Iran Khodro, Saipa und Co
Die irren Autos aus dem Iran

Neuwagen auf Plattform von 1987, eine Kombi-Ente, ein Peugeot 206 mit 207-Front und ein Renault mit Kia-Technik: wilde, reizvolle Autos aus dem Iran!
Bild: Irman Kazzazi; Saipa; @iran_jeep_talebzadeh
Im Iran und im Nahen Osten geht es gerade um die großen Dinge: um Freiheit. Um Schuld und Sühne. Um Diktatur oder Demokratie. Um Macht. Um Öl und die Weltwirtschaft. Um Atombomben und wer wem damit droht, ihn auszulöschen. Außerdem um viel, viel Geld und die Gefahr einer Rezession.
So blicken Autofans auf den Iran
Aber Autofans können sich nicht verkneifen, mit den Augen des Liebhabers auf dieses Land zu sehen, das sich vom Westen so abgeschottet hat und teils auch abgeschottet wurde: Welche Autos gibt es im Iran? Welche werden dort heute hergestellt, und was sind die typisch iranischen Oldtimer und Youngtimer? Was verbirgt sich hinter Namen wie Iran Khodro, Saipa, Paykan, Samand oder R5 PK?

Stau in Teheran. Im Iran mit seinen rund 88 Millionen Einwohnern sind laut z4car.com rund 19,6 Millionen Kfz angemeldet, davon schätzungsweise 17 bis 18 Millionen Pkw. Bis Juni 2024 wurden erst 10.000 Elektrofahrzeuge importiert; inzwischen werden die ersten iranischen Elektroautos gebaut.
Bild: dpa / picture-alliance
AUTO BILD zeigt – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – wichtige und kuriose Autos aus persischer Produktion. Und da haben wir wirklich irres Zeug gefunden. Beispiele?
- Ein Auto mit Kia-Technik aus den 80er-Jahren, aber mit einer Renault-Karosserie aus den 70er-Jahren.
- Ein Peugeot 206 mit 207-Front.
- Ein Auto, für das die Iraner offenbar Lizenzgebühren in die USA zahlen mussten – zu einer Zeit, als längst die amerikafeindlichen Ayatollahs am Ruder waren.
- Ein Neuwagen von heute, der auf einer fast 40 Jahre alten Plattform steht.
- Eine Ente – Citroën 2 CV – als Kombi.
- Ein Kübelwagen wie der Citroën Méhari, aber mit Karosserie aus Metall.
Also: viel Spaß!
Zur Einordnung: Im Iran werden fast so viele Autos gebaut wie in Frankreich, in normalen Jahren mehr als eine Million. Genauere Zahlen stehen in diesem Artikel, in dem wir aufdröseln, was der bewaffnete Konflikt für Autofahrer und Autokäufer in Deutschland bedeuten könnte.
Die beiden großen Hersteller: Iran Khodro und Saipa
Zwei Marken dominieren die iranische Autoindustrie: Die größere ist Iran Khodro (IKCO), die kleinere Saipa, beide mit Sitz in Teheran.
Der legendäre Paykan machte Iran Khodro groß
Iran Khodro wurde 1962 als Iran Nasional gegründet und montierte von 1967 bis 2005 (Pick-up bis 2015) das iranische Auto schlechthin: den Paykan. Das war praktisch der Hillman Hunter aus der britischen Rootes-Gruppe. Zunächst kamen alle Teile aus England (CKD, "completely knocked down") und wurden im Iran nur montiert; seit Ende der 70er-Jahre produzierten die Iraner den Paykan weitgehend aus iranischen Teilen.

Was für Deutschland der VW Käfer, ist für den Iran der Paykan: der Oldtimer schlechthin. Dieser hier wurde als Mahnmal für Menschenrechte am Oslo Freedom Forum ausgestellt.
Bild: picture alliance / Associated Press
Später baute Iran Khodro vor allem Peugeot-Modelle in Lizenz, zum Beispiel auf Basis von Peugeot 405 und 206.

Dieser Paykan aus den 80er-Jahren trägt die neue Front mit großen Scheinwerfern.
Bild: Irman Kazzazi
Das "nationale Auto": der IKCO Samand
Das berühmteste Peugeot-Derivat ist der IKCO Samand, der 2001 auf den Markt kam und den Paykan als das "nationale Auto" des Iran ablösen sollte. Auch seine Plattform stammt vom Peugeot 405, aber die Karosserie war neu gestaltet.

Der IKCO Samand wurde vom 2001 bis 2022 gebaut – nicht nur in Teheran, sondern zeitweise auch in Belarus, Syrien, Aserbaidschan, Venezuela und im Senegal.
Bild: Iran Khodro
Kunden hatten die Wahl zwischen Motoren von Peugeot (100 bis 110 PS) und dem 113 PS starken EF7-Motor, einer gemeinsamen Entwicklung von Iran Khodro Powertrain und der deutschen Firma FEV in Aachen. Er konnte teils auch mit Erdgas (CNG) gefahren werden.
Das große Hin und Her wegen Sanktionen gegen den Iran
Wegen internationaler Sanktionen kündigte Peugeot 2012 die Zusammenarbeit mit Iran Khodro, 2016 gründeten sie wieder ein Joint Venture, 2018 war erneut Schluss.
Iran Khodro und Saipa fehlt also Planungssicherheit. Also wurde es typisch für iranischen Automobilbau, Plattformen jahrzehntelang beizubehalten und Modelle auf alter Basis weiterzuentwickeln.

Bild: dpa / picture-alliance

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IKCO Soren+: Neuwagen auf 39 Jahre alter Plattform
So basiert der aktuelle IKCO Runna+ auf dem Peugeot 206, der 1998 erschien, und der aktuelle IKCO Soren+ als Nachfolger des Samand immer noch auf dem Peugeot 405, der schon 1987 auf den Markt gekommen war.

2007 erschien der IKCO Soren; seit dem Facelift 2020 heißt er Soren+ oder Soren Plus. Die Plattform stammt vom Peugeot 405 ab.
Bild: privat (قندون) via Wikipedia
Jüngstes Modell ist der IKCO Reera, ein SUV, vorgestellt 2024. Wie die Stufenhecklimousine IKCO Tara basiert auch der Reera auf dem Peugeot 301 aus der Generation des 308.

Bild: Iran Khodro
Saipa: Es begann mit Citroën, der Ente und dem Jyane
Die Geschichte des Konkurrenten Saipa ist ganz ähnlich: 1965 wurde die Firma SAIPAC gegründet – das C stand für Citroën, denn es ging darum, Citroën-Modelle in Lizenz zu montieren, zunächst den 2CV.

Bild: Saipa

Bild: Saipa
1968 begann die Großserienfertigung mit der Dyane, jener modernisierten Ente mit breiterem Innenraum und großer Heckklappe. Ihr Name im Iran: Jyane.

Bild: Saipa
Der Anti-Méhari von der Elfenbeinküste
Und dann war da noch die Geschichte von den beiden Franzosen in Abidjan (Elfenbeinküste), die den Baby Brousse konstruierten und bauten: einen simplen Kübelwagen mit Technik vom Citroën Ami 6. Citroën kaufte den beiden 1969 die Lizenz ab. Verschiedene Varianten wurden in acht oder neun Ländern zusammengesteckt – mehr als 9000 davon, also fast ein Drittel, im Zeitraum von 1970 bis 1976 im Iran.
Dabei hatte Citroën selbst etwa zur selben Zeit den konzeptionell ganz ähnlichen Méhari entwickelt. Im Gegensatz zum Méhari mit seiner Kunststoffkarosserie aber hat der Baby Brousse eine Metallkarosserie, übrigens ohne Schweißnähte. Dennoch nannten die Iraner den Wagen Jyane Mehari.

Bild: Saipa
Der Renault 5 eroberte den Iran
Später montierte Saipa auch zwei Modelle von Citroëns Erzfeind Renault: von 1977 an den R5 als Saipa 5. Die Tochterfirma Pars Khodro übernahm das Modell und nannte es Sepand.

Bild: Mardetanha via Wikipedia
Auf den R5 kommen wir gleich noch mal zurück. Auch der Renault 21 und die zweite und dritte Generation des Renault Mégane wurden unter dem Dach von Saipa montiert.

Bild: privat
Die bunte Welt der Saipa-Lizenzbauten
Wir haben hier ein gutes Stück abgekürzt, denn die Geschichte der Lizenzbauten, die Saipa aufgelegt hat, ist ausgesprochen bunt und kleinteilig. Los ging es ausgerechnet mit Jeeps aus Amerika, es gab Rambler-Ableger und eine ganze Menge GM-Derivate.
Natürlich war es mit Kooperationen zwischen dem Iran und den USA nach 1979 vorbei. "Tod den USA!" wird dort schließlich täglich skandiert. Oder? – Nicht ganz: Seltsamerweise wurde der Jeep Wrangler der Baureihe YJ (die mit den eckigen Scheinwerfern) von 1989 an viele Jahre bei Pars Khodro montiert und als Jeep Sahra verkauft. Wer wen mit dem Sahra-Wagen knechtete, wissen wir nicht.

Bild: @iran_jeep_talebzadeh
Lizenzgeber aus aller Welt
Saipa kaufte die Produktionsanlagen des Pick-ups Nissan Junior von 1970, der 1982 eingestellt wurde, und baute ihn mindestens bis 2017 weiter. Auch der Nissan Pathfinder und der bei uns unbekannte Nissan Maxima von 2008 bekamen Geschwisterchen im Iran.
Den Citroën Xantia und C3 und die chinesischen Modelle Changan Eado und Dongfeng Rich montierten ebenfalls die Kollegen von Saipa.
Wie der Kia Pride den Iran veränderte
Vollgaspriester sparten 1987 nicht mit spöttischen Kommentaren, als die damalige Billigmarke Kia aus Korea einen neuen Kleinwagen herausbrachte – und ihn Kia Pride nannte. Pride wie Stolz. Dabei war der Pride nur ein Lizenzbau des ersten Mazda 121.
1993 aber zog Saipa im Iran seinen ganzen Stolz daraus, diesen Lizenzbau seinerseits in Lizenz zu bauen.

Bild: Saipa
Die Iraner entwickelten ihn als Saipa Pride sogar weiter: 2003 zum Fünftürer mit Schrägheck (Saipa 141), 2008 zum Pick-up (Saipa 151). Außerdem boten sie ihn als fünftürigen Hatchback (Saipa Nasim), viertüriges Stufenheck (Saipa Saba) und fünftürigen Kombi (Saipa Safari) an.

Bild: picture alliance / imageBROKER
Sie verpassten ihm 2008 auch ein eigenes Facelift und nannten ihn Saipa 132. Nach einem weiteren Facelift 2010 hieß der Fünftürer Saipa 111.

Bild: Saipa

Bild: 'Saipa
Zeitweise führte der Pride unangefochten die Zulassungsstatistik des Iran an.
Die Kia-Geschichte im Iran ging mit der ersten und der zweiten Generation des Kia Rio weiter.
Renault PK: ein Renault 5 mit Kia-Technik
Hier müssen wir noch mal auf den Renault 5 zurückkommen. Denn ziemlich verrückt ist das Konzept des Renault PK (ab 2000 bis 2005, als "New PK" bis 2007): Unter der alten Karosserie des Renault 5 aus den 70er-Jahren steckt die jüngere Technik des Kia Pride aus den 80er-Jahren!

Bild: privat
Die vielen Formen des Dacia Logan aus dem Iran
Seit 2004 gibt es Renault Pars, ein Joint Venture zwischen Renault und den Konkurrenten Iran Khodro und Saipa. Mit Teilen aus Frankreich und Rumänien und mit Motoren aus dem Iran lief der Dacia Logan als Renault L90 und Renault Tondar 90 vom Band. 2010 bis 2012 gab es auch eine Variante mit Erdgasantrieb (CNG).

Bild: Renault Pars
2018 stieg Renault aus – die Sanktionen. Der Logan wurde als Saipa-Renault Pars Tondar weitergebaut, nach 2023 haben wir den Namen Pars Khodro Cadilla gefunden.
Saipa Tiba: das einzige ursprünglich iranische Auto?
Ein Modell pries Saipa als Eigenentwicklung an, als "all-iranisches" Auto: den Saipa Tiba. Er war ein sehr preisgünstiges Auto, als Fünftürer mit 4,10 Meter etwas länger als ein VW Polo, auch mit Stufenheck zu haben. Bei der Entwicklung des 1,5-Liter-Vierzylinders half wieder die deutsche Firma FEV. Aber iranische Medien wiesen dann doch darauf hin, dass die "X200"-Plattform und der Motor aus der Technik des Kia Pride weiterentwickelt worden waren.

Bild: Saipa
Bei der Präsentation des Saipa Tiba Ende 2008 betonte Saipa, dass an der Fertigung 122 iranische Firmen beteiligt wären. 2014 berichteten Medien, dass nur 20 Prozent der Tiba-Teile aus dem Iran kämen.
Die aktuellen Modelle Saipa Saina, Quik, Atlas und Sahands sind Weiterentwicklungen des Tiba. Auch in ihnen finden sich also noch Spuren des Mazda 121 von 1986.
Sie glauben, das wären schon viele Modelle? Über die diversen Mazda-, Isuzu- und China-Lizenzautos der Bahman Group oder die China-Derivate von Kerman Motors haben wir noch gar nicht gesprochen, über den Sinad von Kish Khodro mit Renault-Technik und Kunststoffkarosserie auch nicht. Es gibt noch viel zu entdecken!
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