Audi 90 quattro: Test
Allrad für die Massen: Audi mit Fünfzylinder und Vierradantrieb

Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Ein Typ 89 ist nicht der Audi, den Fans ganz oben auf dem Zettel haben, wenn sie von quattro sprechen. Eigentlich unfair, denn gerade die äußerlich unauffälligen Typen Audi 80 und 90 quattro waren es, die den eben noch exotisch und speziell wirkenden Allradantrieb in die Mitte der Gesellschaft trugen. Ferdinand Piëch wollte es so. Im November 1984 war das Angebot komplett: Audi 80, 90, 100, 200 und Coupé waren optional als quattro-Variante erhältlich, zwölf Versionen zwischen weniger als 30.000 Mark beim 80 quattro und mehr als 200.000 Mark beim quattro Sport standen zur Verfügung. Dass Allradantrieb in der Pkw-Welt alltäglich und in der Fläche verfügbar wurde, liegt auch und gerade an der Marke mit den vier Ringen.
Ein 90 quattro von 1987 gehört schon zur zweiten Generation, ist eher gereifter Technologieträger als Rallye-Revolution. Nicht unwahrscheinlich, dass sich die Best-Ager unter den Typ-89-Kunden noch an den brav aussehenden, aber heiß gemachten Audi 90 der Sechziger erinnerten.
Dynamik inklusive
Zwischen 90 alt und 90 neu besteht eine Verbindung: Leistung. Beim 90 quattro steckt in einer betont vernünftigen Limousine beinahe frivol viel Technik: Reihenfünfzylinder ab Werk, Allradantrieb auf Wunsch. Und dann auch ein Hauch Extra-Dynamik. Sportserie heißt das Paket mit Jacquardstoffen auf den Sitzen, Zusatzinstrumenten an der Mittelkonsole, breiten Alu-Rädern und Heckflügel. Es gibt zwar elektrisch verstellbare Außenspiegel, aber die Fenster müssen noch gekurbelt werden – genug ist besser als zu viel.

Der Innenraum kennt, ganz egal ob bei Plastik, Leder oder Stoff, nur eine Farbe: Schwarz. Die feine Sportsitzgarnitur mit "quattro"-Bezügen gehört zum gehobenen Ausstattungspaket.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
1987 kostet die Zwischengröße 90 fast 8000 Mark mehr als ein 80 quattro und rund 3000 Mark weniger als ein 100 CS quattro. Beim Audi 90 mit Allradantrieb zeigt die Tendenz also klar nach oben.
Bald 40 Jahre später ist so ein ewig nicht gesehener Audi für Aufsteiger eine spannende Wiederentdeckung und glänzt als gelungene Mischung. Mit seinen optischen Eigenheiten und im Sport-Look kommt er nicht so bieder und frühverrentet rüber wie ein normaler Audi 80 und zeigt sich handlicher und fahraktiver als der größere Audi 100 des Typs 44. Wenn es kein BMW E30 mit Sechszylinder sein soll, auch das ist eine Erkenntnis unseres Vergleichs auf Asphalt und Schotter, darf es auch gern ein wertiger Typ 89 mit technisch eigenständigem Fünfzylinder sein.

Kein Vier- oder Sechs-, sondern ein Fünfzylinder treibt den Audi 90 an. Als Zweiventiler leistet die 2,3-Liter-Maschine 136 PS.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Der baut so lang, dass sich der Kühler Audi-typisch rechts daneben in die Ecke quetschen muss. 170 PS wären beim Vierventiler drin gewesen, aber die 136 PS des zahmeren 2,3-Liter-Motors tun es auch, und der Sound stimmt. Sanft und mit ganz eigener Klangnote schafft er Abstand zum Normalfall Vierzylinder und eine Idee von Oberklasse. In einem 80 quattro wäre das Fahrerlebnis nur halb so launig gewesen, auch wenn die Basis identisch ist. Die rundliche Karosserie scheint aus dem Vollen geschnitzt, das wie aus Hartlakritz geformte Interieur spurlos und schön gealtert. Kein anderer Audi des letzten Jahrtausends vermittelt so viel Solidität und Langzeitqualität wie ein gepflegter Typ 89.
Vorsprung durch Technik
Passend dazu gibt sich der Allradantrieb unauffällig, einfach in der Handhabung und effizient. Das manuelle Sperrdifferenzial der ersten quattro-Generation wurde durch ein Torsen-Bauteil ersetzt. Das selbstsperrende, "drehmomentfühlende" (deutsch für "torque-sensing") Differenzial verteilt je nach Bodenhaftung die Antriebskraft selbstständig und stufenlos zwischen 75:25 und 25:75 Prozent auf Vorder- und Hinterachse. Die lässt sich auf Knopfdruck sperren – ist das Differenzial aktiviert, bleibt das ABS aus. Erst über 25 km/h wird die Sperre automatisch aus- und das ABS wieder eingeschaltet. Auf der Straße ergibt das ein Gesamtbild großer Harmonie. Der Fünfzylinder zieht rauchig durch, dank quattro-Zutaten gibt es kein Ziehen in der Lenkung und kaum Untersteuern. Der Allradantrieb ist eine vielleicht nicht immer benötigte, aber angenehme Zutat. So ruhig und verlässlich, entspannt und komfortabel fährt sich außerhalb der Kiesgrube kein anderer Allradler im Vergleich. Dass er sich auf Schotter nie wirklich beweisen musste, lag an Audis Ausstieg aus der Rallye-WM 1987. Dort regierte die nächsten Jahre Lancia.
Plus/Minus
Es gibt neben dem Golf 2 wohl kaum ein Auto der Achtzigerjahre, das heute noch so selbstverständlich am Alltag teilnimmt wie der Audi der Generation B3. H-Kennzeichen? Die meisten scheinen noch DIN-Platten zu tragen und im Erstbesitz zu laufen.
Die Langzeitqualitäten des 1986 vorgestellten Audi 80 und des ein Jahr später dazugekommenen 90 sind unbestritten. Das gilt sowohl für den Normalfall Frontantrieb wie die quattro-Versionen (erhältlich ab Audi 80 1,8 S mit 90 PS) und die auf dem B3 basierenden Versionen Coupé (ab 1989) und Cabriolet (ab 1991). Die Konstruktion des unter der Ägide des Pedanten Ferdinand Piëch entwickelten Typ 89 ist so durchdacht wie langlebig. Die vollverzinkte Karosserie und Kunststoff im Innenraum gelten als Musterbeispiele für Haltbarkeit und Solidität. Ab und zu scheuert mal ein Kabel durch, verspröden ein paar Lager des Fahrwerks oder hängt der Dachhimmel durch, aber echte Schwachstellen kennt der B3 nicht. Allerdings ist der Kofferraum klein und verbaut, und durch die großen Glasflächen und schräg stehenden Scheiben vorne und hinten heizt sich der Audi im Sommer gnadenlos auf.

Der Alu-Heckspoiler gehört zur exklusiven "Sportserie". Beim Design setzt der Audi auf abgerundete Ecken und Kanten.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Dank großer Stückzahlen (circa 1,3 Millionen) ist die Versorgung mit Gebrauchtteilen gesichert. Probleme bereitet jedoch der Ersatz für spezifische Ausstattungskomponenten, vor allem beim Audi 90. Dem einfacheren Audi 80 hat der bessere 90 ab Werk Komfort, optische Extras und (mit Ausnahme des Turbodiesels) geschmeidige Fünfzylindermotoren mit 2,0, 2,2 oder 2,3 Liter Hubraum und einer Leistungsspanne zwischen 115 PS an der Basis und 170 beim Vierventiler voraus. Der Gesamteindruck ist der eines erwachseneren Autos und einer originellen Sondergröße unterhalb des populären Audi 100. Ein unterschätzter und bezahlbarer Geheimtipp ist der Audi 90 allemal.
Marktlage
Es gibt Audi 80 quattro und Audi 90, auch Coupés und mal einen 80 Avant mit Allradantrieb. Aber Audi 90 quattro sind rar, ganz gleich, ob sie zum rundlichen Typ 89 oder der kantigen Vorgängerbaureihe Typ 85 gehören. Das liegt sowohl an den geringen Stückzahlen wie auch am zeitlebens kleinen Liebhaberkreis – auf eine internationale Fangemeinde, wie sie der Urquattro besitzt, wartet der Audi 90 quattro noch. Zu den billigen Winterautos gehört er längst nicht mehr: Gute Autos kosten fünfstellig, die Tendenz zeigt klar nach oben.
Ersatzteile
Alles, was beim Audi 80 auch eingebaut wurde, ist vergleichsweise einfach und günstig zu bekommen. Sogar Audi kann liefern. Ein quattro-Schriftzug kostet 23 Euro, ein Radhaus vorn 87, eine Heckschürze 733, ein Tank 143 und ein Klimakompressor heftige 750 Euro. Schwierig bis aussichtslos werde es, sagt Besitzer Markus Hartner, wenn es um Audi-90-spezifische Teile oder Extraausstattungen wie Breitbandscheinwerfer, Alu-Heckspoiler, die zerbrechliche Reflektorblende für den Kofferraumdeckel oder Allrad-Extras wie Scheiben mit "quattro"-Schrift geht.
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