein spontanes Stelldichein.

Sie treiben es laut, wild und bunt in der Nacht, wie der Besitzer dieses Veloster.
Bild: Alexander Herold
Das ist ganz normal, sagt DK "Driftking" Kim, der diesen Flashmob der Fahrfreude inszeniert hat. "Denn in Korea blüht die Automobilkultur weitgehend im Verborgenen", sagt der Betreiber des Youtube-Kanals CarSceneKorea. Wo andere Autonationen ihre Liebe offen leben, feiern die Petrolheads in Seoul oder Busan heimlich und bleiben am liebsten unter sich. Denn in einem Land, in dem jeder eine Dashcam hat und die Polizei jedem von einem anderen Verkehrsteilnehmer geäußerten Verdacht nachgehen muss, ob begründet oder nicht, sticht man nicht gerne aus dem Einerlei heraus und provoziert erst recht nicht gerne, beschreibt Kim die Szene. "Deshalb gibt es hier kein Cars & Coffee, sondern man trifft sich spontan und an wechselnden Parkplätzen."
Die Szene erwacht
Doch es ändert sich was im Land, hat Kim beobachtet. In Gangnam prahlen die Reichen mit Supersportwagen und Luxuslimousinen, und seit Hyundai vor etwas mehr als zehn Jahren seine N-Division lanciert hat, entwächst die Fahrfreude der Subkultur, und immer mehr Petrolheads bekennen sich öffentlich zu ihrer Autoleidenschaft: "Hatte das Auto bislang für viele den gleichen Stellenwert wie ein Kühlschrank oder eine Waschmaschine, erlauben wir uns mittlerweile etwas mehr Liebe, Lust und Leidenschaft", sagt einer, der stolz im neuen Kia Tasman gekommen ist und seinen Pick-up dafür zum wilden Expeditions-Monster aufgemotzt hat.
Und dann sind da noch die vielen US-Soldaten, die im Land stationiert sind und ihre "Cars and Coffee"-Kultur mitgebracht haben. Männer wie Billy zum Beispiel, der heute Abend vielleicht das coolste, ganz sicher aber das kurioseste Auto dabeihat – den Kia Elan.

Im Land der Temposchwellen geht so eine Bodenfreiheit nur mit Luftfederung.
Bild: Alexander Herold
Nie gehört? Kein Wunder, denn erstens gab es vom wahrscheinlich ersten und bislang einzigen Open-Air-Modell aus Korea nur etwa 800 Exemplare. Und zweitens war das eigentlich mal ein Lotus. Nur, dass die Koreaner bei den Briten die Lizenz gekauft und die Produktion ins Land geholt haben. Weil der Motor aber von GM kam und nicht mitverkauft wurde, musste Kia den 1,8 Liter großen Vierzylinder selbst entwickeln – zum ersten Mal in der Firmengeschichte.
Allerdings nur mit mäßigem Erfolg, klagt Besitzer Billy Pilgrim. Denn erstens ist die Kombination aus koreanischer Lernphase und englischer Schludrigkeit nicht eben zuverlässig, weshalb an Billys schwarzer Schönheit gerne auch mal nur ein Froschauge aufpoppt oder der Wagen erst gar nicht startet. Und zweitens glaubt selbst sein stolzer Besitzer nicht, dass der Motor je die versprochenen 151 PS erreicht.
Tuning in Korea: Optik statt Leistung
Darüber können die Jungs nebenan im Genesis Coupé nur lachen – ihr Auto hat schließlich schon ab Werk knapp 350 PS, und so, wie er klingt und aussieht, sind es hier sicher noch ein paar mehr. Wobei sich das Tuning in Korea weitgehend auf Optik und Accessoires beschränkt, räumt Szenekenner DK Kim ein und führt auch das auf die Eigenheiten seiner Heimat zurück. "Alle wohnen in riesigen Hochhaussiedlungen, niemand hat seine eigene Garage. Deshalb wird auch nicht zu Hause geschraubt, sondern man muss notgedrungen in eine professionelle Werkstatt – und das Auge des Gesetzes schaut immer zu."

Von wegen Lotus. Billy fährt einen der wenigen Elan, die bei Kia gebaut wurden.
Bild: Alexander Herold
Aber dafür treibt es die PS-Szene bei Lack und Licht umso wilder. Junge Männer folieren ihren Stinger oder sogar den Pampersbomber Carnival in schillerndem Rosa und kleben Katzenohren aufs Dach, weil sie mit Klischees brechen und um jeden Preis auffallen wollen – zumindest bei den heimlichen Treffen. Andere lackieren ganze Comic-Storys aufs Blech und wieder andere traditionelle Schriftzeichen und Wappen aus der Zeit, als Korea noch ein Kaiserreich war.
Lichtspiele, die die Nacht erhellen
Dazu gibt's kunterbunte Lichtspiele im Kofferraum oder am Unterboden, die natürlich im Takt zum Gaspedal oder der Soundanlage Farbe und Intensität wechseln und die Nacht hier unter der Brücke zum Tage machen.
Was noch gerne gesehen ist bei den Petrolheads in Korea, das sind Airride-Fahrwerke, mit denen sie ihre Autos auf Knopfdruck tieferlegen können. Das ist zwar bei den allgegenwärtigen Temposchwellen eher hinderlich, sieht aber einfach cool aus, wenn das Bodenblech fast am Asphalt schleift. Erst recht bei einem ansonsten eher spießigen Van wie dem Kia Carnival. Und zusammen mit seinen weit ausgestellten Kotflügeln und dem XXL-Sturz der Breitreifen sieht etwa das weiße Genesis Coupé daneben aus, als könne es vor lauter Kraft kaum mehr laufen.

Das Cockpit ruft nach Action, und wenn sich der Parkplatz leert, erlaubt sich so mancher einen heißen Drift.
Bild: Alexander Herold
Wobei das mit den "Petrolheads" so eine Sache ist. Während echte Oldtimer selten sind bei den heimlichen Meetings, weil Korea schließlich erst vor 50 Jahren mit dem Hyundai Pony sein erstes eigenes Auto gebaut hat, ist Zukunft allgegenwärtig, und bald jedes zweite Auto an diesem Abend am Han-Fluss ist elektrisch.
Egal ob im Kia EV6 oder im Hyundai Ioniq 5 N, gibt die Generation E hier den Ton an. Selbst wenn der brüllend laut ist und bisweilen nach Achtzylinder klingt. Denn die sonst eher leisen Lautsprecher, aus denen im Alltag der Warnsound für die Fußgänger dudelt, fluten jetzt den ganzen Parkplatz. Und wenn die Jungs mal richtig Gas, äh, sorry, Strom geben, versteht man sein eigenes Wort nicht mehr.
Vom Parkplatz zur PS-Party
Dabei sitzen mittlerweile überall kleine Gruppen zusammen auf Campingstühlen und sind vertieft in Benzingespräche. Billy erzählt jedem die Geschichte seines Elan, etwas weiter drüben zeigt der Besitzer des altbackenen Matrix stolz auf den skurrilen Pininfarina-Schriftzug, der von der stilistischen Entwicklungshilfe bis nach der Jahrtausendwende kündet. Am Veloster und am Ioniq 5 diskutieren sie über die neuesten Lackierungen, und der Typ im eher exotischen Audi RS 7 lässt jeden in seinen schillernd beleuchteten Kofferraum schauen.
Am Rand des Parkplatzes haben fliegende Händler den Hähnchengrill aufgebaut, und ständig holt einer beim 7-Eleven um die Ecke ein paar neue Tassen Instant-Nudeln. Wo eben noch geplagte Langeweile herrschte, ist der Parkplatz jetzt ein einziges PS-Panoptikum. Der Lack schimmert, die LEDs flimmern, die Motoren bollern mit wummernden Bässen um die Wette. Das kann ja eine schöne Nacht werden.

Hauben hoch, jetzt wird gefachsimpelt. Solange es noch Verbrenner gibt, die man anschauen kann. Denn auch bei den heimlichen Autotreffen tauchen immer mehr E-Modelle auf.
Bild: Alexander Herold
Denkste! Denn zwei, drei Stunden, nachdem die spontane PS-Party begonnen hat, löst sie sich wie auf ein geheimes Kommando hin auch schon wieder auf. Schulterklopfen, Türenschlagen, vorher noch schön ordentlich den Müll wegräumen und brav die Parkgebühr bezahlen – in kaum fünf Minuten ist der Parkplatz leer und verlassen, und für die Petrolheads beginnt das Nachspiel, das sie mindestens genauso lieben wie ihre Treffen selbst. Denn es gibt noch einen Grund, weshalb ihre Flashmobs meistens nachts stattfinden: Während Seoul tagsüber im Dauerstau erstickt, können sie ihre Autos dann zumindest auf dem Heimweg mal ein bisschen ausfahren.
Darauf freut sich auch Elan-Fahrer Billy und macht schon mal erwartungsfroh das Dach auf, um eine der letzten lauen Herbstnächte zu genießen – wenn sein Kia Elan denn anspringt. Knappe zwei Stunden muss – oder besser: darf – er fahren, bis das Schmuckstück wieder in der Garage verschwindet – und er am Morgen danach wieder in irgendeiner langweiligen Limousine, einem Van oder SUV sitzt und nur darauf wartet, dass DK Kim seine Kumpels wieder irgendwo zusammentrommelt.
Service-Links
