Lancia Delta HF 4WD: Test
Sportler für den Alltag: Lancia Delta HF mit Allradantrieb

Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Auch deshalb steht einem Delta HF 4WD klares Weiß mit dem schönen Namen Bianco Corfu so gut – er sieht damit aus, als würde er nur noch auf "Martini"-Farben und Sponsoren-Aufkleber warten. Sechs WM-Titel zwischen 1987 und 1992 in der Gruppe A sind ein Wort. Welcher Vertreter der Golf-Klasse kann schon auf eine solche Rennsport-Karriere zurückblicken? Gleich zu Beginn der langen Laufbahn konnte der Delta mit der Auszeichnung "Auto des Jahres 1980" den ersten großen Sieg verbuchen – das schaffte vor und nach ihm kein anderer Lancia. Für die große, alte Ingenieursmarke war der Premium-Kompakte zugleich Wendepunkt und Neuanfang.
Dass er konstruktiv und stilistisch in den Siebzigern wurzelt, lässt sich der technisch hochgerüstete, sportlich angezogene HF 4WD nicht anmerken. Permanenter Allradantrieb mit zwei Differenzialen und ein DOHC-Vierzylinder mit Turbo und Ladeluftkühlung stecken drin, damit kommt der Lancia zu einem ganz anderen Ergebnis als der Audi. Der 165 PS starke Four-Wheel-Drive-Delta ist ein Sportwagen, der eher beiläufig vier Türen und eine große Heckklappe mitbringt.
Sportlicher Touch
Der helle Klang der Türen beim Zuschmeißen, das grau-schwarze Plastik des Cockpits, Teppich und Stoffe – alles am Lancia Delta ist eine Spur fragiler, ist dünner und günstiger gemacht als bei den humorlosen Highend-Typen Audi 90 quattro und BMW 325 iX. Dafür sehen die Instrumente mit ihren flirrenden gelben Skalen und das Sportlenkrad so aus, als hätte Lancia bei Ferrari zugekauft. Sechs Rundinstrumente sitzen direkt vorm Fahrer, weitere zwei rechts in der Mittelkonsole. Auch die als Extra geführten griffigen Recaro-Sitze passen gut hierher. Fehlt eigentlich nur noch eine offene Schaltkulisse.

Bella Italia: Der Preis für das schönste Cockpit mit den meisten Anzeigen geht an den Lancia Delta.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Weil der Hype um die breiten Integrale-Versionen seit Jahren im roten Bereich dreht, wird leicht vergessen, dass der Delta ursprünglich als Fronttriebler konzipiert wurde. Das Allrad-Paket lieferte Steyr-Puch zu. Mittig sitzt ein Verteilergetriebe mit Viscosperre, das den Schlupf zwischen vorne und hinten ausgleicht, an der Hinterachse verteilt das selbstsperrende Torsendifferenzial automatisch die Kraft auf die Räder. Da sich die herkömmliche Kraftverteilung von 56:44 zugunsten der Vorderachse im Sportbetrieb als hinderlich für saubere Drifts erwies, wurde das Verhältnis bei späteren Delta umgedreht.
Vor allem der HF mit seinem aufgeladenen Vierzylinder macht klar, wie praktisch es ist, wenn viel Leistung auf vier statt nur zwei Antriebsräder verteilt werden kann. Traktion gibt es reichlich, ganz selbstverständlich serviert, Über- oder Untersteuern so gut wie gar nicht mehr. Allrad macht das Fahren einfach sicherer.

Klare Kante: Das straffe Delta-Design stammt aus der Feder Giorgio Giugiaros, schon 1979 kam der Kompakte auf den Markt.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Aus zwei Liter Hubraum holt der vom großen Lancia Thema Turbo übernommene Vierzylinder 165 PS bei 5250/min. Der ist mit zwei oben liegenden Nockenwellen und zwei Ausgleichswellen ein feines Stück Motorenbau. Er läuft vorne leiser als erwartet und röchelt hinten schön kernig durch die beiden rechts und links verlegten Endrohre. Dabei zieht der Zweiventiler schon ab 2000 Touren sauber und bestimmt nach oben, zeigt sich elastisch und holt bei kurzzeitiger Ladedruckerhöhung auf 0,9 Bar noch einmal kurz und knackig zum Turboschlag aus.
Kompakt und unnachahmlich dynamisch
Das spritzige Wesen des Motors korrespondiert hervorragend mit der präzisen Lenkung und der trockenen Abstimmung des Fahrwerks. Leichtfüßig, bei Asphaltnähten und Löchern im Belag auch mal etwas sprunghaft, und ohne wahrnehmbare Seitenneigung reagiert der HF 4WD auf Richtungswechsel, ohne übertriebene Härte zu zeigen. Dem Fahrer kommt der Delta entgegen, weil alle vier Ecken des gerade einmal 3,99 Meter langen Lancia sauber einsehbar sind. Fahrdynamisch kommt an den HF 4WD keiner ran; aber er ist ja auch der einzige echte Sportler im Feld.
Zur praktischen Seite gehören die Heckklappe und die einzeln umlegbaren Sitze der zweiten Reihe. Hinten geht es spürbar eng zu, aber mehr als vier Insassen finden eigentlich sowieso nur im VW T3 syncro bequem Platz.
Unser Fazit: Ein harter, sportlicher Delta mit Allradantrieb ist das Gegenkonzept zum wohnlichen, komfortablen Audi 90 quattro. Um das herauszufinden, braucht es keinen HF Integrale 16V – es reicht ein schmaler 4WD.
Plus/Miuns
Mit dem Delta hat Lancia die Rallyewelt erobert, zwischen 1987 und 1992 ging der WM-Titel sechsmal in Folge an einen Delta – natürlich mit Allradantrieb. Eine Siegesserie für die Ewigkeit! Dabei ist der Delta der Baureihe 831, der sich von 1979 bis 1994 sagenhaft lange am Markt hielt, eigentlich ein ganz normaler Typ. Bodengruppe und Motoren sind eng mit dem Fiat Ritmo verwandt; das Baukastensystem hatte die Mutter Fiat der Tochtermarke verordnet. Die Vielzahl an Motoren macht das Fachgebiet Delta kompliziert und unübersichtlich. Vierzylinder sind Standard, die Hubräume liegen zwischen 1,3 und 2,0 Litern, die Leistungsspanne zwischen 75 und 210 PS. Es gibt Sauger und Turbo, Vergaser und Benzineinspritzung, Acht- und 16-Ventiler, mit und ohne Kat.

Leistung durch Aufladung: Dem platzsparend quer eingebauten Zweiliter-DOHC-Motor presst ein Garrett-Turbolader feurige 165 PS ab.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Ein weiterer gemeinsamer Nenner der Delta-Familie ist die viertürige Karosserie. Die rostet an vielen Ecken und Enden: am Frontscheibenrahmen, der aus mehreren Blechen gefertigt ist, am Übergang der C-Säule zum Dach und an dessen Abschlusskante sowie in den hinteren Radhäusern und den Unterseiten der Türen. Mit dem HF Integrale kamen 1987 tiefgreifende Änderungen wie Kotflügelverbreiterungen, geänderte Stoßfänger und Schwellerverkleidungen sowie größere 15-Zoll-Räder. Wer einen Delta fachgerecht sanieren will, braucht Fachwissen! Schon die Plastikhutzen auf der Motorhaube des HF 4WD sind selten und gesucht.
Der Allradantrieb gilt als unkompliziert, mit Kontakten sind Ersatzteile gut zu bekommen, die Instandsetzung von Turboladern übernehmen Fachbetriebe. Auch für die restliche Technik, vor allem die des Integrale in allen möglichen Ausbaustufen, ist das Angebot an Teilen überraschend umfangreich. Einen frühen Lancia Delta am Laufen zu halten, bereitet mehr Mühe.
Marktlage
Weniger als eine Handvoll Delta HF 4WD findet sich in einschlägigen Onlinebörsen, der schmal bauende Turbo-Allradler scheint ein Insidertipp sein zu sein – das Angebot an Delta Integrale ist nämlich mehr als zehnmal so groß. Schnäppchen lassen sich aber auch beim HF 4WD allenfalls noch in Italien machen, die Preise liegen jenseits der 20 000-Euro-Marke – oder auch mal zehn Riesen drüber. Das metallicgraue Pendant, ebenfalls ein Delta HF 4WD, unseres Fotowagens steht zum Verkauf: Kontakt über klassik@autobild.de.
Ersatzteile
Ausnahmen sind die Regel, zumindest beim Delta. Tatsächlich ist die Ersatzteilversorgung beim hoch entwickelten Integrale besser als bei einfacheren HF 4WD, deren Karosserie weitgehend dem normalen Delta entspricht. Für den HF 4WD kostet eine Hecktraverse aus Stahl 590, ein Traggelenk 25 Euro. Blinker vorn sind kaum zu bekommen, Frontscheiben gerade Mangelware und rund 1000 Euro teuer. Eine mängelfreie Hutablage kann bis zu 1000 Euro, eine komplette Innenausstattung 2500 Euro kosten.
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