Keine Panik, Lamborghini packt nicht den Holzhammer aus, wie es etwa AMG vorhat. Die ersetzen ihren famos bollernden V8 im nächsten Mercedes-AMG C 63 ja bekanntlich durch einen elektrifizierten Vierzylinder. Der V12 bleibt – sogar frei saugend und ohne Zwangsbeatmung, mit 780 PS und 720 Nm Drehmoment. Aber in dieser Form, ohne jedwede Elektro-Krücke, ist der Aventador Ultimae der Letzte seiner Art. Und von diesen baut Lamborghini exakt 600 Stück. 250 Roadster und 350 Coupés.

Glatte 400.000 Euro ruft Lamborghini für das Coupé auf, noch mal zehn Prozent mehr macht der Roadster-Aufschlag aus. Dabei ist das Dachprozedere echt eine Krux. Zwei Dachhälften, die manuell herausgenommen und in strikter Reihenfolge im Vorderwagen verstaut werden wollen. Um an die Entriegelung zu kommen, muss erst der Sitz nach vorn gefahren werden – ergonomisch schaut anders aus. Aber all diese kleinen Schrulligkeiten machen den Charakter des Aventador aus.

Aventador-Arbeitsplatz mit Audi-Anleihen

Elf Jahre ist es her, dass Lamborghini den Nachfolger des Murciélago auf dem Genfer Salon vorgestellt hat. Was waren wir damals hingerissen von der betörenden Form – und irritiert von den offensichtlichen Audi-Knöpfen im Interieur. Ist heute noch genauso, auch wenn ein Stück Nostalgie dazukommt, denn die Bedienlogik befördert uns zurück in längst vergessen geglaubte Zeiten. Auch das haken wir unter Charakter ab.
Lamborghini Aventador Ultimae
Alte Bekannte: Die Audi-Knöpfe im Cockpit fallen heute unter Nostalgie. Auch die Bedienlogik ist aus einer anderen Zeit.

Es wird Zeit für einen Aventador-Nachfolger

Als wir die ersten Meter aus dem schmucklosen Industriegebiet in Sant'Agata heraushoppeln, kommen uns jedoch erste Zweifel. Die Rückenlehne des Sitzes schabt und knarzt an der Innenverkleidung, das sequenzielle Getriebe schaltruckt fast wie das unsägliche automatisierte Schaltgetriebe einst im Citroën C4 Cactus. So viel Charakter können wir einem einzelnen Auto dann doch nicht zusprechen. Es stimmt schon: Langsam wird es echt Zeit für den Nachfolger.
Lamborghini Aventador Ultimae
Knochentrocken: Schlechte Fahrbahnoberflächen reicht der Aventador Ultimae nahezu ungefiltert an die Insassen weiter.

Im Ultimae ist das Fahren durchaus hart

Nichtsdestotrotz prügeln wir den Ultimae noch ein finales Mal über die norditalienischen Serpentinen, auf die man uns führt. Nicht, dass die irgendwas mit Straßen im deutschen Sinne zu tun hätten. Eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern, unterbrochen von vereinzelten Asphaltfetzen – das beschreibt es am treffendsten. Der Aventador bolzt störrisch darüber hinweg, reicht aber jede noch so kleine Unebenheit marginal gefiltert ins Pilotenkreuz durch.
Lamborghini Aventador Ultimae
Asphaltrakete: Wenn die vollen 780 PS abgerufen werden, sprintet der Ultimae in atemberaubenden 2,8 Sekunden auf Tempo 100.
Der Kopf hüpft im Innenraum hin und her, dass uns kurzzeitig die Sicht verschwimmt. Nur gut, dass wir bereits das Dach abmontiert haben. Kopfweh und ein gestauchter Nacken wären sonst unvermeidbar.

Die Winterreifen bremsen den Lambo ein

Und wie fährt sich das Gerät nun, fragen Sie? Im Grunde ein bisschen weniger puristisch als ein SVJ. Die Vorderachse fühlt sich an, als hätte man die Lenkstange direkt in der Hand, dabei dennoch verbindlich, weil dezente Antriebseinflüsse ihren Senf dazugeben. Und dabei haben wir noch Winterreifen aufgeschnallt. Die winseln freilich um Gnade, doch diese gewähren wir ihnen heute nicht.

Zum Erlebnis gehört die infernalische Akustik

Mit der Schaltung ist das so eine Sache: Ihren ruckeligen Charakter haben wir vorhin schon gerügt, jedoch stelzt sie nur bei Teillast und Schleichfahrt ungelenk die nächste Fahrstufe rein. Sobald der Pilot den Hammer fallen lässt, verschmilzt alles zu einem harmonischen Ganzen. Anbremsen, runterschalten, einlenken, Ba-Baaam! Im Heck feuern die zweiflutigen Ofenrohre eine Salve auf den rückwärtigen Verkehr. Irre!
Lamborghini Aventador Ultimae
Volle Breitseite aus zwei Endrohren: Der Ultimae klingt exakt so, wie ein Lamborghini mit V12 im Heck klingen muss.
Beim Einlenken reagiert der Sottozero noch exakt, am Kurvenausgang schmieren wir allerdings heftig Richtung Abhang. Wollen wir es mal nicht übertreiben. Der Allrad ist tendenziell hecklastig ausgelegt – sehr hecklastig. Mit aktiven Fahrhilfen streckt der Ultimae aber selbst im Corsa-Modus nur ganz dezent den Allerwertesten raus. Narrensicher, aber sicher närrisch. Vor allem akustisch. Wir hoffen, dass der Neue ähnlich infernalisch brüllen darf. Das ist nämlich wahrer Charakter.

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Ab Sonntag, dem 28. August 2022, zeigt BILD TV immer sonntags um 13 Uhr jeweils zwei von insgesamt zwölf Folgen des neuen BILD-Originals AUTO BILD – DAS MAGAZIN. Moderiert von Sidney Hoffmann. Die Reporter von AUTO BILD testen und präsentieren zusammen mit Sidney. Hier geht's direkt zum Stream.