Im Porsche Macan auf Albanien-Tour
Elektrisch durch das Land der alten E-Klassen
Von wegen der Porsche Macan ist nur was für den Boulevard, und Elektroautos haben auf dem Balkan nichts zu suchen. Wir beweisen das Gegenteil.
Bild: Manuel Hollenbach
Es ist Dienstagmorgen in Gjerbes – und wie immer nichts los. Die Dorfgemeinschaft sitzt vor den drei Bars auf klapprigen Holzstühlen bei kräftigem Kaffee und filterlosen Zigaretten und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein.
Doch plötzlich blicken alle auf, denn aus dem Tal ganz im Süden Albaniens kommt ein Auto herauf, das sie noch nie gesehen haben. Nicht, dass sie mit "Made in Germany" fremdeln würden, schließlich fährt hier jeder, der was auf sich hält, eine alte Mercedes E-Klasse oder einen 190er, die oft nur noch vom Rost zusammengehalten werden. Und mitten auf dem Marktplatz steht sogar ein greiser G in mattem Blau.
Aber ein blitzblanker Porsche Macan muss ihnen hier wie ein Ufo erscheinen. Und als wäre das nicht schon besonders genug, knurrt der nicht mit V6-Power, sondern ist aus der jüngsten Generation und surrt deshalb voll heran wie eine Raumfähre, die irgendwo falsch abgebogen ist und jetzt orientierungslos auf dem grob gepflasterten Dorfplatz steht. Zwei Welten begegnen sich.
Sichtbare Porsche-Präsenz in Tirana
Zwei Tage vorher in der Hauptstadt Tirana war das noch ganz anders. Denn 35 Jahre nach dem Ende des Kommunismus ist auch Albanien längst in der Moderne angekommen. Die deutlich von Mercedes geprägte Flotte der Besserverdiener blitzt und blinkt erstaunlich neu, freie Importeure holen die üblichen Luxusautos ins Land und sorgen auch für eine sichtbare Porsche-Präsenz. Und zumindest die Mehrheit der Taxen fährt bereits elektrisch.

Der Macan zeigt, dass Reichweite auch Kopfsache ist.
Bild: Manuel Hollenbach
Kein Wunder, dass die amtliche Statistik zuletzt 100 Prozent Zuwachs bei den E-Zulassungen registriert. Selbst wenn es am Ende dann halt doch nicht einmal 10.000 von den über eine Million Autos sind, die zwischen Montenegro im Norden und Griechenland im Süden über Albaniens Straßen rollen.
Oder das, was sie in Albanien halt so "Straße" nennen. Denn je weiter man aus der Hauptstadt herauskommt, desto größer werden nicht nur Löcher im Ladenetz, sondern auch im Asphalt. Und nach zwei, drei Stunden ist mit beiden Schluss. Aus Straßen werden erst Wege und dann Pisten, aus Dörfern werden Siedlungen, wo eben noch Häuser standen, sieht man jetzt nur noch Hütten. Und Strom kommt oft nicht mal mehr aus der Steckdose, von der Ladesäule ganz zu schweigen.
Abenteuer im Hinterland
Während Städte und Küsten gerade einen Touristen-Boom erleben und von der Generation Social Media groß herausgebracht werden, gilt das einsame Hinterland als Offroad-Paradies im Süden Europas – weil man gar nicht runter muss von der "Straße", um echte Allrad-Abenteuer zu erleben. Denn auch wenn zum Beispiel kurz hinter Vlore noch Schilder stehen und von der SH76 sprechen, geht es hier nur noch über Schotter und Steine, die von Kilometer zu Kilometer immer größer und gröber werden.
Genau das richtige Terrain also für einen Porsche-Roadtrip der etwas anderen Art. Denn um zu beweisen, dass der Macan nicht nur ein Mami-Porsche für den Weg zu Matcha-Latte und Chia-Pudding beim Szene-Barista ist und man auch mit einem E-Modell weiterkommt, als man glaubt, rollt gerade ein neuer Macan 4S auf erstaunlich robusten Michelin Pilot Sport über genau jene alte Verbindungsstraße und macht sich auf ins Abenteuer.
Offroad-Design-Paket ab Werk
Dafür ist er ab Werk ausgestattet mit dem Offroad-Design-Paket. Und in der Werkstatt haben sie noch den Dachkorb des 911 Dakar montiert, weil bei der Mischbereifung zwei Ersatzräder nun wirklich nicht in den Kofferraum passen, wir uns aber auf den albanischen ADAC auch nicht verlassen wollen. Und wer weiß, Sandbleche und ein Kanister Frischwasser können ja vielleicht auch nicht schaden. Erst recht nicht an Tagen wie diesen, wo es selbst Ende August schon morgens schnell mal 35 Grad hat.

Innen Hightech, außen Holperpiste: Der Macan bleibt auch im Offroad-Land ein Lounge-Mobil.
Bild: Manuel Hollenbach
In Vlore gibt's schnell noch einmal einen Ladestopp. Auch wenn die Säule beileibe nicht die 270 kW des Macan schafft, ist der Akku nach dem rustikalen Frühstück bei Börek und Espresso zwar beileibe. Dann wuselt sich der Porsche durchs Chaos der Altstadt wie eine Ameise durch ihren Haufen hinaus aus der Stadt, vertraut beim Queren der Vjosa eher seiner Wattiefe als der Tragkraft der maroden Konstruktion aus brüchigem Beton und rostigem Stahlseil und ist wenig später mutterseelenallein auf karstigen Höhenzügen unterwegs. Hier und da begegnet ihm noch ein asthmatischer Mercedes, doch bald sieht man mehr Esel als E-Klasse. Und schon nach einer halben Stunde muss der Macan seine Trittsicherheit auf losem Untergrund beweisen. Denn seit die Römer hier vor über 2000 Jahren mal ein paar Pfade angelegt haben, ist im Straßenbau offenbar nicht mehr viel passiert.
Offroad-Modus aktiviert
Also Schluss mit Normal oder Sport, jetzt ist der Offroad-Modus gefragt, und während es die Traktionskontrolle etwas lässiger nimmt, bockt die Luftfederung den Macan schon mal vorsichtshalber auf 19,5 Zentimeter auf. Denn allzu viel Schutzwirkung sollte man den Plastikplanken des Offroad-Pakets nicht zuschreiben, selbst wenn sie zumindest den Böschungswinkel ein bisschen verbessern. Nicht umsonst trägt es ja auch noch "Design" im Namen.
Aber wenn das nicht reicht, gibt's auf Knopfdruck sogar noch mal 30 Millimeter mehr Bodenfreiheit – allerdings nur bei moderatem Tempo. Aber schnell kann man auf solchen Pisten ohnehin nicht fahren. Erst recht, wenn die nächste Ladesäule eine Tagesetappe entfernt ist. Gut, dass der Akkustand bei dem Gezuckel hier nur langsam schmilzt und dass sich der E-Macan in den Bergen auch im Kriechgang auf dem Weg runter viel Energie wieder zurückholt.

Nicht überall selbstverständlich: Wer hier Strom findet, hat schon gewonnen.
Bild: Manuel Hollenbach
Mit jeder Serpentine wächst das Selbstvertrauen, mit jedem überwundenen Hindernis der Respekt vor dem Auto, das sich hier so wacker schlägt. Bis einen hinter der nächsten Kurve ein rostiger, ein betagter 190er wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Heute brauchen sie Allradantrieb, einen Offroad-Drive-Mode und Luftfederung, um solche Pisten zu bezwingen. Doch damals hat offenbar eine gehörige Portion "Made in Germany" kombiniert mit südeuropäischer Sorglosigkeit gereicht, um selbst wildeste Wege zu meistern.
Erst flankieren noch Olivenhaine den Weg, bewirtet von Bauern mit Esel- oder Ochsenkarren, dann wird es karger, und selbst die allgegenwärtigen Schafe und Ziegen müssen nach ihrem Futter suchen – Steinwüsten, knorrige Wälder, später karge Mondlandschaft prägen das Bild. Und als auf dem Weg über den Pass von Sevran runter in den spektakulären Osum-Canyon so langsam die Dunkelheit hereinbricht, wird die Frage nach dem Quartier immer lauter.
Gut, dass die Spiegel elektrisch einklappen
Vielleicht hätten wir doch das Dachzelt draufschrauben sollen statt des Ersatzreifens. So dagegen kämpfen wir uns in den gleißenden LED-Keulen durch die karge Landschaft wie die Rallye-Piloten bei der Nacht der langen Messer – nur, dass es hier noch immer über 30 Grad hat und natürlich, dass wir nicht mal halb so schnell sind. Denn links ist Fels, rechts geht's runter, und dazwischen ist oft nicht viel mehr Platz, als der Macan breit ist. Gut, dass die Spiegel elektrisch einklappen. Und selbst wenn mal irgendwo überhaupt eine Leitplanke montiert ist, mag man sich der nun wirklich nicht anvertrauen.
Aber kurz bevor sie im Hotel Kanione den Grill abdrehen, nimmt die Nachtfahrt in Corovode tatsächlich ein Ende. Der Macan parkt – leider fernab jeder Ladesäule – ganz selbstbewusst zwischen ein paar Touristenautos, die sich mächtig fürs Abenteuer gerüstet haben, und die Frage nach dem Dachzelt ist bei 44,50 Euro für einen Berg Fleisch samt dem Kübel Raki zur Verdauung, zwei Einzelzimmern und einem Frühstück, unter dem sich der Tisch biegt, auch schon wieder vergessen.
Aufstieg zum heiligen Berg
Wenn das nicht mal die richtige Stärkung ist für den buchstäblichen Höhepunkt der Tour. Denn tags drauf geht es auf den Mount Tomorr, den mit 2416 Metern höchsten befahrbaren Berg im Land, der als Tanzboden der Derwische gilt und als heiliger Ort verehrt wird. Was die Albaner übrigens nicht daran hindert, ihn peu à peu mit Plastikmüll zu pflastern.

In Tirana elektrisch, in Gjerbes elektrisiert – der neue Macan sorgt für Gesprächsstoff.
Bild: Manuel Hollenbach
Aber dafür haben wir hier und heute keinen Blick. Denn entweder haftet der auf der Reichweitenanzeige, die bei über 1000 Höhenmetern in nicht einmal 20 Kilometern ordentlich in die Knie geht. Oder er schweift in die Ferne über die endlosen Hügelketten, die sich hier in alle Richtungen ausbreiten und keinerlei Zeugnisse von irgendwelcher Zivilisation zeigen. Es ist, als wäre man plötzlich ganz allein auf der Welt. Bis man um die letzte Kurve kommt, auf dem Plateau vor dem Standbild Abbas Alis hält, der als Halbenkel des Propheten Mohammed im Jahr 680 bei einer Schlacht gefallen ist und danach auf einem weißen Pferd nach Albanien geritten kam, um das Volk vor den Barbaren zu schützen, bevor er endgültig in den Olymp hinaufstieg – und dann doch wieder zwischen ein paar maroden Mercedes-Modellen parkt.
Zurück auf Asphalt – und plötzlich ganz anders unterwegs
Nach dem obligatorischen Gipfelfoto geht es wieder runter, die Reichweite steigt schneller, als die Entfernung zum Ziel schrumpft, der Puls sinkt so langsam zurück in den Normalbereich, und als er plötzlich wieder auf erschreckend neuem Asphalt unterwegs ist, kann sich der Macan sogar mal kurz von seiner wahren Seite zeigen. Im Sportmodus endlich mal wieder in Bodennähe unterwegs statt auf dem Hochsitz, dank Allradlenkung handlich und wendig und mit 516 PS hinreichend potent motorisiert, fährt er fast so wild, wie die Derwische oben auf dem Berg wirbeln. Gut, dass sich noch keine Touristenbusse auf den Tomorr wagen, es auch sonst schön leer ist auf der Straße und wir die letzte Polizeistreife vor drei Tagen in Tirana gesehen haben.

Wenn der Weg durchs Wasser führt: Der Macan 4S nimmt's gelassen – dank Offroad-Modus und Luftfederung.
Bild: Manuel Hollenbach
Weiter unten im Tal Richtung Berat holt uns die Zivilisation schneller wieder ein, als uns lieb ist. Die "Stadt der tausend Fenster" ist Teil des Weltkulturerbes – mit all den üblichen Begleiterscheinungen. Ja, es gibt eine internationale Gastronomie, die Sprachbarrieren sinken, und eine Handvoll Ladesäulen haben sie auch – was ausgesprochen beruhigend ist nach 300 Kilometern hartem Gelände.
Doch es gibt plötzlich auch Stau, Reisegruppen, die rücksichtslos über die Straßen irrlichtern, und Leihwagen, die wild vor den Sehenswürdigkeiten parken. Und wenn man den polyglotten Schilderwald rund um die Stadt richtig deutet, dann breitet sich dieses Phänomen in konzentrischen Kreisen immer weiter aus.
Selbst auf dem Dorfplatz in Gjerbes haben sie sich auf den möglichen Touristenboom deshalb so langsam bereits eingestellt. Die Wirtin des Bujtina lernt Englisch, gegenüber in der Bar gibt es mittlerweile ein paar Betten, und das Internet ist auch stabil. Nur eine neue Ladesäule – die wird es hier noch lange nicht geben. Schließlich ist selbst die nächste Tankstelle ein paar Stunden Schotterpiste entfernt.
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