"Heute wird ein unvergesslicher Tag!" Mit diesen Worten leitet Fermín Soneira, neuer CTO bei Lamborghini, seine Präsentation ein. Und fügt hinzu, dass der Revuelto SV das beste Auto sei, das er je gefahren ist. An Superlativen wird also nicht gespart. Kein Wunder, schließlich ist der Revuelto SV der bislang stärkste und schnellste Serien-Lamborghini. Angesichts dieser Vorschusslorbeeren muss daer SV jetzt abliefern!
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Dazu hat Lamborghini auf das Autodromo Vallelunga eingeladen. Kein Zufall, denn auf der 4,09 Kilometer langen Rennstrecke in der Nähe von Rom wurde auch der Revuelto präsentiert. Das ist zwar schon drei Jahre her, doch die schnellen Runden im V12-Flaggschiff sind mir bis heute im Gedächtnis geblieben.
Und aus genau diesem Grund bin ich skeptisch. Schon der "normale" Revuelto (diese beiden Wörter in einem Satz zu verwenden, fühlt sich falsch an) ist nicht nur unglaublich schnell, sondern auch sehr performant. Mein Fazit aus dem Jahr 2023 lautete: "Die Zeiten, in denen ein Lamborghini in erster Linie ein Poserauto war, sind schon lange vorbei. Mit dem Revuelto machen die Italiener aber einen enormen Schritt in Sachen Performance. Vor diesem Supersportwagen müssen sich Ferrari, McLaren und Porsche in Acht nehmen."

Lamborghini zieht alle Register

Wer jetzt denkt, dass Lamborghini dem SV lediglich ein paar PS mehr, einen feststehenden Flügel und eine auffällige Lackierung verpasst hat, der irrt sich – und zwar gewaltig. Um zu verstehen, wie viel Detailarbeit im neuen Sondermodell steckt, muss man den SV erleben. Also Sturmhaube an, Helm auf und ab auf die Strecke!
Lamborghini Revuelto SV
Auf der Rennstrecke in Vallelunga ist der Revuelto SV in seinem Element. Die Summe aus neuem Fahrwerk, noch stärkerer Bremse und Semislicks hebt die Performance auf ein neues Level.
Bild: Automobili Lamborghini
Ich starte im "Corsa"-Modus, ein getarnter Revuelto SV gibt die Pace vor. Wir beginnen langsam, um die speziell für den Revuelto SV entwickelten Bridgestone Potenza Race R auf Temperatur zu bringen. Am Ende der Runde zieht der Instruktor das Tempo an. Das erste Aha-Erlebnis habe ich beim Anbremsen der "Cimini 1", als ich bei 260 km/h in die Eisen gehe, und zwar deutlich zu früh.
Der Grund dafür ist die neue CCM-R Plus-Bremse. Was erst mal klingt kryptisch, lässt sich relativ einfach übersetzen: CC steht für Carbonkeramik, M für Material und R für Racing. Die in Kooperation mit Brembo entwickelte Bremsanlage setzt auf 420 Millimeter Scheiben an der Vorder- und 410 Millimeter an der Hinterachse, die mit einer speziellen Beschichtung versehen sind, um einerseits sofortige Bremsleistung zu gewährleisten, aber andererseits auch eine längere Halbwertszeit zu bieten. Einziger Nachteil: Ersatz ist teuer!
Am Steuer habe ich keine Zeit, darüber nachzudenken, denn der Instruktor vor mir lässt es ordentlich fliegen. Im Laufe der ersten Runden fällt mir auf, wie stabil der Revuelto SV in den Highspeed-Passagen ist. Das gilt insbesondere für die "Curva Grande", eine superschnelle Rechtskurve, auf die ein noch schnellerer Linksknick folgt. Verglichen mit dem normalen Revuelto konnte der Abtrieb beim SV durch zahlreiche Maßnahmen um 80 Prozent erhöht werden, und das spüre ich in diesem Moment.
Lamborghini Revuelto SV
Nach den ersten schnellen Runden weicht meine Skepsis der Begeisterung. Auf der Rennstrecke sind die Unterschiede größer als gedacht.
Bild: Automobili Lamborghini
Nach drei fliegenden und einer Abkühlrunde geht es in die Box. Ich schäle mich aus dem SV und muss zugeben, dass ich überrascht bin. Die Unterschiede zwischen Revuelto und Revuelto SV scheinen größer als gedacht. Um meine erste Einschätzung zu bestätigen, muss ich aber mehr fahren. Gut, dass Lamborghini mir heute insgesamt 25 Runden Zeit gibt, das fünfte SV-Modell der Geschichte nach Miura (1971), Diablo (1996), Murciélago (2009) und Aventador (2015) zu testen.

Neuer "Pilota"-Modus

Deshalb keine Zeit verlieren und wieder raus auf die Strecke. In meinem zweiten Stint teste ich den neuen "Pilota"-Modus. Über einen kleinen Drehregler am Lenkrad lässt sich die Traktionskontrolle in fünf Stufen feinjustieren. In etwa so, wie man es aus einem Rennwagen kennt. Stufe eins bedeutet volle Unterstützung, in Stufe fünf bin ich mehr oder weniger auf mich allein gestellt. Ich starte in Stufe zwei.
Lamborghini Revuelto SV
Der 6,5 Liter große V12-Saugmotor leistet unveränderte 825 PS. Die Mehrleistung wird über die Elektromotoren generiert, zudem wurde die Batteriekapazität von 3,8 auf 7,3 kWh erhöht.
Bild: Automobili Lamborghini
Am Ende der Aufwärmrunde geht es auf die Start-Ziel-Gerade, ich gebe Vollgas. Dank warmer Semislicks und intelligenter Systeme, ist Schlupf kein Thema. Mit 1065 PS und 1425 Nm macht der SV (steht für "super veloce", frei übersetzt "superschnell") seinem Namen alle Ehre. Das Sondermodell hat noch mal 50 PS und 25 Nm mehr als der Revuelto, die ausschließlich über die Elektromotoren generiert werden. Das Leistungsgewicht verbessert sich auf 1,66 kg/PS.
Aber Zahlen können diese Beschleunigung nicht im Ansatz beschreiben. Die Art und Weise wie der SV sich nach vorne beamt, ist fast schon überwältigend. Im Augenwinkel sehe ich das Drehzahlband, bei 9500 U/min knalle ich den nächsten Gang rein. Ob die Schaltzeiten tatsächlich um 30 Prozent verkürzt wurden, kann ich nicht sagen – ich weiß nur, dass Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe ultraschnell ist.

Die Verzögerung ist brutal

Vor der "Curva Grande" bremse ich etwas ab, bleibe im fünften Gang, der folgende Linksknick geht voll. Ich wähle einen späteren Bremspunkt für "Cimini 1" und bin immer noch viel zu früh dran. Die Verzögerungsleistung des Revuelto SV soll 3,4 Megawatt und somit mehr als bei manchem Rennwagen betragen. Von 200-0 km/h soll der SV nach nur 110 Metern stehen. Nicht weniger beeindruckend ist das Einlenkverhalten des 4,94 Meter langen Lambo. Zwar konnten die Ingenieure beim SV 15 Kilo einsparen, mit 1772 Kilo trocken ist er aber immer noch kein Leichtgewicht. Umso bemerkenswerter, wie gut der Hardcore-Revuelto sein Gewicht kaschieren kann.
Lamborghini Revuelto SV
Die Fahrleistungen sind schon auf dem Papier beeindruckend: 0-100 km/h in 2,4 Sekunden, 0-200 km/h in 6,7 Sekunden. Topspeed? 348 km/h!
Bild: Automobili Lamborghini
Sobald die Semislicks, deren Lauffläche sich nicht groß von einem Slick unterscheidet, auf Temperatur sind, lässt sich der Revuelto SV fast schon spielerisch in die Kurven werfen. Der Pilota-Modus unterstützt den Fahrer dabei hervorragend. Während ich in Stufe zwei noch keinen großen Unterschied spüre, dreht sich das Heck in Stufe vier spürbar ein. Zudem lassen die Systeme am Kurvenausgang leichten Schlupf zu.

Im Grenzbereich überraschend berechenbar

Ich merke, wie ich Runde für Runde schneller werde. Anfänglich noch von der überwältigenden Leistung und der schieren Größe eingeschüchtert, gewinne ich immer mehr Vertrauen in den Revuelto SV. Es mag verrückt klingen, aber der schnellste Lambo aller Zeiten ist im Grenzbereich überraschend berechenbar.

Voll einstellbares Fahrwerk mit neuer Kinematik

Das liegt neben der optimierten Aerodynamik auch am aus dem Motorsport abgeleiteten Fahrwerk. Anstelle der semi-adaptiven Dämpfer des Revuelto setzt der SV auf vierfach einstellbare Dämpfer, die in Zusammenarbeit mit den Spezialisten von KW exklusiv für das Sondermodell entwickelt wurden. Doch damit nicht genug, denn für den SV wurde sogar die Kinematik der Hinterachse verändert. Die neue Fahrwerkgeometrie der Doppelquerlenker-Aufhängung verringert nicht nur den Sturzverlust um zwölf Prozent, sie spart auch noch 2,3 Kilo ungefederte Massen ein.
Ich gebe zu, dass das alles sehr theoretisch klingt, aber der Unterschied ist auf der Rennstrecke deutlich spürbar. Interessant wäre es herauszufinden, ob mit dem manuell einstellbaren Fahrwerk tatsächlich keine Komforteinbußen auf der Straße einhergehen – denn genau das verspricht Lamborghini.
Lamborghini Revuelto SV
In Deutschland kostet der Revuelto SV in der Basis rund 583.000 Euro, das sind rund 80.000 Euro Aufpreis zum Revuelto. Überraschend: Das Sondermodell ist noch nicht ausverkauft.
Bild: Automobili Lamborghini
Der Revuelto SV ist übrigens nicht der erste Serien-Lamborghini mit einem voll einstellbaren Fahrwerk. Bereits 2024 wurde das auf nur zehn Exemplare limitierte Sondermodell Huracán STJ mit mechanisch verstellbaren Dämpfern ausgestattet. Beim finalen Huracán mussten Druck- und Zugstufe allerdings noch aufwendig mit einem Spezialwerkzeug eingestellt werden, beim SV geht das deutlich einfacher per Klick. Serienmäßig wird jeder Revuelto SV mit einem Komfort-Setting ausgeliefert, im Handbuch sind drei weitere Setups vermerkt. Für den heutigen Rennstrecken-Test hat Lamborghini die "Race"-Abstimmung des Fahrwerks gewählt.

Die Semislicks wurden für den SV entwickelt

Auf dem 4,09 Kilometer langen Autodromo Vallelunga soll der SV dem normalen Revuelto rund vier Sekunden abnehmen. Auf dem Grand-Prix-Kurs des Hockenheimrings hat er mit einer Fabelzeit von 1:41,6 sogar einen Rekord aufgestellt. Ein wichtiger Faktor dafür sind die Reifen: Zusammen mit Bridgestone wurde der Semislick Potenza Race R in den Dimensionen 265/35 ZR 20 und 345/30 ZR 21 entwickelt, der in Vallelunga bei sommerlichen Bedingungen schnell auf Temperatur kommt und einen extremen Grip bietet. Auf Nachfrage erfahre ich, dass der Reifen bei diesen Konditionen rund 30 Runden halten soll. Im Straßenverkehr sollen es maximal 5000 Kilometer sein.
Apropos, auf der Straße konnte ich den Revuelto SV zwar nicht fahren, doch das hole ich hoffentlich nach. Auf der Rennstrecke hat mich das neue Sondermodell komplett überzeugt. Dabei gibt es nicht das eine Feature, sondern vielmehr die Summe aller Veränderungen, die den SV unfassbar schnell, aber gleichzeitig überraschend beherrschbar, macht. Wenn ich allerdings eine Eigenschaft hervorheben sollte, wäre es die Bremsleistung: Ich bin noch kein straßenzugelassenes Auto gefahren, das mit einer solchen Vehemenz verzögert – einfach brutal.
Und Kritik? Ehrlicherweise fallen mir nur subjektive Punkte ein: Ich bin kein Fan der schwarz abgesetzten Fronthaube, wobei das genauso eine Kleinigkeit ist wie die Sportsitze, die mir auf der Rennstrecke zu wenig Seitenhalt bieten. Gut, dass der Revuelto SV optional mit Vollschalensitzen erhältlich ist, die auch noch zehn Kilo einsparen und bequemer als die vom Aventador SV sind.
Lamborghini Revuelto SV
Die optionalen Carbon-Schalensitze sehen nicht nur gut aus, sie sparen auch zehn Kilo. Außerdem sind sie nicht mehr so knüppelhart wie die Schalensitze aus Aventador SV und SVJ.
Bild: Automobili Lamborghini

So viel kostet der Revuelto SV

Und dann ist da noch die Limitierung: Lamborghini will 1963 Revuelto SV bauen. Vom Vorgänger Aventador SV entstanden 600 Coupé plus 500 Roadster. Nur auf das Coupé beschränkt hat Lamborghini die Stückzahl mehr als verdreifacht, was die Italiener mit einer deutlich gestiegenen Nachfrage erklären. Für mich fühlt es sich hingegen so an, als würde die Exklusivität leiden. Andererseits bin ich auch nicht in der Position mindestens 583.000 Euro für einen Revuelto SV zu bezahlen. Der Aufpreis zum normalen Revuelto liegt bei etwa 80.000 Euro. Und tatsächlich ist der Revuelto SV noch nicht ausverkauft.
Am Ende des Tages habe ich noch die Chance, mir meinen schnellen Runden am Bildschirm anzuschauen, denn der Revuelto SV wird optional (Teil des Vision Pack) mit einem umfangreichen Telemetriesystem ausgeliefert. Das umfasst nicht nur drei unterschiedliche Kameraperspektiven, sondern auch 218 eingespeicherte Rennstrecken auf der ganzen Welt. Nachdem ich Vallelunga abgehakt habe, fehlen nur noch 217!
Die Teilnahme an der Reise zum Revuelto SV wurde unterstützt von Lamborghini. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit.

Fazit

Nach 25 Runden in Vallelunga bin ich beeindruckt. Ich hätte nicht gedacht, dass die Unterschiede so groß sind. Einlenkverhalten, Bremsleistung und die schiere Performance – der SV fühlt sich in allen Punkten noch mal spürbar schärfer an. Ich lege mich fest: Der Revuelto SV ist aus fahrdynamischer Sicht der beste Lamborghini, den ich bislang gefahren bin – und zwar mit ziemlich großem Abstand!