Indy-500: Pagenaud hat Respekt vor Alonso

Indy 500 ist wie American Football

Am Sonntag findet die 104. Ausgabe des Indy 500 statt. Vorjahressieger Simon Pagenaud im Exklusiv-Interview über Fernando Alonso, das Risiko und die Faszination Indy.
Herr Pagenaud, Sie waren letztes Jahr Sieger des Indy 500. Gehen Sie daher mit einem anderen Gefühl ins diesjährige Rennen?
Simon Pagenaud (36): Absolut. Es ist toll, dass der persönliche Druck weg ist. Ich bin jetzt hier und kann mich voll auf mein Ziel konzentrieren. Die Erfahrung, dieses Rennen schon einmal gewonnen zu haben, gibt dir so viel Selbstvertrauen – und das brauchst du auch, um hier mitkämpfen zu können.
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Sie starten allerdings nur von Rang 25...
Aber im Rennen haben wir alle Chancen dieser Welt. Wenn du dir das Rennen in Iowa anschaust, dann sind wir da vom letzten Platz gestartet und ich habe trotzdem gewonnen. Alles ist möglich. Gewiss ist das nicht die Startposition, auf der ich sein will. Wir sind nicht schnell genug und müssen dran arbeiten. Aber im Rennen spielen so viele andere Faktoren eine Rolle: Boxenstopps, die Strategie, Fahrfehler. Wenn du ein gutes Paket hast, hast du alle Chancen und ich glaube an meine Chance.
Neben Ihnen startet der zweimalige Formel-1-Weltmeister Fernando Alonso ins Rennen.
Ich finde es sehr aufregend, dass er hier ist. Ich respektiere ihn sehr dafür, dass er diese Herausforderung annimmt. Das ist etwas ganz anderes als Formel 1 oder die 24 Stunden von Le Mans. Das ist wie Rugby oder American Football. Ob er das Rennen gewinnt oder nicht, alleine dass er diese Herausforderung annimmt – in seinem Alter – verdient Respekt und zeigt, dass er der beste Fahrer in der Welt ist. Es scheint so, als hätte er dieses Jahr eine harte Zeit, aber so ist das hier in Indy. Es ist trotzdem toll, dass er hier ist, weil er so viel Aufmerksamkeit auf das Indy 500 zieht.
Was ist die Faszination von Ovalrennen?
Sie sind ganz anders, das verstehen viele in Europa nicht, weil man am Fernsehen nicht sieht, wie schwierig das wirklich ist. Ich vergleiche es gerne mit dem Radsport. Hier ist der Wind so entscheidend. In der Formel 1 machst du dir darüber nicht wirklich Gedanken, da wird nach rechts gefahren, nach links gefahren und so weiter. Im Oval musst du die Luft lesen, du musst mit der Luft, mit dem Wind arbeiten. Alles was du machst, passiert bei sehr hoher Geschwindigkeit. Du bremst hier nicht. Wenn du hier rutschst, dann crasht du. Wenn du crashst, verlierst du Vertrauen und wenn du Vertrauen verlierst, wirst du langsamer. Es geht hier also darum, das Limit zu finden, aber nicht darüber hinauszugehen und zu crashen. Du musst das Auto für dich arbeiten lassen. Es ist technischer, du musst mehr wissen, was du vom Auto brauchst. Mit einem schlechten Auto wirst du am Oval nie ein Rennen gewinnen.

Vorjahressieger Simon Pagenaud

Sind hier deswegen so viele ältere Herren am Start? Ihr Teamkollege Hélio Castroneves ist 45 Jahre alt, Meisterschaftsleader Scott Dixon 40.

Ja, Erfahrung ist auf einem Oval wichtig. Das passiert hier alles bei 240 Meilen pro Stunde Durchschnittstempo, also rund 375 km/h. Denken Sie mal drüber nach! Es ist schon gut, jung und verrückt zu sein, aber wenn du nicht weißt, was du hier tust, dann crashst du. Die Erfahrung spielt also eine wichtige Rolle und wenn du die mal hast, kannst du sie bis ins hohe Alter ausspielen. Hélio Castroneves ist das beste Beispiel. Er ist extrem gut. Jedes Jahr, wenn er hier herkommt, auch wenn es nur sein einziges Rennen im Jahr ist, ist er sofort bei der Musik. Deswegen mögen die Teams auch erfahrene Fahrer.
Wenn wir über Ovalrennen sprechen, dann sprechen wir aber auch über Gefahr. Viele europäische Fahrer meiden die IndyCar wegen der Sicherheitsrisiken.
Das ist richtig. Ich werde oft gefragt, ob ich Angst habe. Nein, ich habe keine Angst, aber ich bin mir der Risiken bewusst. Wenn du ein normaler Mensch bist, willst du dich natürlich nicht verletzen. Aber ich liebe Indianapolis, ich liebe dieses Rennen, ich will unbedingt wieder gewinnen. Für mich ist es also klar, dass das Risiko mir nicht das nehmen kann, was ich tun will. Ich weiß, dass es gefährlich ist, ich weiß, dass wir schnell sind, aber ich habe das Gefühl, darüber Kontrolle zu haben. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich das nicht mehr kontrollieren kann und es gefährlicher wird, dann höre ich auf.
Die IndyCar verbessert auch ständig die Sicherheit. Dieses Jahr kommen Windschutzscheiben als Kopfschutz bei herumfliegenden Teilen zum Einsatz. Behindert das nicht beim Überholen?
Erst einmal: Der Sicherheitsaspekt ist wirklich gut. Die Sicht hat sich nicht verändert. Es ist etwas heißer im Rennauto, es ist also anstrengender. Aber die Sicherheit ist wirklich sensationell. Daher begrüße ich das. Wir nehmen natürlich Risiken auf uns, aber wenn du die Sicherheit verbessern kannst, dann ist das toll. IndyCar ist hier wirklich ein Pionier. Das Überholen ist schwieriger. Da ist mehr Luftwiderstand, wenn du den Windschattenn von deinem Vordermann verlässt. Aber das Racing wird weiterhin sehr gut sein.
Warum haben Sie sich eigentlich für die IndyCar entschieden?
Der Kampf zwischen Ayrton Senna und Alain Prost hat mich für den Rennsport begeistert. Ich habe dann mit Go-Kart-Rennen angefangen und wollte der neue Senna werden. Leider war die Formel 1 nicht möglich für mich. Renault hat mich zwar unterstützt, aber die einzigen, die wirklich ein Förderprogramm hatten, waren Red Bull und die wollten keinen französischen Fahrer, weil das nicht ihr Markt ist. Für mich war das Indy 500 schon immer ein Traum, den ich in weiter Ferne gesehen habe. Für mich waren Formel 1 und IndyCar immer gleichwertig.
Die IndyCar ist Oldschool-Racing. Derzeit boomen aber vor allem Serien wie die Formel E. Glauben Sie, dass die IndyCar da noch eine Zukunft hat?
Ich liebe die technische Seite des Rennsports. Ich war letztes Jahr in Ungarn bei der Formel 1 und konnte einen Motor von Nahem sehen. Es war phänomenal, einfach wunderschön. Das ist wie eine Uhr. Aber die Autos, die ich am meisten liebe, sind die aus den frühen 1990er Jahren, weil sie oldschool waren. Es schlagen also zwei Herzen in meiner Brust. Ich liebe die IndyCar, weil sie eben noch ein bisschen oldschool ist. Du brauchst wirklich Muskeln, um das Auto um die Stecke zu bringen. Da gibt es keine Servolenkung. Wenn du nicht jeden Tag ins Fitnessstudio gehst, kannst du das Rennen nicht zu Ende fahren. Du kannst hier vom letzten Platz gewinnen, es ist nie vorbei. Das macht das ganze Konzept für mich interessant. Die Formel E schaue ich mir gerne an. Es ist toll, die neue Technik zu sehen und dass da so viele Hersteller dabei sind. Das wird sicherlich die Technik auf den Straßen ändern. Aber als Sport liebe ich die IndyCar.
Also sehen Sie eine Zukunft für die IndyCar? Seit Jahren sucht man ja einen dritten Hersteller...
Ja. Ein wichtiger Punkt sind die Kosten. IndyCar ist erschwinglich. Die Zuschauerzahlen an der Strecke, das TV-Package, die Reichweite, die Sponsoren und Partnern auf den Autos bekommen – alleine beim Indy 500 – ist phänomenal. Eine Saison kostet nicht so viel. Wenn du dir anschaust, dass Mercedes in der Formel 1 500 Millionen Euro pro Jahr ausgibt – ein Team wie Penske braucht pro Jahr und Auto nur etwa acht Millionen. Das rückt die Sache in eine neue Perspektive. Wir haben eine tolle Show, wie haben das größte Rennen der Welt und wie haben ein tolles TV-Package.
Sie fahren für Penske, ein legendäres Team. Zu vergleichen mit Ferrari oder Mercedes in der Formel 1. Wie fühlt sich das an?
Wenn du als Fahrer für das Team Penske unterzeichnest, kriegst du gleich gesagt: Hier gibt es keine Nummer eins. Hier werden alle gleich behandelt, möge der Beste gewinnen. Eine der ersten Fragen, als ich in das Team gekommen bin, war: ‚Kannst du mit Will Power zusammenarbeiten?‘. Damals hatte ich eine Rivalität mit ihm. Ich sagte dann: ‚Absolut, das werde ich‘. Hier gibt es kein Ego, wir alle verstehen, dass das Team Penske größer ist, als wir alleine. Wir arbeiten bis zum Renntag zusammen, um das Auto so schnell zu machen, wie es geht. Am Renntag kämpfen wir um den Sieg – miteinander und gegeneinander.

Fotos: Indycar

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