Steine groß wie Medizinbälle, dazwischen überall umgestürzte Baumstämme, links und rechts Felsen oder Steilwände – und wo du hintrittst nur Wasser statt Weg. Willkommen in Rumänien, willkommen bei der Superkarpata – dem wahrscheinlich größten Expeditionsabenteuer, das man in Europa erleben kann.
Seit bald 20 Jahren suchen sich hier jedes Jahr im Mai rund 200 Dreckskerle ihren Weg durch die Wälder der Karpaten und wagen sich dabei weit aus der Komfortzone heraus. Denn auch wenn Graf Dracula nur eine Mär sein mag, gibt es nirgendwo in Europa so viele Bären wie hier, von den Wölfen ganz zu schweigen. Vom Straßenbau (oder besser: Wegebau) wurde die Region hinter dem Balkan bislang sträflich vernachlässigt, und für ein paar Tage muss statt des Klos eben auch mal ein Klappspaten reichen. 
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Die Regeln der Rallye sind denkbar einfach. Statt einer Route gibt es nur zwei Korridore, jeder so groß wie mehrere Landkreise, aber meist mit weniger Einwohnern als eine Kleinstadt und entsprechend wenig Wegen. Die sucht man sich deshalb einfach selbst, wobei zwischen morgens um acht und abends um acht nur zehn Stunden gefahren werden darf – die Zeit für anfällige Reparaturen und fürs Auskundschaften der Routen mitgerechnet.

Mit seiner Bereifung kommt der Ineos fast überall durch

Wer den Korridor verlässt, kassiert Strafkilometer. Wer die Zeit überzieht, wird disqualifiziert. Und gewonnen hat, wer als Erster mit den wenigsten Strafen die Ziellinie passiert – wobei sich am Ende dieser Plackerei getrost jeder als Sieger fühlen darf. 
Ineos Grenadier auf der Superkarpata-Rallye
Verschlammte Waldwege stellen den Ineos Grenadier nicht vor ernsthafte Probleme. Immer vorausgesetzt, die Crew hat auch Reifen mit griffigem Gelänbde-Profil ausgewählt.
Bild: Thomas Geiger
Am Start, der noch in Österreich erfolgt, weil dann die Polizei und die Grenzbeamten auf der Transferetappe die technische Abnahme übernehmen, sind jedes Jahr mehr als 60 Geländewagen, für die SUV ein Schimpfwort ist. Land Rover Defender, Jeep Wrangler, Nissan Patrol, Toyota Land Cruiser, die Mercedes G-Klasse und sogar der sechsachsige Puch Pinzgauer – für dieses Abenteuer wählen sie das Härteste, was der Markt hergibt.
Und sie haben die Autos bis an die Grenzen der Zulassungsfähigkeit umgerüstet: extra viel Bodenfreiheit, außen angeschweißte Überrollkäfige, Scheinwerfer-Batterien, Sandbleche, Winden und Werkzeuge griffbereit ans Blech geklammert und dazu Stachelreifen, wie man sie sonst nur auf Traktoren fährt. Anders muss man diesen Höllenritt erst gar nicht wagen.
Nur einer sieht in diesem Pulk fast schon zahm und zierlich aus. Denn begleitet von zwei in die private Reserve entlassenen G-Klassen des Schweizer Militärs haben wir uns mit einem Ineos Grenadier auf das Abenteuer eingelassen. Schließlich behaupten die Briten, dass der bei Magna entwickelte und in Hambach gebaute Geländewagen der wahre Erbe des Land Rover Defender sei und deshalb das Expeditionsauto schlechthin. Und dass er mit seinem Sechszylinder-BMW-Diesel, der Untersetzung hinter der achtstufigen ZF-Automatik und den drei Sperren in der "Trailmaster"-Edition schon ab Werk so hart im Nehmen sei, dass größere Umbauten hinfällig seien.
Klar, bei den Reifen verlassen wir die offizielle Optionsliste und greifen zum Spezialprofil. Schließlich steigt auch keiner mit normalen Trekkingstiefeln auf den Everest. Doch während sich die sechs Novizen aus dem "Team Triple G" monatelang vorbereiten, quadratkilometerweise Landkarten, Satellitenfotos und Tourenbeschreibungen in Terrabyte großen Navigationsdatenbanken laden, ellenlange Packlisten schreiben, sich in der Feldküche üben und noch mal den Erste-Hilfe-Kurs auffrischen, schrauben wir dem ausrangierten Entwicklungsauto den Träger aufs Dach, packen ein paar Ersatzreifen drauf und zimmern gegen das Geklapper des Gepäcks ein Hochregal in den Kofferraum, in dem Bergematerial und Werkzeug, Ersatzteile, Essen und Campingausrüstung verschwinden – und dann kann das Abenteuer abseits des Asphalts beginnen.

So ein Geländeabenteuer gelingt nur mit professioneller Navigation

Das lässt nicht lange auf sich warten. Denn nur wenige Kilometer hinter der rumänischen Grenze schwirren die Teams nach einer letzten gemeinsamen Nacht am Rande der Zivilisation aus und verschwinden in der Wildnis: Ein paar Minuten noch bleiben sie auf Asphalt, dann sucht sich jeder seinen eigenen Weg durch Wald und Wiesen und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn was von der Straße aus noch so heimelig wirkt wie der Harz im Frühsommer, entpuppt sich nach den ersten Kilometern im Gelände als wahre Wildnis – und der Grenadier braucht schnell seine 249 PS und vor allem die 550 Nm, um sich da durchzuwühlen.
Immer wieder hält der Weg (oder das, was unsere Navigatoren als solchen definieren) nämlich ein paar wüste Überraschungen bereit: Eben noch staubtrockene Schotterpiste, versinken die drei Geländewagen nur zwei Kehren weiter knietief im Schlamm, müssen sich gewaltige Terrassenstufen hinaufkämpfen oder sich wie das Kamel durchs sprichwörtliche Nadelöhr durch Hohlwege manövrieren, die sich wie Trichter immer weiter verengen und deshalb bisweilen dauerhafte Spuren im Lack hinterlassen.
Ineos Grenadier auf der Superkarpata-Rallye
Das Cockpit des Autos ist viel mehr als nur Arbeitsplatz des Fahrers. Es dient auch als Navigationszentrale, Behelfsküche und Aufenthaltsraum.
Bild: Thomas Geiger
Und alle paar Minuten macht die Mannschaft Bodybuilding mit Baumstämmen und Wackersteinen: Mal müssen die aus und mal in den Weg geräumt werden, um die Durchfahrt frei oder die verschlammten Spurrinnen überhaupt passierbar zu machen. Komm mir nur noch mal einer mit Crossfit – das hier ist das wahre Bootcamp! 
Nur dass es hier am Ende weder Duschen gibt noch eine Sauna und schon gar keine Massage, sondern nur den bangen Blick auf die Uhr. Denn je später der Nachmittag, desto dringender wird die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz, damit um Punkt 19:59 Uhr auch wirklich alle Räder stillstehen.
Dann noch schnell nach den Autos schauen, ein paar kleine Reparaturen im Dämmerlicht. Erst dann ist die Zeit für ein Lagerfeuer, einen ordentlichen Bissen Fleisch vom Grill und die überfällige Erholung – oder das, was in einer kurzen Nacht auf der Isomatte im Wurfzelt an Erholung eben so möglich ist, bevor es mit dem Anbruch des Tages ans Einräumen geht und die nächsten Kilometer ins Ungewisse anstehen.

Nachts am Lagerfeuer entsteht beinah eine gewisse Romantik

So einsam und abgelegen die Wälder und Hochtäler hier auch sein mögen, tauchen doch irgendwo immer mal wieder ein paar Menschen auf – und erstaunen über alle Sprachbarrieren hinweg mit ihrer offenherzigen Freundlichkeit und ihrer Hilfsbereitschaft. Nein, ihre zottigen Zugpferde brauchen wir wirklich nicht, denn bislang haben sich der Grenadier und die G-Klassen noch überall selbst durchgewühlt.
Doch welche Wege befahrbar sind und welche nicht, das wissen die Einheimischen am allerbesten. Und wo es unter tags oft nur für einen kurzen Plausch mit Händen und Füßen reicht, kommt spätestens abends im Camp dem Online-Übersetzer sei dank die Zeit für Völkerverständigung und lokale Kulinarik. Was dabei so alles aufgetischt wird, will wahrscheinlich keiner wirklich wissen. Aber bei so viel Sympathie muss es doch schmecken.
Natürlich gibt es auch in Rumänien Zeitgenossen, die sich zurecht sorgen ums Klima machen und Angst haben um die eindrucksvolle Natur, selbst wenn an jedem Auto bei der Superkarpata das Signet der Forstverwaltung prangt, die dem Abenteuer ihren Segen gegeben hat. Doch wo sie bei uns Zeter und Mordio schreien würden, werden die Abenteurer in den Karpaten mit offenen Armen empfangen.
Doch viel Zeit für tiefe Freundschaften bleibt auf dieser Trophy nicht. Kaum lichtet sich die Nacht, wird es geschäftig im Lager. Und während die einen schon an Tablet und am eigens in die Heckklappe geschraubten Bildschirm die Route für den Tag durchsprechen, schlagen die anderen die Zelte ab, putzen den Platz und brühen den Kaffee auf, von dem die Teilnehmer mehr brauchen als die Autos Treibstoff.
Ineos Grenadier auf der Superkarpata-Rallye
Sieht sehr romantisch aus, ist aber absolut notwenig. Am Lagerfeuer wird gegrillt, Ausrüstung getrocknet, der nächste Tag besprochen – und gehofft, dass die Bären sich nicht heran trauen.
Bild: Thomas Geiger
Pünktlich um 7.59 Uhr zünden die drei Motoren – Team Triple G ist wieder auf Achse. Schließlich sind es bis zum Ziel noch über 100 Kilometer Luftlinie und auf der Erde vielleicht auch mehr als doppelt so viel. Bei einem Schnitt, der selten zweistellig wird, kann sich das noch ein bisschen ziehen.
Wieder geht es durch wilde Wälder und enge Hohlwege, hinauf auf Hochebenen, von denen der Blick kilometerweit schweift und erst an den schneebedeckten Gipfeln am Horizont hängen bleibt, über Weiden und Weiden und hinunter in Täler, die so eng sind, dass sie die Sonne wahrscheinlich oft monatelang nicht sehen. Mal über Schotter und kurz sogar mal auf Asphalt, dann wieder durch Schlamm, windet sich das Trio mal mit eigener Kraft und mal am Seil durch den Tag und kämpft sich im Korridor voran, die blaue Grenzlinie auf der Karte stets pingelig im Blick, mit einem Ohr am Funk und mit einem am Auto, damit nur ja kein Missklang überhört wird, der auf einen technischen Defekt hinweisen könnte.

Allein kommt hier keiner durch, es braucht Teamwork

Doch weder die rüstigen Rentner aus dem Schweizer Bundesheer noch der Grenadier machen Probleme: Die ungewöhnliche Bedienung mit den rustikalen Schaltern und der Konsole im Dach erweist sich als extrem hilfreich und geht einem irgendwann in Fleisch und Blut über. Das Drehmoment des BMW-Diesels drückt einen auch durch den dicksten Dreck, der Durst hält sich soweit in Grenzen, dass der Tank durch den Korridor schon reichen wird.
Ineos Grenadier auf der Superkarpata-Rallye
Teamwork ist alles: Bei kniffligen Passagen gehört es zu den absoluten Selbstverständlichkeiten, dass die Teammitglieder die nachfolgenden Fahrzeuge einweisen.
Bild: Thomas Geiger
Und wenn wir das Auto – wie alle anderen Teilnehmer auch – ein bisschen aufgebockt hätten, bekäme der Brite nicht in jeder Bodenrinne eine Bauchmassage, bei der die Fußsohlen der Insassen zu kribbeln beginnen. Nur gut, dass aus der Entwicklung noch ein extra stabiler Unterbodenschutz übrig war, der die Pisten für den nachfolgenden Verkehr planiert wie ein freiwilliger Mitarbeiter des örtlichen Forstamts.

Während andere Teams, die man immer mal wieder trifft, wenn sie einem orientierungslos entgegenkommen oder eine vermeintliche Abkürzung versuchen, von abenteuerliche Storys in improvisierten Werkstatteinsätzen auf Bauernhöfen posten, hält sich das Triple-G-Trio tapfer. Ein Reifen fällt der Drahtkrampe eines ausrangierten Weidezaunes zum Opfer, und der etwas zu innige Kontakt mit der Natur hinterlässt ein paar kosmetische Schäden – doch die Kiste der Pandora mit Werkzeug und Ersatzteilen bleibt bis auf den abendlichen Service geschlossen.

Am Ende sind alle froh, heil durchgekommen zu sein

Nach tagelanger Wildnis, nur unterbrochen von einem kurzen Zwischenstopp in der Zivilisation am Etappenziel, erlauben sich die Novizen deshalb sogar einen Hauch von Optimismus, zumal sie nicht mehr abgeschlagen hinterherzuckeln, sondern immer öfter Begegnungen haben mit sehr viel erfahreneren Teams.
Ineos Grenadier auf der Superkarpata-Rallye
Letztes Gruppenbiild vor dem Finale: Die Mannschaft "Triple G" bestand aus zwei Mercedes G-Modellen und dem Ineos Grenadier, in dem unser Autor Thomas Geiger unterwegs war. Ein echtes Dream-Team.
Bild: Thomas Geiger
Nur um dann doch zu scheitern. Aber dass diesmal weder der Ineos ins Ziel kommt ist noch ein anderes Auto, liegt nicht an Mensch oder Maschine, sondern an den Machtspielen hinter den Kulissen. Denn als wäre es nicht schon schwer genug, seine Tracks durch die Karpaten zu finden, ist der Dschungel der rumänischen Bürokratie offenbar noch dichter.

Der Ineos Grenadier hat seine Feuertaufe in den Karpaten bestanden

Während sich Team Triple G draußen in der Wildnis tapfer geschlagen und der Grenadier die Konkurrenten nachhaltig überrascht und überzeugt hat, sind die Organisatoren in der Sackgasse gelandet und mussten das Event zwei Tage vor dem Zieleinlauf abbrechen. Klar ist das schade und für viele Teilnehmer eine Enttäuschung. Doch wenn wirklich der Weg das Ziel ist, sind am Ende doch alle angekommen – und der Grenadier hat seine Feuertaufe in den Karpaten bestanden.

Fazit

Wer den Drang verspürt, Abenteuer und Freiheit auf vier Rädern zu erleben, der sollte sich die Superkarpata antun. Die Offroadtour durch Rumänien ist ebenso anspruchsvoll wie anstrengend, aber unglaublich beeindruckend. Wichtigster Punkt, damit das Ganze kein Desaster wird: Nicht nur das Team, auch das Auto muss den Strapazen gewachsen sein – so wie der Ineos Grenadier.