Lage im Gebrauchtwagenmarkt: Interview mit mobile.de-CEO Ajay Bhatia
"Recherche und Preisvergleich lohnen sich immer"

Bild: mobile.de
Immer noch zu teuer. Die Preise für Gebrauchtwagen sind 2024 zwar leicht gesunken, bleiben aber auf einem hohen Niveau. Ein gebrauchtes Auto kostet derzeit im Schnitt rund 26.657 Euro – etwa 2.500 Euro weniger als noch im März 2023, als die Preise ihren Höchststand erreichten. Doch von Schnäppchen kann keine Rede sein. Besonders Kleinwagen sind für viele unerschwinglich geworden. Ein acht bis zehn Jahre alter VW Polo, der vor drei Jahren noch etwa 5.900 Euro kostete, liegt heute bei rund 8.800 Euro – ein Anstieg von fast 50 Prozent. Der Grund? Die hohe Inflation und gestiegene Zinsen belasten die Budgets, wodurch die monatlichen Finanzierungskosten ebenfalls deutlich gestiegen sind.
Währenddessen hat sich das Angebot an gebrauchten Elektrofahrzeugen in den letzten Jahren stark ausgeweitet, doch die Käufer bleiben skeptisch. Bedenken zur Batterielebensdauer und der Restreichweite führen dazu, dass viele lieber auf bewährte Verbrenner zurückgreifen. Über diese Entwicklungen und die Herausforderungen auf dem Gebrauchtwagenmarkt spricht Ajay Bhatia, CEO von mobile.de, im Interview. Seit 2022 leitet er die größte Online-Plattform für Gebrauchtwagen in Deutschland und kennt die aktuellen Markttrends und Sorgen der Käufer und Händler genau.
AUTO BILD: Herr Bhatia, welche Automodelle beobachten Sie aktuell privat auf dem "Parkplatz" von mobile.de und was sind die Gründe dafür?
Ajay Bhatia: Ich habe mich den Großteil meiner Karriere mit Autos beschäftigt und bin auch privat von ihnen begeistert. Insofern stöbere ich regelmäßig selbst auf unserer Plattform. Vor kurzem habe ich auf mobile.de mein allererstes Auto wiederentdeckt: den Renault R 18 GTS, den ich 1996 in Australien gekauft habe. Seit ich vor etwas mehr als zwei Jahren nach Berlin gekommen bin, haben es mir die deutschen Marken und Modelle wieder besonders angetan: der Porsche 911 zum Beispiel, ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, aber auch moderne Klassiker wie das VW Golf 1 Cabrio, hier im Sondermodell "Etienne Aigner". Im realen Leben muss ich allerdings pragmatischer denken: Als Familienvater fahre ich mit dem BMW IX derzeit einen Elektro-SUV.
Der Gebrauchtwagenmarkt erlebt gerade eine schwierige Phase. Die Preise sind zwar leicht gesunken, aber für viele immer noch schwer erschwinglich. Was sind die wichtigsten Gründe für diese hohe Preissituation, und wie wirken sich Inflation und Zinsen auf den Markt aus?
Die Neuwagenpreise sind in den letzten zehn Jahren stetig geklettert und der Gebrauchtwagenmarkt hat diesen Trend widergespiegelt. Dazu gab es im Rekordjahr 2022 noch einen zusätzlichen Preisanstieg aufgrund der Auswirkungen der Pandemie und der globalen Lieferketten-Problematik. Die jetzigen Preissenkungen sind eine Reaktion auf das Angebotshoch nach der Pandemie. Wir erleben also eine allmähliche Rückkehr zur Normalität. Das passt zur Preissensibilität der Konsumenten, die von der Inflation und hohen Zinsen geprägt ist. Doch nicht überall fallen die Preise gleich schnell: Bei Benzinern, Diesel-Pkw und Hybriden waren die Rückgänge bislang noch moderat, deutlich gesunken sind lediglich die Preise für gebrauchte E-Autos.
Besonders bei älteren Fahrzeugen sind die Preise stark gestiegen. Ein acht bis zehn Jahre alter Kleinwagen kostet heute fast 50 Prozent mehr als noch vor drei Jahren. Wie können Käufer mit begrenztem Budget trotzdem einen fairen Deal machen?
Recherche und Preisvergleich lohnen sich immer: Je nach Saison, Ausstattung und Fahrzeugstandort können Angebotspreise stark variieren – selbst für ein und dasselbe Modell. Auch dafür können Kaufinteressierte den mobile.de Parkplatz nutzen. So lassen sich 1,4 Millionen Fahrzeuge deutschlandweit miteinander vergleichen und Preissenkungen in Echtzeit automatisch feststellen. Und für diejenigen, die nicht alles auf einmal in ein neues Auto investieren wollen, bieten wir auch alternative Besitzmodelle wie Finanzierung und Leasing an.
Das Angebot an gebrauchten Elektrofahrzeugen ist stark gestiegen, aber die Nachfrage bleibt verhalten. Woran liegt es, dass sich viele Käufer bei E-Autos zurückhalten, und was kann mobile.de tun, um hier Vertrauen aufzubauen?
Aktuell liegen die Angebote vielfach noch über der Zahlungsbereitschaft der Kunden. Für die meisten Käufer sind 31.000 Euro das Limit. Ein Elektroauto kostete auf mobile.de im Schnitt zuletzt aber 7.000 Euro mehr. Diese Preise werden jedoch weiter fallen, wenn neue E-Modelle auf den Gebrauchtwagenmarkt kommen. Unsicher sind die Konsumenten jedoch beim Thema Batterieleistung: Welches Restwertrisiko habe ich, wenn ich ein gebrauchtes Elektroauto in ein paar Jahren weiterverkaufen will? Hier wollen wir mehr Vertrauen in den Markt bringen, indem wir beispielsweise Batteriezertifikate anbieten – und somit mehr Transparenz schaffen, was den Zustand der Akkus angeht. Apropos: Bei gebrauchten Elektroautos bietet sich Leasing ganz besonders an – denn wer sein Auto später wieder abgibt, trägt auch beim Thema Wertverlust kein Risiko.
Viele Menschen beginnen ihre Autosuche online, aber sie wollen immer noch eine Probefahrt machen und den Wagen vor dem Kauf persönlich sehen. Wie lässt sich diese hybride Kaufgewohnheit am besten unterstützen, und welche neuen Funktionen bietet mobile.de dafür an?
Online-Shopping ist heute so schnell und einfach wie nie zuvor. Aus diesem Grund haben die Konsumenten beim Autokauf zunehmend Erwartungen wie bei Amazon & Co. Deshalb haben wir bei mobile.de beispielsweise den Online-Kauf eingeführt, bei dem das Fahrzeug bis vor die Haustüre geliefert wird und nach einer Probefahrt auch wieder zurückgegeben werden kann. Gerade ältere Kunden testen ihr Fahrzeug jedoch nach wie vor lieber vor Ort beim Händler ihres Vertrauens. Darum arbeiten wir daran, alle Phasen des Autokaufs sowohl digital als auch analog abzubilden und möglichst nahtlos ineinander zu integrieren.
Die Standzeiten bleiben hoch – im Schnitt über 100 Tage. Welche Maßnahmen können Händler ergreifen, um die Fahrzeuge schneller zu verkaufen, und wie unterstützt mobile.de dabei?
In einem umkämpften Markt ist intelligente Fahrzeugvermarktung wichtiger als je zuvor. Auf mobile.de haben wir gerade ein umfassendes Plattform-Update für unsere Händler an den Start gebracht. Im Mittelpunkt stehen KI-gestützte Marktanalysen, die deutschlandweite Vergleiche mit Konkurrenzangeboten erlauben. Damit kann das Inventar gezielt optimiert und noch erfolgreicher am Markt platziert werden. Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg liegt in der Erzielung digitaler Reichweite. Als größter Fahrzeugmarkt liefern wir dem Handel bereits heute die höchste Nachfrage in Deutschland. Wir bieten Händlern jedoch ebenso die Möglichkeit, Werbung und Inserate zielgruppengenau über Google und auf den einschlägigen Social-Media Plattformen außerhalb von mobile.de auszuspielen.
Abschließend, Herr Bhatia: Wie sehen Sie die Zukunft von mobile.de? Wird es irgendwann so weit kommen, dass Autos nur noch online gekauft werden? Welche Veränderungen sind nötig, damit das möglich wird, und wie kann mobile.de diesen Prozess vorantreiben?
Ich gehe davon aus, dass die unterschiedlichen Aspekte des Autokaufs in Zukunft noch stärker miteinander verschmelzen werden. Die Konsumenten wollen maximale Flexibilität und unmittelbare Verfügbarkeit – sowohl online als auch offline. Die Entwicklung digitaler Technologien wird diese Entwicklung zusätzlich intensivieren. In dieser schnelllebigen Welt wollen wir weiterhin Partner und Problemlöser für unsere Kunden sein: Als Marktplatz und Orientierungsgeber für Konsumenten sowie als Vermarktungs- und Technologiepartner für den Fahrzeughandel.
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